Wasser marsch!

Thun

Nicht nur der Mensch hat im Sommer Durst, sondern auch die Pflanzen in den Blumenkisten und -trögen. Wir haben ein Team von Stadtgrün beim Giessen begleitet und Bienenweiden besucht.

  • loading indicator

Abkühlung! Die Gewitter der letzten Tage haben die Temperaturen auf ein erträglich Mass gebracht und für ein bisschen Entspannung gesorgt – auch bei Zierpflanzengärtnerin Madlen Roth und Landschaftsgärtner Robin Mischler. In den Wochen, in denen die Sonne die Erdoberfläche zu einem Pizzastein machte, konnten die beiden Mitarbeitenden von Stadtgrün sich nicht zurücklehnen, denn sie sind verantwortlich für 350 Blumenkisten und 34 -tröge.

Dazu kommen etwa 180 Bäume, die jünger als drei Jahre sind und deshalb ebenfalls gegossen werden müssen. «Normalerweise müssen wir im Sommer jeden dritten Tag giessen», sagt Madlen Roth an jenem Vormittag, als diese Reportage entstand. «Nun jeden zweiten.» Sie und Robin Mischler sind am Morgen vor 9 Uhr auf dem Mühleplatz vorgefahren mit zwei Autos, auf deren Ladefläche je ein 1000-Liter-Tank steht.

Damit sind sie unterwegs, um ihre durstigen Schützlinge zu bewässern, die zwischen 12000 und 15000 Liter Wasser täglich brauchen. Sind die Tanks leer, werden sie an einem Hydranten wieder aufgefüllt.

Schöne und weniger schöne Seiten des Berufs

Doch mit dem Giessen allein ist es nicht getan. Immer wieder mal gehen Pflanzen ein oder werden von Hagel oder mutwillig zerstört. «Vor allem in warmen Sommernächten und bei Festen ist Vandalismus ein Problem», sagt Niklaus Götti, der Stellvertreter von Stadtgrün-Leiter Markus Weibel. Diese Zerstörungswut schmerzt jede Gärtnerseele. Doch unter dem Strich erfahren die Leute von Stadtgrün sehr viel Wertschätzung durch die Bevölkerung.

Das zeigt sich auch an diesem Morgen auf dem Mühleplatz: Während Madlen Roth die Blumenkisten giesst, wird sie von einem Mann angesprochen, der ihr ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. «Er sagte, wie schön er die Blumen fände, und hat uns für unsere Arbeit gedankt.» Das komme übrigens immer wieder vor und gehöre zu den schönsten Seiten ihrer Tätigkeit bei Stadtgrün, betont die junge Frau.

Einheitlich, aber kein Einheitsbrei

Markus Weibel und Niklaus Götti verfassen jedes Jahr ein Farbkonzept für den Sommerflor, wie die Gärtner die blühenden Zierpflanzen bezeichnen, nach dem die Kisten, Tröge und Rabatten bepflanzt werden. Heuer sind es die Farben Rot, Blau, Weiss und Gelb. «Welche Pflanzen aber in die Kisten und Tröge kommen und welche in die Rabatten, bestimmen nicht wir, sondern jene Stadtgrün-Mitarbeitenden, die das Farbkonzept umsetzen», sagt Götti.

«Damit erzielen wir über die ganze Stadt ein einheitliches Bild, aber es sieht trotzdem nicht überall gleich aus.» Madlen Roth hat sich für pflegeleichte Pflanzen entschieden, die keine Blühpause haben: Geranien, Blaue Mauritius-Winde, Goldmarie und Zauberschnee, zudem Gräser und gefüllte Begonien.

Wie auch Hobbygärtner bemerkt haben, ist 2019 ein gutes Jahr für Blattläuse, die den Pflanzen schwer zu schaffen machen. Weil Stadtgrün weitgehend auf chemische Pflanzenschutzmittel verzichtet, rückt Madlen Roth den Läusen mit Nützlingen zu Leibe. «Bei einem Unternehmen haben wir Schlupfwespen bestellt. Sie legen ihre Eier in die Blattläuse und machen diese damit unschädlich.» Positiver Nebeneffekt: «Durch den Verzicht auf Gift siedeln sich andere Nützlinge in den Kistchen und Trögen von selber an.»

Bei den Blumenkistchen und -trögen und den Rabatten ist offensichtlich, wie intensiv sie gepflegt werden. Es sind leuchtende Farb- und Formkompositionen, die die Handschrift der Gärtnerinnen und Gärtner tragen. Ganz anders ist das Bild etwa beim neuen General-Wille-Kreisel. Hier haben die Leute von Stadtgrün einheimische Blumen und Gräser gesät, die jeweils im Frühling aus den Wurzeln heraus wieder austreiben, aber ansonsten führt die Natur hier Regie.

Diese Flächen können – je nach Betrachter und auf den ersten Blick – ungepflegt aussehen im Vergleich zu den manikürten Kistchen und Rabatten. Für Flora und Fauna aber sind sie ein Segen. «Hier haben wir beispielsweise einen Natterkopf», sagt Niklaus Kauer, der bei Stadtgrün als Unterhalts- und Anlagengärtner und Gruppenführer für das Gebiet Thun-West verantwortlich ist.

Er zeigt auf eine Pflanze, deren blaue Blüten ihre Schönheit erst auf den zweiten Blick offenbaren. Bienen umschwärmen sie, lassen sich immer wieder nieder und laden Nektar und Pollen auf, mit denen sich ihr Volk ernährt. Auch andere Kleinlebewesen finden auf diesen naturnahen Flächen Futter und Unterschlupf.

Viele Lebensformenauf kleinem Raum

«Biodiversität, als eine Vielfalt von Lebensformen, ist das Ziel, das wir hier verfolgen», sagt Niklaus Götti. Trotzdem: Die helfende Hand des Menschen ist auch hier matchentscheidend. Bei der Aussaat achtet Stadtgrün darauf, dass zwischen Frühling und Herbst praktisch immer etwas blüht. Das ist nicht nur schön, sondern bietet den Bienen Nahrung und damit auch dem Menschen, der sich ihren Honig aufs Brot schmiert.

«Die muss weg», sagt Niklaus Kauer plötzlich. Er bückt sich und reisst eine Pflanze aus, die stark der Kamilleähnelt. Es ist aber Einjähriges Berufkraut, das eingeschleppt worden und sehr vermehrungsfreudig ist und ganze Weiden verunkrauten kann, weil es vom Vieh gemieden wird. «Es gehört zu den invasiven Neophyten, die die einheimischen Arten verdrängen», erklärt Kauer.

Naturnahe Flächen wie jene beim General-Wille-Kreisel müssen gejätet und gemäht werden. «Aber wir mähen niemals die gesamte Fläche, sondern lassen jeweils etwa 15 Prozent für die Bienen stehen.» Die gemähten Pflanzen werden auch nicht sofort abtransportiert, sondern eine Weile liegen gelassen, damit sie absamen können.

Thuner Tagblatt

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt