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Tierische Therapeuten

Mittlerweile gibt es viele Studien, die belegen, dass Tiere der Gesundheit des Menschen guttun. Sie haben eine beruhigende Wirkung und können auch bei Depressionen helfen.

Als Assistent einer Zauberpädagogin ist es Gaston gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. Gelassen führt der 6-jährige Border Terrier Kunststückchen in einem Kreis von elf Kindern und zwei Lehrerinnen aus. Wie ein Schauspieler legt er sich auf den Befehl «Peng» hin, als wäre er tot, oder sucht nach Stofftieren, die die Schüler im Klassenzimmer versteckt haben. Und es macht ihm sichtlich Spass, durch einen Tunnel aus Kinderbeinen zu laufen, während die acht Buben und drei Mädchen vor Begeisterung kaum zu halten sind. Auf die Frage von Gastons Besitzerin, wer ihn denn bürsten möchte, gehen alle Finger in die Höhe, und wann immer sich die Möglichkeit bietet, streichelt eine kleine Hand schnell den Hunderücken. Und als der Rüde trotz mehrmaliger Aufforderung «Gib Laut» nicht einmal einen Pieps von sich gibt, überlegen die Schüler gemeinsam, wie sie ihn vielleicht doch noch zum Bellen bringen könnten. Beruhigende Wirkung Wenn die Heilpädagogin und Zauberin Gabriele Wende-Ochsenbein einmal pro Woche mit Gaston in die «Kleinklasse zur besonderen Förderung» der Primarschule Länggasse kommt, sind die Kinder im Alter zwischen acht und zwölf Jahren äusserst konzentriert, und Teamwork wird grossgeschrieben. Seit August übt Frau Wende-Ochsenbein jeden Mittwoch eineinhalb Stunden lang mit den Schülern Zauberkunststücke ein, stets tatkräftig unterstützt von ihrem Hund. «Einige Kinder sind oft unruhig und haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, Gastons Anwesenheit aber wirkt sich beruhigend auf sie aus», beobachtet Lehrerin Verena Troxler. Und zwei frühere Klassenlehrerinnen, die vor kurzem zu Besuch waren, fanden es gar «unglaublich», wie eifrig und konzentriert die Kinder plötzlich bei der Sache waren. Wende-Ochsenbein, die ihren Border Terrier beim Verein Therapiehunde Schweiz ausbilden liess, stellt fest, dass sich auch die Kommunikation unter den Kindern deutlich verbessert hat. «Der Hund ist ein Mittel dafür, dass man miteinander in Kontakt kommt», sagt sie. Die Lehrerinnen sind überzeugt, dass das positive Klima auch anhalten wird, wenn das Kulturprojekt der Stadt Bern, in dessen Rahmen Frau Wende-Ochsenbein und Gaston in die Länggasse kommen, im Januar endet. Viele Studien Mittlerweile gibt es unzählige Studien, die belegen, dass Tiere der Gesundheit des Menschen guttun. So haben beispielsweise Haustierbesitzer nach einem Herzinfarkt eine viermal grössere Überlebenschance als solche ohne Katze oder Vogel, allein schon deshalb, weil da jemand zu Hause wartet, der sie unbedingt braucht. Inzwischen ist es bei innovativen US-Firmen sogar üblich, dass auch die Krankenversicherung für Hamster und Co. übernommen wird. «Wir wissen, dass Haustiere ein wertvoller Teil des Privatlebens unserer Angestellten sein können», sagte Google-Pressesprecher Jordan Newman gegenüber dem Magazin «Spiegel». «Wir glauben, dass ein gutes Privatleben auch gut für die Atmosphäre am Arbeitsplatz ist», so Newman weiter. Dass Tiere auch bei Konzentrations- und Verhaltensschwierigkeiten hilfreich sein können, ist derzeit noch wenig bekannt. Eine aktuelle Untersuchung zum Thema Tierliebe in einem österreichischen Kindergarten brachte Manuela Wedl von der Abteilung für Verhaltensbiologie der Universität Wien zu folgendem nachdenkenswertem Fazit: «Grundsätzlich sind Tiere wichtige Mittler zur eigenen Psyche und eignen sich deshalb für die institutionelle Pädagogik oder Therapie.» Auf tierische Therapeuten setzt man in Münchenbuchsee schon lange. Im Tierpark der Privatklinik Wyss hoppeln Hasen und Wallabys über den Boden, meckern Zwerggeissen, und eine 18-jährige Laufente stolziert so aufrecht wie ein amerikanischer 5-Sterne-General in ihrem Gehege herum. Walter Joschka* kam vor einigen Wochen mit einem Burn-out in die Klinik. Als er hörte, dass es möglich war, die Therapeutin Margrit Iseli auf der Fütterungsrunde zu begleiten, meldete er sich sofort dafür an. «Die Tiere tun mir gut. Sie sind nicht befangen oder launisch und kommen auf einen zu», sagt der 53-Jährige. Und er schätzt, dass sie im Gegenzug zu vielen Menschen ehrlich sind. «Ich kam durch die Begegnung mit den Tieren, die wir bei jedem Wetter besuchen, wieder auf andere Gedanken. Sie halfen mir sicherlich schneller, wieder auf die Füsse zu kommen», lautet das Fazit des Physikers. Ihm haben es vor allem die Ziegen und die betagte Entendame Daisy angetan. Vor kurzem konnte Joschka wieder die Koffer packen und nach Hause zurückkehren. Aber er hat sich vorgenommen, ab und zu den Park zu besuchen und seinen tierischen Therapeuten Hallo zu sagen. «Die Zuwendung der Tiere hat Herrn Joschka sichtlich gutgetan. Als er hier ankam, war er sehr niedergeschlagen, doch beim dritten Mal im Park merkte man, dass wieder so etwas wie Freude in seinem Gesicht aufflackerte», erzählt Iseli. Die ehemalige Pflegefachfrau, die auch als Sennerin gearbeitet hat, kümmert sich seit mehr als fünf Jahren in der Privatklinik Wyss mit um das Wohl der Kranken und der rund 50 Tiere. Jeden Tag macht sie sich mit Patienten auf zu zwei Fütterungsrunden. Die 13 Plätze in der tiergestützten Therapie, die mehrere Wochen dauert, sind begehrt. «Auf diese Weise wollen wir helfen, dass sich der Betroffene wieder auf seine Stärken besinnt», sagt Iseli. Vertrauen Es mögen für einen Aussenstehenden oft nur kleine Dinge sein, aber für die jeweilige Person, die vielleicht depressiv ist oder an Angststörungen leidet, kann das tägliche Besuchen oder Füttern der Tiere einen guten Schritt in Richtung Genesung bedeuten. Iseli beobachtet auch, dass Patienten, die Therapien mittlerweile müde sind, sich über den Kontakt zu den Tieren eher wieder öffnen. «Durch diese Begegnungen fassen die Leute oft wieder das notwendige Vertrauen zu der zwischenmenschlichen Kommunikation», stellt sie fest. Was Psychotherapeuten und Psychiatern oft nicht gelingt, schaffen erstaunlicherweise manchmal die Schildkröten und Seidenhühner der Privatklinik. Sie führen den Patienten vor Augen, um was es im Leben geht. Um das Dasein an sich, ohne ständig Leistung erbringen zu müssen. Juliane Lutz*Name von der Redaktion geändert >

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