Tiefgang mit ein ganz klein wenig Show

Gstaad

Oft werden die im Festival-Zelt aufgeführten Kompositionen zu reinen Showpiecen degradiert. Am Samstagabend stand am Gstaad Menuhin Festival aber der Tiefgang über dem Effekt.

Der französische Meistercellist Gautier Capuçon (rechts) und der Harfenist Nicolas Tulliez entzückten das Publikum.

Der französische Meistercellist Gautier Capuçon (rechts) und der Harfenist Nicolas Tulliez entzückten das Publikum.

(Bild: PD)

Deutsche Musik ist ernst, herb und grüblerisch, französische dagegen hell, geistreich und extrovertiert. Dieses Klischee mag nicht ganz falsch sein. Doch die Interpreten im mit rund 1400 (von 1800) Besucherinnen und Besuchern gut besetzten Festival-Zelt Gstaad schenkten dem französischen Abend erfreulich viel Tiefgang.

So wurde das erste Cellokonzert (a-Moll, op. 33) von Saint-Saëns mit dem französischen Meistercellisten Gautier Capuçon nicht zum blossen Virtuosenstück. Nein, der technisch absolut souveräne Künstler legte tiefere Schichten frei und schuf mit edlem, warmem, variationsfähigem Ton Raum für Beseelung und Melancholie. Dass er als Zugabe (mit dem Harfenisten Nicolas Tulliez) den hochpoetischen «Schwan» aus Saint-Saëns’ «Karneval der Tiere» folgen liess, passte zu diesem Deutungsansatz.

Ebenso subtil diente das Orchestre Philharmonique de Radio France aus Paris unter seinem Chefdirigenten Mikko Franck der Begleitung. Da wurde nicht nur sauber und akkurat, sondern auch in nahtloser Übereinstimmung mit dem Solisten gestaltet.

Schalk und Lust

Bereits in der kontrastreichen Ouvertüre zur Berlioz-Oper «Béatrice et Bénédicte» hatten Franck und sein Orchester ihr Können angedeutet. Ihre grosse Stunde schlug dann in der Symphonie fantastique desselben Komponisten. Dass Franck wegen Rückenproblemen mehrheitlich sitzend dirigierte, fiel nie negativ ins Gewicht. Er hatte jederzeit alles im Griff, wirkte dabei gestaltungsfreudig und disponierte überlegen in Tempowahl, Dynamik und Feinschliff.

Vor allem aber drang er unter die oft laute Oberfläche vor und verhalf der träumerischen Lyrik ebenso zum Ausdruck wie den klanglichen Gipfelstürmereien, der Grellheit und der Raserei: Eine fantastische «Fantastique», mit einer Prise Schalk und Lust am Effekt angereichert.

Das Orchester (darunter erfreulich viele Frauen) strotzte vor Elan und zeigte sich in allen Registern bestens besetzt. Es war ein Genuss, wie reaktionsschnell und geschmeidig da musiziert wurde. Dazu kamen eine bewundernswerte Tonkultur und, typisch französisch, Eleganz und Esprit.

Das Publikum wollte und erhielt mehr – mit der Valse triste von Sibelius, aus Francks Heimat Finnland.

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