«Ufe mit de Klimaziel, abe mitem CO2!»

Thun

Die Thuner Klimastreikenden verschaffen sich Gehör: lautstark, fröhlich und friedlich.

Linus (16), Lilith (16), Lea (16), Gael (16) und Natalia (14) (v.l.) beteiligten sich am 6. April am Thuner Klimastreik. Foto: Zoé Kammermann

Linus (16), Lilith (16), Lea (16), Gael (16) und Natalia (14) (v.l.) beteiligten sich am 6. April am Thuner Klimastreik. Foto: Zoé Kammermann

6. April, 11 Uhr morgens: Auf der kleinen Wiese in der Berntorgasse haben sich an die 500 Menschen versammelt – kleine Kinder, junge Erwachsene, Eltern und Grosseltern. Viele tragen Schilder bei sich, auf denen bunte Zeichnungen zu sehen sind – schmelzende Erdkugeln, brennende Häuser, tickende Uhren.

Bilder, die für sich sprechen. Die Atmosphäre ist friedlich, Glockengeläut erfüllt die Luft. Es sind die Glocken der Stadtkirche, der St.-Marien-Kirche und der St.-Martin-Kirche, die da erklingen und sich so mit den Demonstrierenden solidarisieren. «Sie haben uns nicht nur zusammengerufen, sie haben auch Alarm geläutet», sagt der sechzehnjährige Linus, der vor der versammelten Menge auf einem Holzpodest steht und ins Mikrofon spricht.

«Bis ins 19. Jahrhundert ist die Bevölkerung bei drohenden Katastrophen durch das Läuten der Kirchenglocken gewarnt worden. Heute stehen wir vor einer Katastrophe, und zwar vor einer, die nicht nur eine einzelne Stadt oder ein einzelnes Land betrifft, sondern die ganze Welt.»

Zero Waste und Zugreisen

Die Thuner Klimagruppe, die zur Bewegung Klimastreik Schweiz gehört, ist eine von vielen dezentralen Gruppen, die seit dem Aufruf der schwedischen Jungaktivistin Greta Thunberg im Dezember entstanden sind. Seither haben die Thuner Klimastreikenden zwei Streiks und eine Demo organisiert, sind in regem Austausch mit der Schulleitung und planen weitere lokale Aktionen.

Siebzehn Leute sind zurzeit im Organisationskomitee, grösstenteils Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, aber auch Studierende und Oberstufenschüler und -schülerinnen.

Die Jugendlichen fordern die Politik auf, endlich angemessene Massnahmen gegen die Klimakrise zu ergreifen. Die meisten von ihnen sind noch nicht volljährig und haben somit noch kein Stimmrecht. Streiken ist ihre Möglichkeit, sich dennoch Gehör zu verschaffen.

Sie belassen es aber nicht beim Protestieren, wie ihnen oft vorgeworfen wird, sondern setzen auch bei sich selber an. Die vierzehnjährige Natalia will ihren Haushalt auf Zero Waste umstellen, Lea hat ihre Familie überzeugt, für die nächsten Ferien den Zug anstatt des Flugzeugs zu nehmen, und Gael isst kein Fleisch mehr.

«Es braucht beides: Eigenverantwortung und Änderungen auf gesetzlicher Ebene», sagt Linus. Allein auf Eigenverantwortung zu setzen, habe nirgends hingeführt, mache die Wissenschaft doch schon seit mehr als 20 Jahren erfolglos auf die Klimakrise aufmerksam.

«Ich bin mit der Welt, so wie sie jetzt ist, nicht zufrieden und will etwas verändern. Wir können nicht länger nur darüber sprechen, wir müssen jetzt etwas machen», sagt Lea. Auch Gael ist dieser Meinung. «Was bringt es mir, zur Schule zu gehen, wenn gleichzeitig meine Lebensgrundlage zerstört wird!»

Lilith ist begeistert, wie schnell die Bewegung gewachsen ist, und hofft, dass durch die mediale Präsenz der Thematik nicht nur bei den Politikerinnen und Politikern, sondern auch bei den Menschen, die sich bisher noch nicht damit befasst haben, ein Umdenken stattfindet.

