Was soll der viele Schaum auf dem Thunersee?

Ein Limnologe des Kantons und ein er­fahrener Seepolizist erklären die optisch nicht gerade attraktiven, aber unbedenklichen Schaumansammlungen auf dem Thunersee.

  • loading indicator
Bruno Petroni

Freitagmorgen im Güetital bei Faulensee: Gemeinsam mit dem Seepolizisten Marcel Meister sucht Markus Zeh die Oberfläche des Thunersees vergeblich nach grossen Schaumteppichen ab. «Vergeblich, weil der Regen vom Vortag die grössten Schaummengen aufgelöst hat. Dies war Anfang Woche noch ganz anders und könnte sich nach ein paar ­trockenen Tagen wieder ändern», sagt der Limnologe des kantonalen Amtes für Wasser und Abfall.

«Limnologe – das ist quasi die Süsswasservariante eines Ozeanografen», witzelt Markus Zeh, der das Ufer entlang dennoch zahlreiche kleine Schaumbildungen ausmacht. «Nein, mit Ab­wasserverunreinigung hat diese Schaumbildung nichts zu tun», sagt der Experte. Dies erklärt er jeweils auch den vielen besorgten Anrufern aus der Bevölkerung, die sich wegen des Schaumes immer wieder bei ihm melden.

«Nein, mit Ab­wasserverunreinigung hat diese Schaumbildung nichts zu tun.»Markus Zeh, Limnologe

Auch die Seepolizei erhält regelmässig Meldungen von Schaum auf dem See: «Vor allem im Raum Neuhaus, Hünibach und Hilterfingen bilden sich zu gewissen Jahreszeiten immer wieder grössere Ansammlungen von öligem Schaum, der sich dann sogar am Schiffsrumpf ablegt», weiss Seepolizist Marcel Meister.

Kein Abwasser, sondern Natur

Selbst dieser ölige Schaum ist nicht etwa das Resultat von illegal in den See geflossenem Abwasser oder Diesel, sondern ein Abbauprodukt von Algen, insbesondere von Blaualgen. Markus Zeh dazu: «Stimmt die Mischung aus Nährstoffen, Sonnenlicht und Wassertemperatur, können sich diese oder andere Algengruppen innert kurzer Zeit sehr stark vermehren.

Nach dem Absterben zersetzen sich die Algen und können durch Wind und Wellen aufgeschäumt werden. Neben Algen sind es auch abgestorbene Insekten und Wasserpflanzen, die zur Schaumbildung beitragen.»

Das Phänomen hat sich laut Zeh in den letzten Tagen auf grossen Teilen der Seeoberfläche gezeigt. «Durch Wind und Strömung haben sich die ursprünglich kleinen Schaumfetzen an gewissen Uferstellen zusammengetragen. Besonders in stillen Buchten oder Häfen wie in Neuhaus bei Unterseen oder im Lachen in Thun bilden sich schliesslich grössere Schaumteppiche.»

«Überall, wo sogenanntes Widerwasser besteht, treten diese Schaumteppiche normalerweise auf.»Markus Zeh, Limnologe

Aber auch an viel begangenen Ufern wie dem Bonstettenpark oder dem Strandweg zwischen Spiez und Faulensee werde von Passanten immer wieder Schaum entdeckt und gemeldet. «Überall, wo sogenanntes Widerwasser besteht, also bei Verwirbelungen und Schnittstellen mit Gegenströmung, treten diese Schaumteppiche normalerweise auf», sagt auch Seepolizist Marcel Meister.

«Der natürlich entstandene Schaum ist an und für sich nicht schmutzig», so Markus Zeh. Allerdings könne sich darin mit der Zeit auch Abfall verfangen. «Die dicken Schaumschichten sehen dann tatsächlich nicht appetitlich aus», wie Zeh ergänzt. «In gewissen Jahreszeiten wie beispielsweise im Mai, wenn der Blütenstaub auf der Seeoberfläche treibt, können sich so schon mal riesige gelbe Teppiche bilden.»

Häufiger als früher

Unbestritten ist, dass die Schaumbildung häufiger und stärker wahrgenommen wird als noch vor wenigen Jahren. Zeh: «Auch dies hat nichts mit einem höheren Schifffahrtaufkommen, Gewässerverschmutzung oder dergleichen zu tun, sondern mit der biologischen Entwicklung des Thunersees.

Die Flora am Seegrund und im freien Wasser verändert sich ständig. Die genauen Ursachen für die Veränderungen sind auch den Fachleuten unklar. Gegen die Schaumbildung kann der Mensch jedenfalls nichts unternehmen.»

«Ich kann mich aber nicht erinnern, zu Beginn meiner Dienstzeit hier solche Schaumbildungen gesehen zu haben.»Markus Zeh, Limnologe

Marcel Meister, der seit zehn Jahren auf dem Thunersee Polizeidienst leistet, hält es nicht für ausgeschlossen, dass das Schaumphänomen mit der laufenden Klimaerwärmung in Zusammenhang steht, was aber bisher nicht untersucht und belegt werden konnte. «Ich kann mich aber nicht erinnern, zu Beginn meiner Dienstzeit hier solche Schaumbildungen gesehen zu haben.»

Damals, vor vierzig Jahren ...

Mit einer wesentlich ungesünderen Art von Schaum hatten sich die Verantwortlichen in den Siebzigerjahren herumzuschlagen, bevor die ersten Kläranlagen gebaut worden sind. «Damals ­waren viele Gewässer wirklich verdreckt. Das heutige Szenario hat also keinen Zusammenhang mit den damaligen Geschehnissen», versichert Markus Zeh.

Zeh entnimmt dem Thunersee monatlich Wasserproben zuhanden des kantonalen Gewässerschutzlabors. Für Badende oder Schwimmer sei der Schaum zwar nicht gerade schön, aber harmlos: «Die Wasserqualität des Thunersees ist grundsätzlich sehr gut.»

Berner Oberländer

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt