Was bringt eine Lehre nach der Matura?

Das KV nach dem Gymer? Ryan Koller vom Pfeffer-Team hat diesen Weg gewählt. Wo die Schwierigkeiten lagen, was sich gelohnt hat und wo er eine ruhige Kugel schieben konnte, berichtet er hier.

Hilfsmittel auf dem Weg von der Matura zum Berufsabschluss.

Hilfsmittel auf dem Weg von der Matura zum Berufsabschluss.

(Bild: Ryan Koller)

Nach dem erfolgreichen Abschluss des Gymnasiums habe ich mich dazu entschlossen, eine verkürzte KV-Lehre zu beginnen. Diese dauert ein Jahr weniger als die normale KV-Ausbildung, da die Matur als Erstausbildung angerechnet wird. Mit nur wenig Berufserfahrung startete ich im Sommer 2017 in meine zweite Ausbildung zum Kaufmann. Heute, zwei Jahre später, befinde ich mich inmitten der LAP (Lehrabschlussprüfung). Zeit, ein Fazit zu ziehen.

Sicht des Lernenden

Ich ging mit gemischten Gefühlen in meine verkürzte KV-Lehre bei der Schleuniger AG in Allmendingen bei Thun. Einerseits freute ich mich sehr auf meine bevorstehende Zeit, denn ich wusste damals kaum, was es bedeutet, einen ganzen Tag, eine ganze Woche oder sogar einen ganzen Monat zu arbeiten. Die Anzahl der Schullektionen im Gymnasium pro Tag war, vor allem im letzten Jahr, niedrig, und ich hatte nebst der Schule sehr viel Freizeit. Ich wusste: Dies wird sich im KV ändern. Die Arbeitswoche als Kaufmann ist bis auf einige Ausnahmen strukturiert und gegliedert. Man ist sich bewusst: Der Tag beginnt um 8 Uhr und endet um 17 Uhr.

Ohne arrogant klingen zu wollen, hatte ich in der Schule auf dem Weg zum Kaufmann kaum Schwierigkeiten, dem Stoff zu folgen, auch wenn ich nur wenige Lektionen in der Berufsschule besuche. Von den Fächern WuG (Wirtschaft und Gesellschaft) sowie sämtlichen Sprachen und Sport bin ich dispensiert. So blieb mir nur noch das Fach IKA (Information, Kommunikation, Administration). Je nach Erstausbildung wird man von schulischen Fächern dispensiert, dafür können noch andere Fächer dazukommen.

Die Schwierigkeit bestand eher auf beruflicher Ebene. Ich musste den Lernstoff, für welchen die «normal» Lernenden drei Jahre in Anspruch nehmen, in zwei Jahren abarbeiten und mir eine Sicherheit und Routine in allen Arbeitsabläufen aneignen. Beispielsweise war ich in der Abteilung Marketing nur drei Monate tätig anstatt deren sechs normalerweise.

In meiner verkürzten Ausbildung zum Kaufmann durchlief ich die Abteilungen HR (Human Resources), Verkauf, Einkauf, Marketing und Buchhaltung. Klar, dass ich mich nicht mit jeder Abteilung gleichermassen identifizieren konnte. Dennoch blieben die Tätigkeiten stets interessant und vielseitig. Zum Teil wurde es eng, die abteilungsspezifischen Lernziele allesamt zu erreichen. Letztendlich klappte alles ganz ordentlich.

Die ganzen zwei Jahre hindurch spürte ich das Vertrauen der Firma und der einzelnen Mitarbeiter, welche mich durch meine Ausbildung begleiten. Oft nahmen mich meine Mitarbeiter gar nicht als «normalen» Lehrling war, denn man traute mir durchaus komplexere Aufgaben zu, was ich natürlich schätze. Ich möchte mich natürlich nicht zum Himmel heben, dennoch bin ich überzeugt, dass mir die erste, gymnasiale Ausbildung in vielen Situationen einen Vorteil bringt.

Obwohl ich der Meinung bin, die beiden, komplett verschiedenen, Ausbildungen nicht vergleichen zu dürfen, wusste ich mein breites Wissen in meiner Lehre anzuwenden. Beispielsweise die Sprachen Deutsch und Englisch: Da die Schleuniger AG international tätig ist und die Mehrheit der Kunden, Lieferanten oder Partner rund um den Globus verteilt sind, führte ich diverse Telefonate, E-Mail-Konversationen oder Gespräche mit Externen in englischer Sprache. Besonders hier wurde mir bewusst, wie wichtig Fremdsprachen sind, und ich war dankbar, das Gelernte anwenden zu können. Dies bewahrte mich vor heiklen Situationen.

Sicht des Berufsbildners

Die Konstellation zwischen der Firma und mir war von Beginn an eine Win-win-Situation, denn die Schleuniger AG hatte zu Beginn meiner verkürzten Lehre keinen Lernenden im ersten Lehrjahr. So konnte ich diese Lücke direkt schliessen. Natürlich hatte die Firma von Anfang an höhere Erwartungen an einen Lernenden, der bereits eine Erstausbildung absolviert hatte und ein erhöhtes Wissen mitbrachte.

Dies ist aber individuell abhängig von der Art der vorherigen Ausbildung (Gymnasium/Lehre). Zu erwähnen ist, dass der Lernende oft andere Inputs und Einblicke mitbringt und deshalb für die Firma einen Mehrwert aufweisen kann. Das Unternehmen kann von den Erfahrungswerten des Lernenden profitieren. Deshalb darf eine höhere Erwartungshaltung durchaus vorliegen.

Die Schwierigkeit der verkürzten Lehre bestand darin, einen sinnvollen und strukturierten Ausbildungsplan zu erstellen. Der Berufsbildner steht vor der Herausforderung, das Ausbildungsprogramm von drei auf zwei Jahren zu kürzen, und dennoch müssen alle Abteilungen miteinbezogen und genügend Zeit einberechnet werden, sodass letzten Endes alle Lernziele abgearbeitet sind. Da ich von der Mehrheit der schulischen Fächer dispensiert bin, habe ich mehr Zeit in der Firma zur Verfügung und kann diese fehlende Zeit kompensieren.

Ob ein Lernender mit 16 Jahren nach der 9. Klasse die Lehre startet oder ein 20-Jähriger direkt mit dem Maturzeugnis in der Tasche, zeigt natürlich auch im menschlichen Verhalten eine Differenz auf. Das Auftreten wirkt um einiges selbstbewusster, reifer und abgeklärter. In Stresssituationen bleibt der Lernende ruhiger und lässt sich nicht so rasch irritieren oder verlangt sofortige Unterstützung. Solche Verhaltensweisen sind deutlich ersichtlich und machen eine Zweitausbildung zu einer Win-Situation für die Firma.

Mein Fazit

Ich ziehe ein positives Feedback aus meinen zwei letzten Jahren. Ich durfte viel profitieren und dazulernen. Der Mehrwert der verkürzten Lehre ist für mich unumstritten da. Alles in allem braucht sich niemand zu fürchten davor, dem schulischen und beruflichen Lernstoff in einer verkürzten Zeitperiode nicht seriös folgen zu können. Die verkürzte Lehre ist meiner Meinung nach eine Herausforderung, aber kann deine Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt erhöhen.

Thuner Tagblatt

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