Spiezer Produzent feiert mit «#Female Pleasure» Debut in Locarno

Spiez/Locarno

Der Spiezer Filmproduzent Philip Delaquis durfte am Festival in Locarno mit «#Female Pleasure» in der Sektion «Semaine de la Critique» seinen Dokumentarfilm zeigen.

Sie präsentierten gestern in Locarno «#Female Pleasure» (v. l.): Co-Produzentin Melanie Winiger, Regisseurin Barbara Miller, vier der fünf Protagonistinnen – Doris Wagner, Leyla Hussein, Rokudenashiko und Vithika Yadav (es fehlt Deborah Feldman) –, Co-Produzentin Ellen Ringier und Produzent Philip Delaquis.

Sie präsentierten gestern in Locarno «#Female Pleasure» (v. l.): Co-Produzentin Melanie Winiger, Regisseurin Barbara Miller, vier der fünf Protagonistinnen – Doris Wagner, Leyla Hussein, Rokudenashiko und Vithika Yadav (es fehlt Deborah Feldman) –, Co-Produzentin Ellen Ringier und Produzent Philip Delaquis.

(Bild: Franziska Streun)

Leyla Hussein, Psychotherapeutin und Aktivistin in London, sind von ihrer Familie in Somalia als 7-Jähriger ihre Geschlechtsorgane beschnitten worden, sie setzt sich heute mit ihrer Orga­nisation Dahlia Project weltweit für die Abschaffung dieses unmenschlichen, frauenverachtenden Rituals ein.

Meguma Igarashi hat unter ihrem Pseudonym Rokudenashiko in Japan ihre Vagina zum Kunstobjekt gemacht, wurde in Handschellen von zehn bewaffneten Polizisten abgeführt und angeklagt – und setzt sich noch heute mit ihrer Vagina für das Recht der Frau ein.

Deborah Feldman floh mit ih­rem Sohn bald nach der Geburt aus ihrer chassidischen, ultra­orthodoxen jüdischen Glaubensgemeinschaft in der Bronx von New York, wurde angegriffen und rettete sich dank der Öffentlichkeit, welche sie mit ihrem Buch «Unorthodox» über ihr Schicksal erreichen konnte.

Doris Wagner wurde als Ordensfrau jahrelang von einem katholischen Priester sexuell missbraucht, kämpfte vergeblich um ihr Recht, floh ebenfalls und schrieb ihre Er­lebnisse mit ihrem Buch «Nicht mehr ich» in die Welt hinaus. ­

Vithika Yadav will heute mit ihrer Organisation Love Matters India die Frauen stärken, die in ihrer Kultur regelmässig von Kindesbeinen an begrabscht, vergewaltigt oder sogar getötet werden.

Präsentation in Locarno

Der Film «#Female Pleasure», welcher der Spiezer Philip Delaquis, Mons Veneris Films, pro­duziert hat, lässt die fünf klugen und selbstbestimmten Protagonistinnen über das erzählen, was sie erlebt haben. Mutig brechen die Frauen das Tabu des Schweigens und der Scham, das ihnen die Gesellschaft oder ihre religiösen Gemeinschaften mit ihren archaisch-patriarchalen Strukturen auferlegen.

Zusammen mit vier von ihnen – Leyla Hussein, Rokudenashiko, Doris Wagner und Vithika Yadav –, der Regisseurin Barbara Miller («Forbidden Voices») und den beiden Co-Produzentinnen Ellen Ringier und Melanie Winiger durften Philip Delaquis und die Crew ihr Werk gestern Sonntag am Filmfestival Locarno in der Sektion «Semaine de la Critique» als einen von insgesamt sieben von einer unabhängigen Fachjury ausgewählten Filmen präsen­tieren.

«Die wichtigste Botschaft des  Films ist, dass  Veränderungen möglich sind.»Philip Delaquis

Die fünf Protagonistinnen in Delaquis Dokumentarfilm setzen sich heute für sexuelle Aufklärung und Selbstbestimmung aller Frauen ein, hinweg über jedwelche gesellschaftlichen sowie religiösen Normen und Schranken. Dafür zahlen sie einen hohen Preis – sie werden öffentlich diffamiert, verfolgt und bedroht.

Film versprüht Zuversicht

«#Female Pleasure» schildert eindringlich, wie universell alle kulturellen und religiösen Grenzen überschreitend die Mechanismen sind, die die Situation der Frau – egal, in welcher Ge­sellschaftsform – bis heute bestimmen. «Er ist ein Plädoyer für das Recht auf Selbstbestimmung und gegen die Dämonisierung der weiblichen Lust durch Re­ligion und gesellschaftliche Res­triktionen», ist in den Presseunterlagen zu lesen.

Auch deshalb, weil Männer die Protagonistinnen bei ihren Aktivitäten unterstützen, hinterlässt der Film das Publikum mit der Zuversicht, dass sich die Zeiten ändern. Ähnlich sieht es Delaquis, der «Yaloms Anleitung zum Glücklichsein» oder auch «Guru – Bhagwan, sein Sekretär & sein Bodyguard» produziert hat: «Die wichtigste Botschaft von ‹#Female Pleasure› ist, dass Veränderungen möglich sind», sagte der 44-jährige Spiezer im Anschluss an die Präsentation und nach der bewegten, engagierten Diskussion der Crew mit dem Publikum im 900-plätzigen vollen Saal.

Fünf Jahre daran gearbeitet

Philip Delaquis bezeichnet es als Privileg, dass er und Barbara Miller, Mitinhaberin der Mons Ve­neris Films GmbH, diesen Film hätten produzieren können. Die Arbeit am 1-Million-Franken-Projekt hat fünf Jahre gedauert: «Wir hinterfragen alte Rollenmuster und unsinnige, nicht mehr zeitgemässe Traditionen», sagt der 44-Jährige.

Der Gegner sei unheimlich gross. «Es ist das uralte Patriarchat, das viele Kleider trägt.» Doch der Film schaffe es, zu zeigen, was hinter den gängigen Mechanismen wirke: «Dass alle Weltreligionen sehr frauenfeindlich sind – und nicht die Religion die Ursache ist. Es geht um etwas viel Grösseres, die Strukturen.»

Daher sei er dankbar, dass «#Female Pleasure» am viertgrössten Festival in Europa vor internationalem Publikum einen Auftritt erhalten habe. «Wir tun alles, damit möglichst viele Leute den Film sehen können.»

Die Botschaft von «#Female Pleasure» ist unmissverständlich und wurde im Saal mit über zehn Minuten andauernden Standing Ovations quittiert. «Der Film ist gemacht», wie es im Abspann steht, «um Frauen weltweit zu stärken.» «#Female Pleasure»startet am 15. November in den Kinos in der Schweiz und in Deutschland.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt