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«Wir traten als ‹Die drei Romis› auf»

Mira Grissemann hiess das Mädchen, das auf dem Plakat zur aktuellen Ausstellung «Aller-retour» keck aus dem Rucksack am Rücken des Vaters in die Welt schaut. Am Montag erzählt die heute 72-Jährige im Kunstmuseum ihre Geschichte.

Franziska Streun
Sie ist das Mädchen auf der Fotografie: Die 72-jährige Mira Maurer stellt sich vor dem Kunstmuseum neben das Plakat zur aktuellen Ausstellung. Der ­Thuner Fotograf Martin Glaus hat ihren Vater fotografiert, als er 1950 mit ihr und ihrem Bruder im Rucksack von Auftritt zu Auftritt fuhr.
Sie ist das Mädchen auf der Fotografie: Die 72-jährige Mira Maurer stellt sich vor dem Kunstmuseum neben das Plakat zur aktuellen Ausstellung. Der ­Thuner Fotograf Martin Glaus hat ihren Vater fotografiert, als er 1950 mit ihr und ihrem Bruder im Rucksack von Auftritt zu Auftritt fuhr.
zvg

Es ist wohl dem Zufall zuzuschreiben, dass der Thuner Fotograf Martin Glaus 1950 gerade in jenem Augenblick genau diese Strasse entlangging und zudem die Kamera mit sich trug. Jedenfalls ist ihm der Motorradfahrer sofort aufgefallen, der auf seinem Rücken im Rucksack zwei Kinder angehängt hatte – und Glaus drückte rechtzeitig ab, bevor das Trio zu weit von der Fotolinse entfernt gewesen ist. Der Schnappschuss ist dem Sohn des ersten Direktors des Kunstmuseums Thun perfekt gelungen. Das Foto ist ein zeitloser Hingucker. Es erschien seither in mehreren Zeitschriften und Zeitungen und ist im Bildband «Kindheit in der Schweiz» von 2015 abgelichtet.

Aktuell hängt Martin Glaus’ Bild zusammen mit weiteren von ihm und von fünf anderen Fotografinnen und Fotografen in der Sommerausstellung «Aller-retour» im Kunstmuseum, welches das Sujet auch gleich für das Plakat verwendet hat.

Die Truppe «Die drei Romis»

Der Motorradfahrer von damals hiess Roman Grissemann. Der Handwerker fuhr mit seiner Tochter Mira und seinem Sohn Roman, in jenem Jahr sechs und fünf Jahre alt, von Auftritt zu Auftritt oder auch sonst für einen Ausflug durch die Schweiz. «Ich kann mich nicht an diesen Fotografen am Strassenrand erinnern, da wurde nichts inszeniert», sagt Mira Maurer heute. Das Mädchen von damals ist heute 72 Jahre alt und freut sich über die Ausstellung in Thun. «In jener Zeit sind wir als Familienakrobatentruppe ‹Die drei Romis› oft fotografiert worden.»

Auch weiss sie nicht, ob ihr Vater und der Fotograf nach der Aufnahme Kontakt gehabt hätten. «Meine Erinnerung ist, dass wir das Foto in der Nummer 27 der Zeitschrift ‹Moto-Sport› vom 26. September 1951 entdeckt haben», sagt die ­gelernte Schuhverkäuferin und zückt eine jener Ausgaben aus ihrer Tasche und auch gleich eine Postkarte mit jenem Foto als Sujet. «Die habe ich vor kurzem entdeckt und zwei Franken dafür bezahlt», sagt Mira Maurer, die während 26 Jahren den Schulbus der Heilpädagogischen Schule Langenthal fuhr, und schaut dazu auf die Postkarte. Jedes Mal, wenn das Foto irgendwo abgelichtet werde, erhalte sie noch heute zahl­reiche Reaktionen.

Gast am Montag im Museum

Mira Maurer ist am Montag Gast beim Generationencafé «Drun­ter & drüber», welches in der Kunstküche neben dem Museum um 19 Uhr beginnt. «Es war eine lustige Zeit damals», erzählt die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. «Wir präsentierten drei Akrobatiknummern: Die seriöse, die komische, wo wir als Clowns auftraten, und die Stepptanznummer.» Sie erinnert sich noch gut, wie es war, neben ihrem Bruder im Rucksack an Vaters Rücken zu hängen. «Oft hielt die Polizei ihn an, da es nicht erlaubt war, uns auf dem Tank oder dem Sozius zu platzieren», sagt sie verschmitzt. Doch die habe nichts tun können. «Es war nicht verboten, uns am Rücken zu transportieren.»

Als Mira und Roman zu schwer wurden, lehrte der Vater sie und die beiden jüngeren Geschwister, Sonja und Henriette, ein Instrument. «Wir traten als die Grissemann mit Ländlermusik auf», ­erzählt Mira Maurer, die mit ­Papageien und Schildkröten in Kleindietwil wohnt, Countryline tanzt, turnt und im Samariterverein aktiv ist.

«Ein solcher Vater war cool»

Vater sei mit ihnen auch durch die Schweiz geradelt, nach Marseille marschiert, und sie hätten in Paris gewohnt. «Manchmal zog unser Neufundländer ein Wägelchen, mit welchem wir von Dorf zu Dorf zogen und Musik und Artistik boten.» Die Eltern und die jüngeren Geschwister seien gestorben, und der Bruder Roman lebe schwer krank in Frankreich. Gerne erinnert sich Mira Maurer an ihre Kindheit zurück: «Einen solch abenteuerlichen Vater zu haben, war cool.»

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