25000 Säcke CO2

Als Nächstes ergreift Patrick Hofer, ein Thuner Solarpionier, das Mikrofon. «In der Schweiz verbrauchen wir 5,6 Tonnen CO2 pro Person», beginnt er seine Rede. «Darunter kann ich mir nichts vorstellen.» Er nimmt einen 110-Liter-Müllsack der Avag hervor. «Für eine Tonne CO2 bei Umgebungstemperatur würde ich 4500 Säcke brauchen. Wenn wir 5,6 Tonnen CO2 haben, sind das 25000 Säcke pro Person.

Das ist zu viel, wo würden wir die hintun.» Die Lösungen, um emissionsfrei zu leben, seien schon lange da, sagt er und nennt als Beispiel die Solarenergie. Die Sonne produziert in nur drei Stunden so viel Energie, dass damit der Jahresenergiebedarf der gesamten Erdbevölkerung abzudecken wäre. «Anstatt mehr zu zahlen für sauberen Strom, könnten wir auch sagen, wir zahlen mehr für Drecksstrom.»

Eine Mutter meint: «Der Klimastreik ist als Jugendbewegung entstanden – mittlerweile ist er längst mehr als das. Und natürlich braucht es uns Erwachsenen, die sich solidarisieren, die unterstützen und vor allem: Wir sitzen jetzt in den Entscheidungspositionen.

Bis unsere Kinder da sitzen, wo sie Einfluss nehmen können auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen, ist viel zu viel kostbare Zeit verstrichen. Und meine Generation hat schon viel zu viel von dieser kostbaren Zeit verstreichen lassen.»

Auf die Forderung der Gegenseite, doch erst mal vor der eigenen Haustür aufzuräumen, meint sie: «Niemand muss perfekt sein, um seine Stimme zu erheben! Jeder persönliche Beitrag zum Klimaschutz ist wichtig und richtig, aber wir sind auf der Strasse, um die Politik zu verändern.»

Teil der Lösung

«Manchmal verliert man den Glauben», sagt Linus, als er zum Schluss wieder das Mikrofon übernimmt. «Zum Beispiel, wenn man in den sozialen Medien die Kommentare liest. Man wird ausgelacht, missverstanden, verspottet: Geht doch zur Schule, werdet Wissenschaftler, und dann löst eure Probleme selber – so die Gegenseite. Super Idee, oder? Man sieht ja, wie gut die Politik heutzutage auf die Wissenschaft hört.»

Aber dann gibt es auch Momente, in denen er wieder Hoffnung schöpft. Das internationale Vernetzungstreffen der Klimastreikbewegung, an dem auch Greta teilnahm, war so ein Moment. Dieses Treffen hat ihm wieder Mut gemacht.

Um ihrem Ziel näherzukommen, sammeln die Jugendlichen nun Unterschriften, um die erste Jugendmotion einzureichen, die in Thun je eingereicht wurde. Ihre Forderung: die Ausrufung des Klimanotstandes sowie netto 0 Treibhausgasemissionen bis 2030.

«Ufe mit de Klimaziel, abe mitem CO2», ruft Lea und fordert die anwesenden Thuner auf, in die Parole miteinzustimmen. Der Ruf ist noch ein wenig verhalten, Thun scheint noch nicht ganz so überzeugt zu sein von dieser neuartigen Bewegung. Nichtsdestotrotz ist es erfreulich, zu sehen, wie zahlreich und wie unterschiedlich die Leute sind, die sich heute hier versammelt haben.

Der Klimawandel ist nun mal keine Frage von rechts oder links, alt oder jung. Nur gemeinsam können wir etwas bewegen, und wir können, wie auf einem der Plakate so schön zu lesen ist: «Ein Teil der Lösung anstatt ein Teil des Problems sein.»

Der nächste internationale Streik findet am 24. Mai auf dem Thuner Rathausplatz statt. climatestrike.ch

Zoé Kammermann (19) aus Thun besucht das Gymnasium Hofwil in Bern. Ihre Hobbys sind Lesen, Schreiben, Kunst, Natur, Freunde.

Thuner Tagblatt

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