Wo der Star in den Katzenhimmel aufsteigt

Thun

36 Jahre nach der Welturaufführung des Tanzmusicals «Cats» in London schnurren die Katzen jetzt in Thun. Am Mittwoch feierte die erste Schweizer Open-Air-Inszenierung Premiere. Heraus ragt Grizabella mit dem Ohrwurm «Memory».

Der volle Mond steigt auf, der Tag entschwindet in der Dämmerung. Macavitys (Andreas Langsch) rote Mähne weht im Wind, wenn er Angst einflössend in die Nacht brüllt. Der Bösewicht markiert im verkommenen Freizeitpark auch nach dem Big Bang – dem grossen Knall – sein Revier. Auch Gus (Yngve Gasoy-Romdal), dessen ergraute Zottelmähne sein Gesicht streichelt, will in dieser mystischen Mondnacht mitfeiern und seine Geschichte erzählen.

Mit zittrigen Händen stösst der greise Theaterkater seinen Einkaufswagen voller Erinnerungsstücke zum jährlichen Ball der Jellicle-Katzensippe. Auch er hofft, vom Anführer Alt-Deuteronimus (Frank Logemann), der in wallender Löwenmähne auf dem Thron über den Köpfen seines Rudels dem Geschehen folgt, für ein neues Leben auserwählt zu werden.

Nach und nach tauchen die streunenden Katzen und Kater auf. Jung und flink, im Teenageralter und ungestüm, alt und gebrechlich. Sie kriechen aus Luken hervor, zwängen sich zwischen rostigen Wellblechen hindurch. Die einen stossen mit einem Salto dazu, einige schleichen still aus einer Ecke hervor. Sie fauchen und jaulen, spielen und wirbeln von links nach rechts, rennen von unten nach oben.

Das revueartige Tanzmusical

In der ersten Schweizer Open-Air- und Neuinszenierung von «Cats» müssen sich die Thunerseespiele an das Original des Musicals von 1981 anlehnen: dieselbe Orchestrierung und Handlung samt Akrobatik und Rückblenden sowie die deutschen Versionen von Text und Songs. Während die Samtpfoten im Rastalook feiern, leidet der ­alternde Glamourstar von einst abseits von ihnen. Angefaucht, ausgestossen und vereinsamt, hofft Grizabella (Kerstin Ibald, 2015 als Lady Capula in «Romeo und Julia» auf der Seebühne in Thun und als Grizabella in Tecklenburg), von ihrer Sippe wieder aufgenommen zu werden.

Auch in Thun ist «Cats» «Cats»: Eine quasi handlungslose revue­artige Show mit rockigen und melodiösen Melodien, die jene Zeit der 1980er-Jahre spiegeln und in ihrer Gesamtheit durch das Stück ziehen. Die Welturaufführung des überhaupt ersten Tanzmusicals feierte Komponist Sir Andrew Lloyd Webbers Original mit seinen artistisch-tänzerischen Katzen inmitten der Rezession in England mit Bravour, ein Jahr darauf hatte es am Broadway Premiere.

Dies, obwohl Judy Dench, die ursprüngliche Grizabella, sogar kurz vor dem Auftritt die Achillessehne riss. Dies auch trotz Theaterproduzenten, die Webbers «schwachsinnige Idee», in jener Krise aus Katzengedichten von T. S. Eliot ein Musical zu kreieren, verhindern wollten.

Keine zartfelligen Stubentiger

In eigener Version präsentieren sich auf der Seebühne Kostüme, Masken (Ronald Fahm), Bühnenbild (Walter Vogelweider) und die Art, wie sich die Katzen bewegen. In Thun sind sie keine verwöhnten Stubentiger, sondern im Neuanfang nach dem Big Bang widerstandsfähige Wildkatzen. Im Ganz­körper­kostüm samt flauschigem Schwanz und ledernen Katzenohren ist jedes Sippenmitglied individuell charakterisiert, und zugleich markieren bei allen Tattoos ihre Zugehörigkeit. Ob siamesischer Zwilling, verspielte Jungkatze oder eleganter Ballettkater: Dass die fünfzig Darstellenden sich selber schminken, fällt nicht auf. Jeder Wimperstrich und jede Schattierung im Gesicht sitzt.

In Thun setzen Kim Duddy (Regie und Choreografie) und ihre Crew auf ein temporeiches Stück mit Katzen und Katern, die den Menschen ähnlich sind, die sich freuen wie sie und mitfühlen. In ihrem Gesamten wirken die Bilder auf der 40 Meter breiten Bühne als harmonische Einheit. Mit Sprüngen und Akrobatik füllt das Ensemble über weite Teile die raumgreifende Choreografie.

Mit Vertikaltuchakrobatik

Duddy ist ein eingefleischter Fan seit 1986, als «Cats» sie für die deutschsprachige Erstaufführung aus den Staaten nach Wien und bleibend nach Europa gelockt hat. Neben Andreas Gergen, der in Thun beim «Besuch der alten Dame» Regie führte, verantwortete sie 2015 die Choreografie für die «Cats»-Open-Air-Variante in Tecklenburg. Duddy legt punkto Dynamik und Artistik noch einen Gang zu, indem sie Luft- und Vertikaltuchakrobatik integriert, ebenso Trampolin und schiebbare Lautsprecher und Tribünenpodeste. Wenn sich der anmutige Magierkater Mr. Mistoffelees (Kontorsionskünstler Drnytro Karpenko) einer Schlange gleich in langen Tüchern verbiegt, hält das Publikum den Atem an.

