Thun

Wie es dem Allmendtunnel nach 47 Jahren ans Eingemachte geht

ThunSeit November wird der Thuner Allmendtunnel zum ersten Mal überhaupt umfassend saniert. Ein exklusiver Blick hinter die Kulissen der Baustelle.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

47 Jahre hat er auf dem Buckel. Und es ist nicht so, dass man ihm das Alter nicht anmerken würde. Dass er Komplimente für sein jugendliches Aussehen bekommen hat, dürfte sehr lange her sein. Meist wird er ja gar nicht gross beachtet. Er gehört einfach dazu. Man fährt auf der einen Seite rein und auf der anderen wieder raus.

Aber jetzt ist alles anders. Jetzt gilt ihm die volle Aufmerksamkeit. Ihm – dem Thuner Allmendtunnel. Ein Spezialteam kümmert sich um das Bauwerk. Es ist eine heikle Arbeit, die Qualität muss stimmen: Die Spezialisten bohren mit zwei tonnenschweren Spezialmaschinen alle drei Meter Löcher in die Wände der Tunnelröhre, in der normalerweise der Verkehr Richtung Oberland fliesst. Dann pressen sie durch eine Stahllanze mit Hochdruck eine Zementmischung in den entstandenen Hohlraum. Daraus ergibt sich hinter der bisherigen Tunnelwand ein neuer Betonkörper. Er dient der Stabilisierung.

Neue Hüfte für den Tunnel

Denn: Beim nächsten Arbeitsschritt geht es ab Ende März dem Tunnel sozusagen an die Hüfte. Die charakteristische Schräge der äusseren Tunnelwand wird ausgebrochen – und die neuen Betonkörper hinter der Wand sorgen dann dafür, dass der Kanderkies, in dem das Bauwerk liegt, nicht in die Tunnelröhre eindringt. Nach der Sanierung wird die äussere Tunnelwand nicht mehr schräg, sondern gerade sein – die Fahrbahn erhält so mehr Platz.

Nur: Warum wurde die Wand vor einem halben Jahrhundert überhaupt schräg gebaut? «Das war damals Standard», weiss Beat Aeberhard, Gesamtprojektleiter beim Bundesamt für Strassen (Astra). Das Fundament des Gewölbes wurde dadurch nach oben versetzt, der Betonverbrauch minimiert. «Man war sehr darauf bedacht, Material zu sparen», sagt Aeberhard. Heute sei dies weniger entscheidend, weil das Material etwa im Verhältnis zu den Personalkosten weniger teuer sei.

Über 500 Millionen Fahrzeuge

Blenden wir kurz zurück in die Entstehungszeit des Tunnels. Als er nach rund vierjährigen Bauarbeiten am 18. Juni 1971 eröffnet wurde, war Erich Honecker seit kurzem Erster Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, der spätere Rap-Superstar Tupac Shakur war zwei Tage alt, seit dem Vortag hatte Thun eine erste vollautomatische Lichtsignalanlage.

Die Tunnellösung war anstelle einer Hochbrücke gewählt worden, die das Waffenplatzareal in der Gegend der Dufourkaserne gequert hätte. Ein pfeifender Wind empfing die Journalisten, als sie bei der Eröffnungsfeier den Allmendtunnel betraten, rapportierte der Berichterstatter des «Thuner Tagblatts»: Die Ventilation war auf volle Stärke geschaltet, um den Besuchern ihre Kraft zu zeigen. «Immerhin sind diese künstlichen Blasbälge nicht so stark wie ein kräftiger Föhn», notierte der Reporter.

Seit jenem Tag dürften deutlich über 500 Millionen Fahrzeuge den Tunnel passiert haben, schätzt Mark Siegenthaler, Beauftragter Information und Kommunikation beim Astra. Zuletzt waren es über 45'000 pro Tag, mehr als doppelt so viele wie 47 Jahre zuvor. Seit damals sind die Autos sauberer geworden – wobei die Abgase für den Tunnel nicht das grösste Problem sind. Gerade in den Fugen drang Wasser ein. Beat Aeberhard sagt deshalb schmunzelnd, der Tunnel sei «eigentlich ein Regenschirm mit ein paar Löchern». Streusalz schädigte zudem Fahrbahn und Seitenwände.

