«Wichtig ist: Jemand muss wollen!»

Der digitale Wandel macht auch vor KMU nicht halt. Die Wirtschaftsschule Thun bietet einen neuen Lehrgang an, mit dem sie Personal und damit Firmen fit machen will.

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Fünfzehn Tage aufgeteilt in fünf Blöcke; Kostenpunkt: 3000 Franken. So viel muss ein KMU pro Person investieren, um die Her­ausforderungen der Digitalisierung zu meistern. Freilich: Diese Rechnung ist zugespitzt, wo­möglich in unzulässiger Weise. Aber sie umreisst die Eckdaten des neuen Lehrgangs «Sach­bearbeiter(in) digitale Kompetenz», den die Wirtschaftsschule Thun (WST) diesen Herbst erstmals anbietet. Zielpublikum, so Stefan Zbinden, Bereichsleiter Weiterbildung und Co-Autor des Lehrgangs, seien «Angestellte oder Firmen, die den digitalen Wandel aktiv angehen wollen».

Wen wollen Sie primär an­sprechen: Angestellte, die ihr Wissen erweitern wollen, oder Chefs, die ihr Personal und ihre Firma updaten wollen?
Stefan Zbinden: Beide. Wichtig ist, dass alle Kursteilnehmenden ein konkretes Projekt mitbringen, das sie im Betrieb während der Lehrgangsdauer konkret umsetzen.

Welche Branchen sind Ihrer Meinung nach besonders gefordert?
Alle! Digitalisierung stellt in allen Lebensbereichen und in allen Wirtschaftszweigen Herausforderungen an uns, denen wir uns stellen müssen. Und der Prozess beschleunigt sich.

Betreiben Sie nicht einfach Alarmismus?
Nein. Es setzt sich bei mehr und mehr Unternehmen die Erkenntnis durch, dass sie mitmachen müssen, wenn sie ihr wirtschaftliches Überleben sichern wollen. Vielen wird bewusst, dass «da etwas läuft» – aber sie können nicht genau festmachen, was.

Die WST bietet in ihrem Lehrgang indes keine hochtrabenden Zukunftskonzepte. Vielmehr setzen Zbinden und seine Co-Autoren «auf Bewährtes aus dem Alltag». Die Ausbildung basiert auf drei Säulen: digitales Marketing, digitale Geschäftsprozesse und digitales Personalmanagement. Ziel ist, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern das nötige Wissen dazu zu vermitteln, in diesen Bereichen in ihren Betrieben die nötigen Veränderungen voran­zutreiben.

«Wir erleben in unserem Alltag, dass wir beispiels­weise Kundenkontakte unglaublich oft in unterschiedlichsten Zusammenhängen bearbeiten müssen. Da kommt es immer ­wieder zu Medien- oder Systembrüchen», sagt Zbinden. Will heissen: Adressen müssen von Hand von einer Software in eine andere übertragen werden – oder gar von Karteikarten in ein Computerprogramm. «Wären die Daten richtig digitalisiert, könnten da enorme Effizienzgewinne realisiert werden – sodass Ressourcen frei werden für andere Arbeiten, die der Computer uns nicht abnehmen kann.»

Im Personalbereich könne beispiels­weise ein «sauber gebauter» Algorithmus in einer ersten Be­werbungsrunde die Spreu vom Weizen trennen. «So können wir uns am Ende viel besser um die verbleibenden Bewerberinnen und Bewerber kümmern.»

Verbaut man sich nicht die Chance, einen überraschenden Bewerber zu finden oderjemanden für einen anderen Bereich in der Firma, wenn Computer Bewerbungsverfahren nach standardisierten Vorgaben abwickeln?
In der Tat besteht die Gefahr, dass man sich zu sehr auf einen bestimmten Personentyp oder ein bestimmtes Leistungsprofil fokussiert. Letztlich ist es aber auch eine Frage der Leitplanken und Kriterien, die man dem Computer vorgibt.

Aber die Aussage, der Mensch habe mehr Zeit für die Menschen, wenn der Computer ihm die Arbeit abnehme, ist – mit Verlaub – doch nichts als Silicon-Valley-Romantik. In der Realität müht man sich dann einfach mit den Tücken der Technik ab.
Ich würde das nicht als Romantik bezeichnen, sondern als Chance. Allerdings macht das Digitalisieren von Prozessen für klassische Anwender nur dann Sinn, wenn sie auf funktionierende Hilfs­mittel zurückgreifen können. Wer auf ausgereifte Software setzt und nicht immer zwingend das Neueste haben muss, ist auf der sicheren Seite.

Wo steht eigentlich Ihre Schule hinsichtlich digitalisierter Prozesse?
Noch nicht dort, wo wir könnten. Der Lehrgang «Sachbearbeiter(in) digitale Prozesse» ist letztlich auch aus unserem eigenen Bedarf entstanden. Und aus der Feststellung, dass die Partnerfirma, die unsere Website betreut, immer mehr Anfragen von Kunden erhält, die in genau diese Richtung zielen.