Wendig dreht auch Jungkater Tumbelbrutus (der einstige Kunstturner Lucas Fischer) wie andere Samtpfoten Saltos, rollt das Rad und reiht Flickflack an Flickflack. Graziös windet sich die unschuldige weisse Katze Victoria (Christina Zauner) mit ihrer Luftakrobatik im Reifen.

Katzen kämpfen wie Hunde

Das Bühnenbild passt zu den Katzen und Katern, die als überlebensstarke, mit sieben Leben ausgerüstete Tiere einen Big Bang wie in den Film-Blockbustern «Mad Max» und «Waterworld» überleben könnten. Keine Science-Fiction-Stimmung zwar, aber gelungen zeitlos präsentiert sich das Gesamtbild. Details betonen Kleinigkeiten, wie je nach Liedtext Kakerlakenohren oder Fische und für ein Jellicle-Spiel, bei dem die Katzen mit zwei überdimensionalen Bulldoggen gegeneinander kämpfen. Auch im Tondesign (Thomas Strebel) fallen je nach Szene Finessen auf, wie etwa Scherben, die klirren.

Ebenso gibt es Effekte wie kalten Nebel und pfiffige Überraschungen. So rast etwa der lebensfreudige Frauenschwarm Rum Tum Tugger (Chadi Yakoub) mit blonder Langhaarmähne im türkisfarbenen Seitenwagenmotorrad auf die Bühne und bezirzt die raunenden Katzen mit umwerfendem Hüftschwung.

Die Hauptrolle, die keine ist

Je dunkler die Nacht, desto wirkungsvoller die Lichteffekte (Andrew Voller). Sie heben das Geschehen hervor und bringen die geheimnisvolle Mondnacht erst recht zur Geltung – und mit ihr auch einen der Höhepunkte: wenn Grizabella zum ersten Mal die Bühne betritt. Zittrig und trotz Gebrechen von durchdringlicher Eleganz, berührt ihre Präsenz, die von Leid und Schmerz durchdrungen ist.

Angefaucht von der Sippe oder alleine, schlurft sie durch den Park. In ihren Haaren funkeln noch Glitzer von einst, das schwarze Kleid hängt in Lumpen an ihr. Wenn sie jedoch ihre Stimme erhebt, vibrieren die Herzen. Ein bewegender Moment ist ihr melancholisch schwermütiger Rückblick. Sie betrachtet sich als junge Grizabella (Anastasia Bertinshaw). Sich, die Glamourkatze, die vom Erfolg geblendet tief stürzt.

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Die Schönheit von einst spiegelt sich im Gesicht der alternden Katze noch immer. Zudem wirkt Grizabella auch in ihrer überwiegenden Abwesenheit im Stück präsent. Sie, die selten und nie tanzend, jedoch in ihrer Schlüsselrolle stets einnehmend auftritt, wirkt wie eine mystische Figur. Ihr Höhepunkt ist, wenn sie den Ohrwurm «Memory» in der deutschen Version «Mondlicht» singt, den einzigen Song, der von einem unveröffentlichten Gedicht von Eliot stammt und aus dem schliesslich die Rolle der Verstossenen entstanden ist.

Was Glücklichsein bedeutet

Immer wieder applaudiert das Publikum und schaukelt mit. Wie Grizabella im Finale die Vergangenheit beklagt, geht unter die Haut. Am Horizont leuchtet der Mond, das Symbol für Wechsel und Wandel. «Wenn du mich berührst, wirst du verstehen, was Glücklichsein bedeutet», singt die Verstossene ergreifend. Die Sippe staunt und hört zu, mit ihr das Publikum. Berührt von Grizabellas Leid, nimmt sie ihre Diva wieder auf. Vom Oberhaupt Alt-Deuteronimus auser­wählt, steigt sie in den sphärischen Raum hoch, in den Katzenhimmel und in ein neues Leben.

Der Star ist das Ensemble

Leider gibt es einige Stellen, die sprachlich unverständlich oder auch ­gesanglich zu schwach sind. Das ist schade, weil doch stets die Geschichte eines Sippenmitglieds erzählt wird. Vereinzelt müssen beim Zuschauen auch Phasen ausgehalten werden, in denen die Choreografie nicht ganz durchs Lied trägt. Doch nichtsdestotrotz ist die auf zwei Stunden gekürzte Inszenierung eine grossartige Gesamtleistung. Auch wenn Munkustrap (Philipp Hägeli, zum fünften Mal auf der Seebühne), Bombalurina (Olivia ­Kate Ward), Demeter (Nina Weiss) und etliche andere herausragen: Bei «Cats» ist das Ensemble der Star. Während des gesamten Stücks tanzen und tänzeln die Kater und Katzen, sie springen und fauchen, schnurren und feiern pausenlos.

Ein weiterer Star sind die Songs. Seit 1981, jenem Jahr, wo sich Sheena Easton mit «For Your Eyes Only» und Telly Salavas mit «Some Broken Hearts Never Mind» in die Hitparaden sangen, reihen sich Webbers Kompositionen zu einem weltumspannenden Ohrwurm aneinander. Der Evergreen «Memory», der die Sehnsucht nach Erlösung vom Leid in seiner tiefsten Tiefe in sich trägt, entlässt das schwärmerische Publikum auf die Heimreise.

Thuner Tagblatt

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