Wenn die Freiheit und die Liebe siegen

Seit Jahrzehnten ranken sich Mythen um das Vogellisi. Im Schnittweier erhält die Figur nun ein Gesicht, ein sehr sympathisches. Das Naturmärchen der Oberländer Märlibühni, das am Freitag Premiere feierte, spielt auf der Klaviatur der grossen Gefühle. Es ist ein Stück für Herz und Zwerchfell.

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So gut wie alle kennen das Vogellisi, denn auch fast alle kennen das gleichnamige Volkslied über das geheimnisvolle Wesen aus Adelboden. Richtig Leben eingehaucht hat der Figur nun aber Annemarie Stähli.

Im Frühling ist ihr Buch über das Mädchen, das mit den Vögeln sprechen kann, erschienen. Und in den vergangenen Monaten hat die Regisseurin zusammen mit Co-Leiterin Renate Rubin und dem Ensemble der Oberländer Märlibühni den Stoff des Buches zu einem Freilichttheater verarbeitet. Am Freitagabend feierte das Stück im Schnittweier in Steffisburg nun Premiere.

«Für uns geht hier ein Traum in Erfüllung. Seit wir vor 20 Jahren mit der Märlibühni angefangen haben, wollten wir immer einmal ein Naturmärchen inszenieren», verriet Rubin vor der Vorstellung. Stähli wiederum wies auf die drei zentralen Themen bei «Vogellisi» hin: «Es geht um die Kraft der Berge, der Heilkräuter, der Natur, um die Anfänge des Tourismus in Adelboden vor 120 Jahren und um die Freiheit mit ihren verschiedenen Ausprägungen.»

Starke Hauptfiguren mit Tiefe

Die Freiheit müssen sich die Protagonisten in der Tat erkämpfen. Da ist zum Beispiel das eigentlich unbekümmerte Lisi, das seinen Vater durch einen Unfall verliert und fortan aus der Not heraus im noblen Grandhotel arbeitet? in einer Welt, in die es so gar nicht zu passen scheint.

Karl-Joseph dagegen, ein verwöhnter deutscher Junge aus gutem Haus, will aus genau dieser Welt ausbrechen, wozu ihm zunächst der Mut fehlt. Und schliesslich das Fabelwesen Tuck. Zusammen mit seiner Zwillingsschwester Guandalenda sammelt er Kräuter für Heilmischungen, tief im Herzen verfolgt er aber eine andere Leidenschaft.

Naefs Spiel macht die zentrale Figur zur unbestrittenen Sympathieträgerin des Stücks.

Ab dem ersten Auftritt mit Händen greifbar ist die Begeisterung von Lisi (Désirée Naef) für die Adelbodner Berg- und Vogelwelt. Naefs Spiel macht die zentrale Figur zur unbestrittenen Sympathieträgerin des Stücks: Das Publikum leidet mit, wenn sie weint, und es strahlt, wenn sie sich an den Schönheiten der Natur erfreut.

Karl-Joseph (Ronnie Grossenbacher) gelingt die glaubhafte Verwandlung vom verhätschelten Muttersöhnchen zum selbstbewussten jungen Mann. Er findet die Liebe zum Vogellisi und lernt, dass er auf dem Weg zur Freiheit für seine Überzeugungen einstehen muss.

Auch der verschrobene, kauzige Tuck (Kaspar Junker) zahlt Lehrgeld, als er sich wegen seines eigenwilligen Berufstraums Sprengmeister von Guandalenda (Rita Streit) emanzipiert. In erster Linie ist Tuck aber der Witzbold, der das Publikum direkt anspricht und mit seinen Einfällen für Heiterkeit sorgt.

Achterbahn der Gefühle

«Vogellisi» nimmt die Zuschauer mit auf eine Achterbahn der Gefühle. Diverse Szenen, in denen die Armut und die Not der Dorfbevölkerung sichtbar werden, stimmen nachdenklich und machen traurig. Ebenso oft strapaziert die Geschichte aber auch die Lachmuskeln und dies nicht nur, wenn Tuck auf der Bühne steht: So sorgen etwa die duselige Trudle (Ursula Berger) und der gemächliche Jakob (Andreas Stryffeler), die sich in breitestem Adelbodner Dialekt unterhalten, regelmässig für Situationskomik.

Ihr Fett weg bekommt sowohl die Dorfbevölkerung, die der Sprache der ankommenden Touristen nicht immer mächtig ist, als auch die Deutschen selbst. In diesem Punkt bedient das Naturmärchen durchaus gängige Klischees.

Bei der Inszenierung besonders gelungen ist einerseits das Bühnenbild, andererseits die authentische Kostümierung, verbunden mit teils aufwendigen Frisuren.

Bei der Inszenierung besonders gelungen ist einerseits das mehrheitlich aus Holz und Stein geschaffene Bühnenbild (Sandra Seggiani), andererseits die authentische Kostümierung (Edith Frey), verbunden mit teils aufwendigen Frisuren. Zudem überzeugt Anna-Lena Schulz, Leiterin des Gesangsensembles und Erzählerin im Stück, mit ihren Solopartien.

Ganz selten verliert sich das Stück ein wenig im hinteren Teil der weitläufigen Naturbühne. Ansonsten trumpft das Ensemble aber mit hoher Bühnenpräsenz auf. Die Musik, darunter diverses Volkslied-Gut, teilweise neu arrangiert, unterstützt das Geschehen subtil, aber stets in den passenden Momenten.

Am Ende des Abends weiss das Publikum, wie das Vogellisi zu seinem Namen gekommen ist oder was der Unterschied zwischen «lachen» und «giggele» ist. Und es hat plötzlich dieses wohlig-warme Gefühl ums Herz...

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