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Zwischen Moral und Abgrund

Das Theater Ariane Winterthur gastiert mit «Madame Bovary» im KKThun. Mona Petri übernimmt die Hauptrolle und spricht im Interview über ihre Bühnentode.

Fasziniert von der Ambivalenz ihrer Figur: Mona Petri spielt Madame Bovary.
Fasziniert von der Ambivalenz ihrer Figur: Mona Petri spielt Madame Bovary.
pd

Frau Petri, Madame Bovary schlägt hinter dem Rücken ihres Mannes wahre Kapriolen. Warum merkt er nicht, was seine Frau treibt?Mona Petri: Einerseits vergöttert er seine Emma und ist verblendet. Andererseits ist er ängstlich und feige. Er flieht vor allen menschlichen Abgründen. Genau das bringt Emma dazu, ihn immer wieder zu hintergehen.

Die Bauerntochter heiratet den Arzt Charles Bovary und macht «eine gute Partie», wie das früher bezeichnet wurde. Für wie aktuell halten Sie die Motivation von Frauen, einen gut situierten Mann zu finden?Emma hat nicht die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, einen Beruf zu erlernen, eigenes Geld zu verdienen. Das ist heute all den Kämpferinnen für Emanzipation sei Dank anders! Man heiratet nie einfach einen Menschen, sondern eine Situation, einen Hintergrund, eine Familie, eine Berufsrealität mit dazu – auch wenn man romantische Gründe verfolgt. Ich glaube, dass für viele Frauen der Erfolg eines Mannes einen Attraktivitätsfaktor darstellt, aber Erfolg ist mehr als «gut situiert sein».

Gustave Flauberts Erstlings-roman wurde vom Staatsanwalt als lüstern, gottlos und verderblich bezeichnet. Ist das heute noch nachvollziehbar?Diese Adjektive sind keine Begriffe mehr, in denen wir heute denken und empfinden. Aber das Stück irritiert immer noch, denn die Figuren leben in ständiger Ambivalenz. Alle sind zerrissen zwischen Sehnsucht, Trieb, Freiheitsdrang und Moral.

Emma schluckt Arsen und stirbt. Wie oft sind Sie schon als Schauspielerin gestorben? Was macht das mit Ihrer Psyche?Ich habe nicht mitgezählt, aber ich bin schon viele Bühnentode gestorben. Meistens waren es Selbstmorde, das fing schon in meinem ersten Jahr als Schauspielerin als Ophelia im Hamlet an. Es macht viel mit einem, einen Selbstmord darzustellen, denn unser Spiel ist ja ernst. Man durchlebt die Angst und Verzweiflung wirklich. Aber man weiss, dass man die Konsequenzen nicht tragen muss. Der Gang durch die Hölle ist absehbar, danach ist man befreit und erlöst. Da müssen wir als Schauspielende durch. Doch wen das nicht interessiert, wer nicht alles fühlen will, was ein Mensch fühlen kann, sollte einen anderen Beruf ergreifen.

«Für mich ist es am besten, vor Ängsten nicht zu fliehen, sondern sich ihnen zu stellen.»

Mona Petri

Will man Statistiken glauben, sind Frauen in Sachen Ehebruch auf dem Vormarsch. Für wie utopisch halten Sie eheliche Treue?Ich weiss nicht, ob eheliche Treue utopisch ist. Ich glaube, wenn jemand das als sehr wichtig erachtet, ist das sicherlich machbar, vielleicht auch sehr schön. Ich persönlich finde eine liebevolle, tiefe, stützende Partnerschaft wichtiger.

Ist Emma ein bemitleidenswertes Geschöpf oder eine durchtriebene Schlampe?Das sind zwei extreme Formulierungen. Emma bewegt sich irgendwo dazwischen. Sie besitzt zauberhafte, schöne und lebensfrohe Seiten – und sehr dunkle, egoistische zerstörerische Facetten. Ihr Schicksal will es, dass ihre Abgründe immer mehr zum Tragen kommen.

Sie haben dieser Zeitung schon fürher erzählt, dass Sie hin und wieder in der Altenpflege arbeiten – als Verneigung vor dem Leben und Demutsübung. Hilft der Umgang mit alten Menschen, die Angst vor dem Alter zu vergessen oder Angst zu züchten?Für mich ist es am besten, vor Ängsten nicht zu fliehen, sondern sich ihnen so direkt und konkret es geht zu stellen. Damit gehen sie zwar nicht unbedingt weg, aber sie werden freundlicher und nahbarer.

Wissen Ihre Seniorinnen und Senioren, dass sie von einer bekannten Schauspielerin betreut werden? Lesen Sie ihnen auch «Madame Bovary» vor?Einige wissen es, die meisten nicht. «Madame Bovary» ist für Menschen mit Demenz eine ungeeignete Lektüre. Gerne würde ich mehr mit ihnen singen und vorlesen. Der Pflegealltag lässt das leider kaum zu. Da muss viel passieren. Dringend! Denn es läuft gar nicht gut. Aber das ist ein zu grossen Thema für ein kleines Interview.

Von Flauberts Roman wird gesagt, er habe die Geschichte der Madame Bovary mit der Spitze eines Skalpells geschrieben, er seziere die Charaktere wahrheitsgetreu. Haben Sie ein Zitat aus dem Stück, das dies besonders deutlich macht?Als Emma ihre Tochter ansieht, denkt sie: «Ob ich als Kind auch so hässlich war?» und «Was soll aus einem hässlichen Mädchen bloss werden, das ist doch aussichtslos.» Und dann schämt sie sich gleichzeitig vor dem kleinen Wesen dafür, eine so komische Mutter zu sein. Flauberts Skalpell schneidet immer und überall die Ambivalenz heraus. Und die tut weh.

Vorstellung: Gustave Flaubert, «Madame Bovary»,4. Mai, 19.30 Uhr. KKThun. Einführung um 18.45 Uhr im Foyer des Schadausaals. Vorverkauf: Telefon 079 737 60 14, abo@kgt-thun.ch, www.starticket.ch, www.kgt-thun.ch.

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