Spital Thun kämpft um seine Psychiatrie

Die Psychiatrischen Dienste sollen vom Psychiatriezentrum Münsingen übernommen werden. Die Angestellten in Thun und Zweisimmen bangen um ihre Stellen.

Noch gehören die Psychiatrischen Dienste zum Spital Thun. Dort wollen sie auch bleiben.

Noch gehören die Psychiatrischen Dienste zum Spital Thun. Dort wollen sie auch bleiben.

(Bild: Franziska Rothenbuehler)

Das Psychiatriezentrum Münsingen (PZM) will per 1. Januar 2020 die Psychiatrischen Dienste Thun (PDT) übernehmen. Ausserdem plant das PZM, mit dem ortsansässigen Spitalzentrum in Biel einen psychiatrischen Notfalldienst zu stellen – ein solches Angebot fehlt dort bis anhin (wir berichteten).

Die Pläne zur Übernahme sorgen im Spital Thun für Unmut. Aktuell sind die PDT Teil der Spital STS AG. «Das Personal der PDT wurde erst letzte Woche über das Vorhaben des Psychiatriezentrums informiert», sagt Walter Gekle, stellvertretender Chefarzt Psychiatrie im Spital Thun. In seiner Funktion als Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie (SGSP), Sektion Deutschschweiz, hat er eine Protestnote zum geplanten Vorgehen verfasst.

Ambulante gleich defizitär?

«Die Psychiatrischen Dienste Thun sind in der Region gut und lange verankert», gibt Gekle zu bedenken. Rund 100 Mitarbeitende sind in den Spitälern Thun und Zweisimmen sowie an anderen Standorten im Versorgungsgebiet tätig. Gerade jene im Simmental würden durch die mögliche Übernahme stark um ihre Arbeitsplätze bangen, sagt Gekle. Das, weil die ambulanten Angebote ökonomisch gesehen zu wenig Nutzen bringen würden. So geht die Stossrichtung der psychiatrischen Dienste zwar vor allem in Richtung ambulante, wohnortnahe Behandlung, Klinikaufenthalte sollen möglichst nur kurzzeitig zur Krisenintervention erfolgen.

Der bundesrätliche Eingriff in die Tarife vom 1. Januar 2018 verursache in den ambulanten psychiatrischen Diensten und psychiatrischen Praxen der Schweiz jedoch einen Verlust von rund 10 Prozent, was die Entwicklung der ambulanten Versorgung enorm beeinträchtige, heisst es in Gekles Mitteilung der SGSP. So betrage etwa der Stundenlohn eines Therapeuten mehr, als über die Tarife abgedeckt wird: ein defizitäres Geschäft. Auch das im Kanton Bern eingeführte Normkostenmodell mache den psychiatrischen Diensten das Leben schwer: Bei den PDT seien dadurch etwa 30 Prozent der kantonalen Zuwendungen weggebrochen, sagt Gekle. «Ambulante Angebote sind finanziell nicht lukrativ. Unsere Angestellten befürchten, dass sie weggespart werden.»

Um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, planen die Angestellten der PDT in den nächsten Tagen ebenfalls an die Öffentlichkeit zu treten. Laut PZM haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der PDT nichts zu befürchten: Vergangene Woche hiess es in einer Medienmitteilung des Zentrums, dass es nach der Übernahme mit dem heutigen Personal und den bestehenden Angeboten weiterarbeiten wolle.

Der Betten-Kniff

Anders als bei ambulanten sieht die Situation bei stationären Behandlungen aus: Für die regionalen Spitalzentren seien psychiatrische Betten eine gute Einnahmequelle, sagt Walter Gekle. Damit können ambulante Angebote quersubventioniert werden. In Thun sei dieser Kniff nicht möglich: «Wir sind 15 Kilometer vom Psychiatriezentrum Münsingen entfernt und haben daher im Spital Thun keine entsprechenden Betten.» In der Übernahme durch das PZM, das über Betten verfügt, sieht er dennoch keine Lösung: «Es muss möglich sein, ambulante psychiatrische Dienste kostendeckend anzubieten.» Das erfordere eine Überarbeitung des Systems.

Grundsätzlich, sagt Gekle, sei die SGSP der Meinung, dass die Idee einer «integrierten Versorgung» richtig und erstrebenswert sei. Den eingeschlagenen Weg dazu empfinde sie jedoch als falsch und sehe darin die Abkehr vom Grundsatz «Ambulant vor stationär».

Gekle befürchtet, dass in Thun dieselben Fehler passieren wie vor 10 Jahren in Biel: Damals seien die dortigen psychiatrischen Dienste aus dem Regionalspital gelöst und zu einer Zusammenarbeit mit der Klinik Bellelay «gezwungen» worden, wie Gekle schreibt. Das Ziel war bereits damals, eine integrierte Versorgung aufzubauen. Der Versuch scheiterte jedoch. «Obwohl sich das Modell nicht bewährt hat, soll es nun unter der Leitung des Psychiatriezentrums Münsingen noch einmal umgesetzt werden», heisst es weiter.

GEF soll über die Bücher

Die SGSP wünscht sich, dass die Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) noch einmal über die Bücher geht, was das Normkostenmodell betrifft, um ambulante Angebote kostendeckend zu gestalten. In der Protestnote der SGSP fordert Walter Gekle zudem, dass die integrierte Versorgung in Thun wie bisher in der Verantwortung des ambulanten Dienstes und des Regionalspitals liegt.

Eine solche Lösung solle auch in Biel angestrebt werden. «Ausserdem ist es dringend nötig, in die jeweiligen Projekte die Anspruchsgruppen der Betroffenen, der Angehörigen, der niedergelassenen Ärzte sowie der regionalen und kantonalen Behörden einzubeziehen», sagt Gekle. Dass dies bisher nicht geplant sei, sei ein Versäumnis.

Thuner Tagblatt

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