Zbinden betont, dass der neue Lehrgang für Firmen aller Branchen und jeder Grösse nützlich sein könne. «Ein Schreiner mit einem Dreimannbetrieb kann viel Zeit sparen, wenn er Zeiterfassung, Arbeitsrapporte, Lohn- und Rechnungswesen in einem Prozess vereinheitlicht», ist er überzeugt. Aber: «Wichtig ist: Jemand muss wollen!»

Was passiert mit den Leuten, die nicht auf den Digitalisierungszug aufspringen wollen?
Sie müssen sich überlegen, wie sie ihre Zukunft meistern wollen. Denn der Zug rollt immer schneller. Es kann sein, dass sie plötzlich auf einen fahrenden TGV aufspringen müssen, in dem es sich schon eine stattliche Anzahl Fahrgäste auf den Sitzplätzen bequem gemacht hat.

Aber Hand aufs Herz: Nicht jeder will immer einem fahrenden Zug hinterherrennen.
Das ist so. Digitalisieren bedeutet in Bewegung bleiben. Und dauernd in Bewegung zu sein, strengt an.

Was passiert mit jenen Leuten, die zufrieden sind mit re­­petitiven Arbeiten, Leute, die nicht kreativ sein wollen, sondern sich gern in klaren und einfachen Vorgaben bewegen?
Auch für sie werden neue Be­tätigungsfelder gefunden werden müssen. Ich bin indes ebenso überzeugt, dass der Tag kommt, an dem wir uns wieder mit Themen wie einem bedingungslosen Grundeinkommen auseinandersetzen werden müssen.

Agilität: Das sei eine der Schlüsselkompetenzen der Berufswelt von morgen, sagt Stefan Zbinden. «Ich habe gelesen, dass jede Tätigkeit, die in drei Sätzen beschrieben werden kann, auto­matisiert wird.» Was handkehrum bedeute, dass es immer noch denkbar sei, Menschen anzu­stellen, die diese Arbeiten ausführen. «Aber das wird teuer.» Auch der Lehrgang, mit dem vorab Angestellte im kaufmännischen Bereich zu Digitalisierungsprofis gemacht werden sollen, werde ständig im Wandel sein, ist Zbinden überzeugt.

«Unser Vorgehen bei der Kursplanung entspricht bis hierhin überhaupt nicht bekannten Mustern – und ich kann mir gut vorstellen, dass wir den Lehrgang für weitere Auflagen laufend verändern.» Er denke beispielsweise an den Bereich Personalmanagement, der derzeit vorab auf Neuanstellungen fokussiere. «Vielleicht werden wir dort einmal Elemente einbauen, die sich der Weiterentwicklung des Personals und der Frage widmen, wie Ange­stellte für digitale Prozesse fit gemacht werden», sinniert Zbinden.

In den Kursräumen der WST hängen klassische Schiefer­tafeln neben hochmodernen interaktiven Displays. Was wird mehr benutzt?
Wir haben keine Auswertung im Detail. Aber ich stelle fest, dass beide Elemente intensiv genutzt werden. Ich glaube, dass dies letztlich einer der Schlüssel zum Erfolg in der digitalen Trans­formation ist: das Beste aus beiden Welten zusammenzuführen, sodass die Firma, die Kunden und die Angestellten profitieren können. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.09.2018, 05:59 Uhr

Serie

In einer losen Serie beleuchtet diese Zeitung die Digitalisierung. Wir zeigen, dass sie nicht nur im fernen Silicon Valley stattfindet, sondern mitten unter uns. Wir stellen verschiedene Lebensbereiche vor, Heraus­forderungen und Chancen. Unter dem Titel «Für normale Anwender schreitet die Digitalisierung zu schnell voran» sprachen die Profis von Comvation über Alltagsherausforderungen. «Digitale Revolution made in Thun» stellte einen führenden Kopf in Sachen künstlicher Intelligenz vor. Der Bericht unter dem Titel «Wir fokussieren zu sehr auf die Risiken» handelte davon, wie Räume zwischen­genutzt werden können; «Sie suchen die gemeinsame Sprache» war Ingenieuren gewidmet, die die Kommunikation zwischen Maschinen vereinfachen wollen. «Der Sanitär mit dem virtuellen Bad» stellte eine Firma vor, die Bäder mithilfe von VR-Brillen einrichtet. «Das Internet nimmt, das Internet gibt» beleuchtet Risiken und Chancen für Kleinfirmen; «Operieren via Touchscreen» blickte in den OP des Spitals Thun. Um Bildung gings in «Veränderung wird zum Dauerzustand», später berichteten wir über «Nervenbahnen aus Thun für Autos auf der ganzen Welt». Auch die Musik entsteht heute digital, zeigte der «Drummer zwischen zwei Welten», und der oberste IT-Ausbildner des Kantons Bern weiss, «Wo Logik und Kreativität sich nicht ausschliessen». Dass der Wandel in einer Firmengeschichte die einzige Konstante ist, zeigt die Geschichte der Fritz Studer AG. (TT)

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