«Wir leben als Menschen zusammen – da spielt die Religion keine Rolle»

Thun

Hans Weber von der katholischen Pfarrei St. Marien Thun und Azir Aziri, Imam der Thuner Moschee, engagieren sich für das friedliche Zusammenleben der Glaubensgemeinschaften.

Hans Weber (l.) und Azir Aziri, hier in der Moschee an der Thuner Rampenstrasse, setzen sich für ein friedliches Zusammenleben von Muslimen und Christen ein.

Hans Weber (l.) und Azir Aziri, hier in der Moschee an der Thuner Rampenstrasse, setzen sich für ein friedliches Zusammenleben von Muslimen und Christen ein.

(Bild: Patric Spahni)

Hans Weber, Sie sind Christ, Azir Aziri, Sie sind Muslim: Was verbindet Sie?
Aziri: Uns verbindet die Absicht, die Botschaft Gottes den Menschen zu verkünden. Wir gehen respektvoll und ehrlich miteinander um und respektieren gegenseitig unsere Freiheit. Das ist etwas Besonderes.

Weber: Ich habe Azir im Februar 2018 getroffen, und wir verstehen uns einfach. Natürlich haben wir uns durch die Religion kennen gelernt, aber daraus ist eine Freundschaft entstanden. Wir haben festgestellt: Gemeinsam können wir mehr tun, als hier bisher getan wird.

Azir Aziri, kaum waren Sie hier angekommen, kam ein Christ auf Sie zu und wollte mit Ihnen zusammenarbeiten. Waren Sie überrascht?
Aziri: Ja, es war eine Überraschung. Vorher hatte ich keine solche Erfahrung gemacht. Als Imam und Lehrer in Mazedonien hatte ich natürlich immer mit Christen zu tun, der grösste Teil der Bevölkerung ist orthodox. Aber eine Zusammenarbeit gab es nicht, das ist eine neue Erfahrung.

Wie ist Ihre Zusammenarbeit schliesslich zustande gekommen?
Weber: Zuerst haben wir bei beiden Glaubensgemeinschaften abgetastet, was möglich ist. Es gibt immer Fragen, auch Vorurteile. Gestartet sind wir dann im November des letzten Jahres mit einem interreligiösen Friedensgebet in der Schadaugärtnerei. Azir ist ein sehr korrekter und präziser Mann, und ich bin ein Chaot. Die Organisation hat also wunderbar funktioniert. (lacht) Als es dann so weit war, waren wir beide nervös und fragten uns: ‹Wird das gut gehen?› Es waren 150 Muslime und 40 Christen dabei. Wir haben füreinander gebetet – und nicht miteinander, da wir unsere Religionen gegenseitig respektieren und keine Verschmelzung wollen. Das ist nicht unser Ziel. Wir möchten vielmehr eine Freundschaft zwischen den zwei Welten. Ich war überrascht: Kein einziger Christ hat gefragt: ‹Warum tragen diese Frauen Kopftuch?› Sie haben es einfach akzeptiert.

Welche Rückmeldungen gab es zum gemeinsamen Friedensgebet?
Aziri: Imame aus der ganzen Schweiz haben mich kontaktiert und gefragt: ‹Du bist neu in der Schweiz und hast bereits so ein Projekt auf die Beine gestellt – wie hast du das gemacht?› Ich habe ihnen erklärt, dass sie ihren eigenen Hans finden müssen, der offen für einen Austausch ist und so etwas mit ihnen organisiert. (lacht) Ein ähnliches Projekt war vorher niemandem gelungen.

«Wir wollen Akzeptanz lehren. Dazu braucht es den Dialog auf Augenhöhe und einen Umgang, der nicht auf Vorurteilen basiert.»

Sie haben also schweizweit eine Vorbildrolle, was die interreligiöse Zusammenarbeit betrifft?
Weber: Wir haben schon ein Zeichen gesetzt. Nun organisieren wir zusammen mit der Uni Freiburg Projekte zum interreligiösen Austausch und sind als Berater tätig. Wir wollen Akzeptanz lehren. Dazu braucht es den Dialog auf Augenhöhe und einen Umgang, der nicht auf Vorurteilen basiert. Ich gehe oft in die Moschee zum Gebet – als Christ. Die Muslime, die hier leben, sind etablierte Schweizer, leben oft schon in dritter Generation hier. Von ihnen geht sicher keine Gefahr aus – und das müssen wir viel mehr unterstreichen.

Wie gewinnen Sie das Interesse der Leute für Ihre Anliegen?
Weber: Das ist Gottes Werk. Der Islam interessiert – ich habe im letzten Jahr enorm viele Anfragen für Moscheebesuche bekommen. Wir konnten schon eine Gruppe von 40 Schülerinnen und Schülern in der Moschee begrüssen. Vorurteile können wir nur abbauen, wenn wir die Leute informieren und sagen: Schaut, das ist diese Kultur. Und wir können friedlich zusammenleben. Die Moscheeführungen machen Azir und ich zusammen. Ich erkläre den Leuten etwa: ‹Hier müsst ihr die Schuhe ausziehen.› Viele fragen: ‹Dürfen Frauen auch in die Moschee?› Selbstverständlich!

Aziri: Je mehr man weiss, desto mehr versteht man. Ich bin auch in die Kirche gegangen und habe Gottesdienste besucht. Ich lese viel. Es ist wichtig, unvoreingenommen zu sein. Genau deshalb organisieren wir auch die Moscheebesuche: Wir wollen aufklären. Das hat mich beim Friedensgebet sehr berührt: Eine Christin, 80 Jahre alt, hatte Tränen in den Augen und sagte: ‹Was ich heute über den Islam gehört habe, habe ich so noch nie gehört. Ich habe etwas Neues verstanden.›

Gab es auch kritische Stimmen zu Ihrer Arbeit?
Weber: Die negativen Stimmen gibt es immer. Erstaunlicherweise gab es von meiner Seite her aber auch Leute, die erst gegen einen derartigen Austausch waren, nun aber sehr interessiert unsere Arbeit verfolgen.

Aziri: Von unserer Seite war viel Interesse da, etwa beim Friedensgebet. Manche haben mich gefragt: ‹Wie sollen wir an so einer Veranstaltung mit den Christen umgehen? Es ist das erste Mal, dass wir auf religiöser Ebene richtig mit ihnen in Kontakt kommen.› Ich habe erklärt, dass wir alle als Menschen zusammenleben. Da spielt die Religion keine Rolle.

Welche Ziele verfolgen Sie in Zukunft?
Weber: Wir lassen es kommen, wie es kommt. Unsere bisherigen Projekte waren erfolgreich, denke ich. Es geht uns ums friedliche Zusammenleben ohne Vorurteile. Wir wollen keinesfalls missionieren. Aber: Unser Glaube trennt uns nicht. Im Gegenteil, es gibt viele verbindende Sachen in unseren beiden Religionen. Das Wichtigste: Wir haben den gleichen Gott.

Berner Zeitung

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