Streusalz als Gefahr

Die äusserste Schicht von Wänden und Decke wurde nun entfernt. Es bleibt der aufgeraute Beton, in dem der Armierungsstahl zum Teil ersichtlich ist. Beat Aeberhard erklärt: «Beton ist basisch, nicht sauer – so ist der Stahl geschützt und rostet nicht. Doch mit dem Streusalz erhöht sich auch der Säuregehalt im Beton, und der Stahl korrodiert.» Damit die Armierungseisen wieder geschützt sind, werden die Fugen abgedichtet und eine neue, dickere Betonschicht aufgetragen. So wird der Stahl künftig mit vier statt wie bisher zwei Zentimetern Beton überdeckt.

Zusätzliche Stahlanker verbinden die neue Schale mit dem alten Gewölbe. Doch das ist Zukunftsmusik. Ebenso wie die ab September geplante Absenkung der Fahrbahn um 50 Zentimeter, damit die Durchfahrtshöhe die heute vorgeschriebenen Dimensionen erhält. Oder der Einbau von neuen SOS-Nischen.

Im Moment fehlt den Tunnelwänden und der Decke also die äusserste stabilisierende Schicht. Ist das nicht gefährlich? «Nein», antwortet Projektleiter Aeberhard. Sollten sich doch Verschiebungen ergeben, werden diese von einem Messgerät sofort erkannt. Und apropos Sicherheit: Diese muss auch im Zusammenhang mit der zweiten Tunnelröhre, in der die Fahrzeuge Richtung Bern normal verkehren, gewährleistet sein. Im Notfall können Rettungsfahrzeuge durch die Baustelle fahren. Auch die Personendurchgänge von der anderen Röhre sind in Betrieb – die Bauarbeiter sind instruiert, wie sie sich im Notfall verhalten sollen.

Die erste grosse Sanierung

Es ist das erste Mal, dass der Allmendtunnel eine grosse Auffrischung erhält. «Bisher präsentierte er sich von der Bausubstanz her noch im Originalzustand», sagt Astra-Sprecher Mark Siegenthaler. Die Arbeiten im Tunnel laufen im 24-Stunden-Betrieb. Die Sanierung der Röhre in Richtung Spiez dauert bis Mai 2019, jene in Richtung Bern von Juni 2019 bis Oktober 2020.

Überschwängliche Komplimente für sein Aussehen dürfte der Allmendtunnel zwar auch nach dem Facelifting kaum erhalten. Die allermeisten werden weiterhin einfach rein- und wieder rausfahren. Doch was nach der Sanierung zählt, ist etwas anderes: Die nächsten 47 Jahre können kommen – der Tunnel wird bereit sein. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 13.02.2018, 06:24 Uhr

Artikel zum Thema

Einspuren auf die Autobahn ist zur Knacknuss geworden

Heimberg Wegen der Baustelle auf der A6 fehlt in Heimberg bei der Einfahrt Thun-Nord derzeit der Beschleunigungsstreifen. Einspuren ist anspruchsvoll, ja zum Teil gefährlich geworden. Mehr...

Die Tunnelumfahrung läuft nach Plan

Genau seit einem Monat führt die A6 in Richtung Berner Oberland temporär über die Allmend. Die Bauarbeiten im Allmendtunnel sind angelaufen – und die Tunnelumfahrung funktioniert bislang ohne Staus. Mehr...

Autobahn über die Thuner Allmend nimmt Form an

Einblick in eine aussergewöhnliche Baustelle: Auf der Allmend laufen die Arbeiten für den temporären Verkehrskorridor auf Hochtouren. Bereits sind Teile der Rampen zu sehen, auf welchen die Autos auf der A 6 Richtung Oberland künftig den Allmendtunnel umfahren werden. Mehr...

Paid Post

Nachhaltig investieren lohnt sich

Bei Privatanlegerinnen und -anlegern ist nachhaltiges Investieren noch wenig verbreitet. Dabei bringt es einen doppelten Gewinn.

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Die grosse Kälte

Mamablog Chillen beim Stillen

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Light- Abo.

Den Berner Oberländer digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Pfingstausflug: Der Velofahrer ist noch am Steissen, da sind die Motorräder schon längst parkiert. Rund 200 Biker sind zum Waadtländer Pass Col des Mosses hochgefahren. (21. Mai 2018
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...