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Vater, weisst du nicht mehr?

Mit dem Theaterstück «Vater» von Florian Zeller läutete die Kunstgesellschaft Thun die neue Spielzeit ein. Rund 400 Gäste folgten der Tragikomödie.

Alzheimerpatient André (Ernst-Wilhelm Lenik) mit Tochter Anne (Irene Christ).
Alzheimerpatient André (Ernst-Wilhelm Lenik) mit Tochter Anne (Irene Christ).
PD

«Ich war Tänzer, vor allem Stepper», verkündet der 80-jährige André (Ernst-Wilhelm Lenik) übermütig trippelnd Laura (Franziska von der Heide), einer jungen Pflegerin, die sich um die gerade frei gewordene Stelle bemüht. Die Vorgängerin hatte den Job geschmissen, weil André sie beschuldigt hatte, seine Uhr gestohlen zu haben – die er kurz darauf wiederfand.

«Vater, du warst Ingenieur!», berichtigt Tochter Anne (Irene Christ) dem Verwirrten. Er habe die Absicht, seine Tochter zu begraben und eine kleine Rede zu halten, wie hinterhältig sie gewesen sei, teilt er fröhlich mit. «Anne ist nicht sehr intelligent, das hat sie von ihrer Mutter», schüttet er weiter ätzende Worte aus.

Kein Wunder, dass Anne des Nachts träumt, sie habe ihm die Hände um den Hals gelegt und zugedrückt. Später teilt sie ihrem Vater mit, dass sie jemanden kennen gelernt habe und nach London gehen werde.

Eine Welt im Nebel

Halb transparente Stellwände ragen auf der Bühne auf, hinter denen eine Welt im Nebel zu liegen scheint – ähnlich wie die von André, dessen Krankheit unaufhaltsam seine Realität und Empathie auffrisst. Was dieses Theaterstück aber vor allem ausmacht, ist die Perspektive. Denn das Publikum, das eben noch die Schusseligkeit des Alten belacht hat, findet sich kurze Zeit später selbst nicht mehr zurecht.

Tochter Anne sieht plötzlich ganz anders aus (Maja Müller) und beteuert, natürlich werde sie nicht nach London gehen. Sie sei mit Pierre verheiratet (Benjamin Kernen, Tim Niebuhr). Wohnt Anne bei André oder er bei ihr? Mit wenigen Handgriffen werden Möbel verschoben und entfernt, bis der alte Herr fragt: «Bin ich hier bei mir zu Hause?»

Dann vertraut er Laura an: «Ich habe bemerkt, dass mit mir etwas passiert. Als hätte ich lauter kleine Löcher.» Als Pierre sich durchsetzt und Anne den Vater in eine Pflegeeinrichtung bringt, bemerkt André entrüstet, ein Bett stelle man doch nicht mitten ins Wohnzimmer. «Wer bin ich?», fragt er Schwester Martine. «Sie sind André!», erwidert sie, und er: «Sind sie sicher?»

Fesselnde Inszenierung

Die Inszenierung unter der Regie von Rüdiger Hentzschel fesselte das Publikum wie in einem Krimi. Das vielfach international ausgezeichnete Theaterstück des französischen Autors Florian Zeller versetzt den Betrachtenden in das beklemmende Gefühl, seinen Sinnen und seiner Urteilskraft nicht mehr vertrauen zu können.

Die Angst des Erkrankten und die Qual der Angehörigen rücken ohne sichere Distanz in beängstigender Weise auf die Pelle. Mit starkem Ensemble und beeindruckendem Ernst-Wilhelm Lenik als André brachte das Euro-Studio Landgraf das Thema Alzheimer auf sensible Art und Weise näher. Der bisher nicht heilbare Gedächtnisverlust wurde laut Weltgesundheitsorganisation seit 2015 bei 47,5 Millionen Menschen diagnostiziert.

Das nächste Schauspiel der KGT im KKThun: 10. November, 19.30 Uhr «Die Affäre Rue de Lourcine» von Eugène Labiche. www.kgt-thun.ch

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