Wenn der Sensenmann die Klinge wetzt

Mit der neuen Produktion der Theatergruppe Stockental «Ufbräche» wagt sich das Ensemble an ein ­Thema, das alle angeht und niemand so recht hören will: den Tod.

Die hitzigen Debatten in der Inszenierung «Ufbräche» nehmen ein jähes Ende, als Tochter Emma (Chantal Zingg) plötzlich ohnmächtig wird. Von links: Monika Stähli, Renate Eichenberger, Hanspeter Götz, Tanja Strauss, hinten Tony Frank.

Die hitzigen Debatten in der Inszenierung «Ufbräche» nehmen ein jähes Ende, als Tochter Emma (Chantal Zingg) plötzlich ohnmächtig wird. Von links: Monika Stähli, Renate Eichenberger, Hanspeter Götz, Tanja Strauss, hinten Tony Frank.

Der Sensenmann hat sein Werkzeug schon parat, als der todkranke Jan (Peter Rothacher) zum Fest einlädt. Er möchte seinen Töchtern Maria und Emma (Monika Stähli, Chantal Zingg), seiner Ex-Frau Ella (Renate Eichenberger) und dem befreundeten Ehepaar Adrian und Katharina (Tanja Strauss, Tony Frank) seinen selbst gewählten Tod per Sterbehilfe verkünden.

Der Prosecco fliesst reichlich und dient im Laufe des Abends als Dressing für einen zwischenmenschlichen Gefühlssalat, bei dem knackige Offenbarungen auf den Tisch kommen. Anfangs dreht es sich nur um den lebensmüden Jan, den die Gäste von ­seinem Sterbeplan abbringen wollen.

Doch nach und nach fallen die Masken, hinter denen sich ­pikante wie dramatische Geheimnisse versteckt hatten. Marias Partner Heiko (Hanspeter Götz), der zufällig dazustösst, verfolgt die Schlammschlacht mit gelassener Distanz. Doch auch er trägt eine Narbe in sich, die beim Fest wieder aufreisst.

Tiefgründig wie die menschliche Seele

Bei der Mundartproduktion der Theatergruppe Stockental «Ufbräche» nach dem Drehbuch «Ein grosser Aufbruch» von Magnus Vattrodt darf sich das Publikum in sicherer Entfernung mit dem Thema Sterben auseinandersetzen.

Gleichzeitig wirkt die Szenerie durch ein detailgetreues Bühnenbild samt Einbauküche sehr authentisch, das den Eindruck erweckt, man schaue in die Stube des Nachbarn. Dabei kommt zu keiner Zeit Beerdigungsstimmung auf, denn sowohl die Drehbuchfassung als auch die Mundartbearbeitung von Regisseur Rolf Bachmann führt das Thema mit leichtem Händchen an einer langen Leine spazieren.

Tragikomisch, spannend wie ein Krimi, tiefgründig wie die menschliche Seele sieht sich der Zuschauende konfrontiert mit amourösem Versteckspiel, Drogensucht, Kindheitstrauma oder Scheinwelt.

Doch nach und nach fallen die  Masken, hinter denen sich pikante wie dramatische Geheimnisse versteckt hatten.

Die verbitterte Maria entlockt den Wunsch sie in den Arm zu nehmen. Einst hat sie das «Chätzli Mogli aube im Garte vergrabe» und eine neue Katze organisiert, um der kleinen Schwester Emma den Kummer zu ersparen. Zeitgleich trieb es Vater Jan mit der Nanny, während sich Mutter Ella zugedröhnt aus dem Staub ­gemacht hatte.

Freund Adrian liefert oft saukomische Theatermomente als Stimme aus dem Küchenhintergrund: «Wenn i gwüsst hätti, dass ig für ne Grebt choche, dä hätti vermuetlech Pastetli gmacht.» Ein Schreck geht durchs Publikum, als Tochter Emma zu Boden geht. Dünnhäutig, zickig und verloren kämpft sich Katharina durch den Abend. Ob Jan tatsächlich vorzeitig aus dem Leben geht, ist zu bezweifeln. Denn immerhin hat er noch einiges aufzuräumen.

Das Theater öffnet Türen für vertrauliche Gespräche

Dem intensiven Spiel aller Schauspieler ist es zu verdanken, dass «Ufbräche» fast auf the­rapeutische Weise Türen für ­vertrauliche Gespräche öffnet: «Würdest du eigentlich Sterbehilfe in Anspruch nehmen, wenn du unheilbar krank wärst?», will eine Dame von ihrem Partner nach der Vorstellung wissen. «Hab ich mir noch nie überlegt», erwidert der nachdenklich.

Die Theatergruppe spielt zwar schon immer auf dem Areal des alten Natureisfeldes bei Niederstocken. Doch erstmals hat das Publikum von der Tribüne aus eine herrliche Sicht aufs obere Stockental. Neu ist auch das Beizli, das sich nun in einer gemütlichen Scheune auf dem Gelände befindet.

Weitere Aufführungen: 6., 8., 9., 13., 15., 16., 20., 22., 23., 27. und 29. Juni, jeweils 20.30 Uhr, Beizli ab 18.30 Uhr geöffnet. Weitere Infos: www.theater-stocken.ch.

Berner Zeitung

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