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«Sündenfall» für Salondampfer

Heute vor 25 Jahren sagten die Stimmbürger deutlich Ja zu einer staatlichen Defizitgarantie für den Betrieb der Dampfschiffe auf Thuner- und Brienzersee.

Die Freude muss riesig gewesen sein – auch auf der Redaktion des «Thuner Tagblatts» – als heute vor 25 Jahren klar war: Das bernische Stimmvolk hat überraschend deutlich Ja gesagt zum sogenannten Dampfergesetz. Anders ist die in übergrossen, leuchtend roten Lettern formulierte Überschrift auf der Titelseite der Ausgabe vom 17. Februar nicht zu erklären. «Berner Stimmvolk gab Signal: Volle Kraft voraus!» prangt da – und daneben ist das Ergebnis von 158'204 (54,4 Prozent) Ja zu 132'228 (45,6 Prozent) Nein in ein Foto vom Radkasten des Dampfschiffs Blümlisalp montiert.

Engagierte Kampagne

Die Redaktion des «Thuner Tagblatts» hatte die Sanierung und Wiederinbetriebnahme des Salondampfers, der zuvor Jahrzehnte im Kanderdelta vor sich hin rostete, stets eng und wohlwollend begleitet. So verwundert es denn auch nicht, dass der damalige Chefredaktor René E. Gygax im Vorfeld der Abstimmung in einem Kommentar deutliche Worte brauchte: «Das Hauptargument gegen das Dampfergesetz, der Kanton Bern könne sich die 300'000 Franken nicht leisten, ist geradezu lächerlich», schrieb er. Und weiter: «Dieser Kanton verbuttert jährlich Dutzende Millionen in irgendwelche Subventionen und Beiträge.»

Ja trotz Krise

Die «Blüemlere»-Euphorie damals war schlicht mit nichts zu vergleichen. Die Initiative, die zur Abstimmung vom 16. Februar 1992 führte, wurde von einer ­Rekordzahl von mehr als 40'000 Personen unterzeichnet. Hintergrund war die Befürchtung, dass ein fahrplanmässiger Betrieb des Raddampfers die Schifffahrt auf Thuner- und Brienzersee in finanzielle Schieflage bringen würde.

Während die Sanierungsarbeiten an der «Blüemlere» auf Hochtouren liefen, damit sie wie geplant am 22. Mai zur zweiten Jungfernfahrt in See stechen konnte, wurden Pläne und Konzepte für den Betrieb ausgearbeitet. Das Problem: Die BLS als ­Betreiberin der Schiffe auf den Oberländer Seen hatte keinen Bedarf für ein zusätzliches Kursschiff. Die Wiederinbetriebnahme der «Blüemlere» schaffte nicht nur Überkapazitäten, das Dampfschiff war – und ist heute noch – teurer im Betrieb als ein Motorschiff.

Deshalb musste zunächst jeder Passagier einen Dampfzuschlag von fünf Franken pro Tag bezahlen. Weil diese Massnahme aber womöglich nicht ausreichte, lancierten die Dampferfans die Volksinitiative, auf deren Basis das Dampfer­gesetz ausgearbeitet wurde. Konkret sollte der Kanton eine jährliche Defizitgarantie von 300'000 Franken für die Schifffahrt sprechen, zudem wurde der Regierungsrat ermächtigt, diese auf eine halbe Million aufzustocken, wenn die Situation dies erfordern würde.

Die schwierige Wirtschaftslage – es herrschte eine Rezession, und die Kantonskassen waren leer – hatte denn auch zur Folge, dass die Gegner vor allem die finanzpolitische Keule schwangen. SVP-Grossrat Hans Berger aus Fahrni etwa störte sich daran, dass die BLS die Dampfschifffahrt nicht mit einem etwas grösseren Zuschlag selbst finanzierte.

Zustimmung aus dem Jura

Diese Zeitung hat die Abstimmungsergebnisse von damals digital erfasst, nach seither erfolgten Gemeindefusionen bereinigt und grafisch dargestellt. Dabei zeigen sich einige bemerkenswerte Ergebnisse. So hat das Zulgtal – wohl auch mit Blick auf «seinen» SVP-Grossrat aus Fahrni, die Vorlage praktisch geschlossen abgelehnt – nur Schwendibach, Horrenbach-Buchen und Eriz sagten knapp Ja.

Aus Oberlangenegg kam mit 61 Prozent das deutlichste Nein im ganzen Oberland. Jura-Gemeinden wie Rebévelier oder Châtelat verwarfen die Vorlage für die Oberländer Schifffahrt mit wuchtigen 84,4 und 75,4 Prozent, und auch Scheunen, das heute zu Jegenstorf gehört, sagte mit 81 Prozent Nein.

Mit 77,8 Prozent Ja-Stimmen kam allerdings auch das deutlichste Pro-Votum des ganzen Kantons aus dem Berner Jura – aus Monible, das wie Châtelat heute zu Petit-Val gehört –, gefolgt von Oberhofen mit 77,5 Prozent und Beatenberg mit 74,6 Prozent Ja-Stimmen-Anteil. Der Blick auf die Karte zeigt, dass naturgemäss Seeanstössergemeinden am deutlichsten Ja sagten, aber auch die bevölkerungsstarken Gemeinden um Bern und Biel sowie diese Zentren mehrheitlich für die staatliche Unterstützung der Schifffahrt votierten.

Nach 6 Jahren abgeschafft

Bereits 1998 wurde das Dampfergesetz aus Spargründen vom Grossen Rat aufgehoben. In den Jahren 1994 und 1996 hatte die BLS 710 257 Franken beansprucht. Der Dampfzuschlag wurde schon 1997 abgeschafft. Ab 1998 wies die Schifffahrt bis 2008 rote Zahlen aus – mit einem Negativrekord von 1,58 Millionen Franken im Jahr 2000. Zwar unterstützte der Kanton das Unternehmen noch mit Betriebs- und Umstrukturierungsbeiträgen in der Höhe von rund 2,5 Millionen Franken. Doch 2007 wurden die letzten Beiträge an den Betrieb ausbezahlt.

Erst 2009 konnte die Schifffahrt wieder schwarze Zahlen präsentieren; nach nur zwei Jahren folgte jedoch mit ausserordentlichen Abschreibungen gleich wieder ein Verlust von 1,5 Millionen Franken. Immerhin scheint jetzt der Turnaround geschafft: Nach 2015 sieht es danach aus, als ob 2016 ein Gewinn resultieren würde. Und: Der Kanton finanziert mit 12 Millionen Franken den Bau einer neuen Werft in Thun.

Bewegung in der Flotte

Seit der Wiederinbetriebnahme der «Blüemlere» schaffte die BLS unter anderem Ende der 1990er-Jahre mit der Berner Oberland das grösste Schiff auf den beiden Seen an; sie zügelte die Jungfrau vom Thuner- auf den Brienzersee als Ersatz für das Rothorn und nahm das Schilthorn auf dem Thunersee in und die Stadt Bern ausser Betrieb. Mit dem «Oberhofnerli» kam zudem 2014 ein kleines Schiff für Extrafahrten zurück auf den Thunersee.

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