Zum Hauptinhalt springen

Tsongas Traum wird zu Federers Albtraum

Roger Federer ist in Wimbledon wie im Vorjahr bereits im

Kleinigkeiten haben manchmal grosse Bedeutung. Es war im ersten Game des fünften Satzes, als eine kleine Szene dem Beobachter verriet, dass für Roger Federer nicht alles nach Plan lief. Der Ball kam nach einem fehlerhaften Aufschlag zum Schweizer zurück, der ihn mit einer kurzen Bewegung aus dem Handgelenk zum schräg hinter ihm platzierten Ballbuben weiterleitete. Es ist seit Jahren eine Art Ritual Federers, den Ballkindern die Filzkugeln aus jeder Position präzis in die Hände zu spielen. Auch diesmal stimmte die Richtung, doch der Ball glitt dem fangbereiten Jungen durch die Hände. Federer hatte ihn unbewusst härter geschlagen als gewollt. Der Adrenalinausstoss kam nicht von ungefähr. Denn Jo-Wilfried Tsonga (ATP 19) machte dem sechsfachen Wimbledon-Champion schwer zu schaffen. Der Franzose servierte stark und spielte auf dem «heiligen Rasen» mit hohem Risiko – und das mit zunehmendem Erfolg. Kurz nachdem dem Ballbuben der Ball durch die Finger geglitten war, entglitt Federer der Match. Tsonga drosch mit Brachialgewalt auf die gelben Kugeln und realisierte gleich das vorentscheidende Break. «Ich fühlte mich die ganze Zeit wie in einem Traum», sollte der 26-Jährige später sagen. Am Anfang war noch alles nach Wunsch gelaufen. Federer begann stark, nahm dem Herausforderer gleich den Aufschlag ab und führte nach nur sechs Minuten 3:0. In der Folge entwickelte sich eine unterhaltsame Partie mit Höhepunkten à discrétion. Die beiden Exponenten glänzten mit brillanten Stopp- und Passierbällen sowie spektakulären Netzattacken. Das war kein Zufall; es ist nämlich kaum möglich, auf einem Tennisplatz mehr Ballgefühl zu vereinigen als mit Federer und Tsonga – es sei denn, man stellt ein Doppel zusammen. Federer schien Spiel und Gegner im Griff zu haben. Er sicherte sich nach dem ersten auch den zweiten Satz, diesmal im Tiebreak. Vom 5:6 im zweiten Durchgang bis zum 1:0 im vierten Satz spielte er buchstäblich fehlerlos und gewann 15 von 18 Punkten. Doch ausgerechnet nach diesem Zwischenspurt kam die Wende. Im dritten Game kassierte er das erste Break, wobei viel Ungemach zusammenkam. Einerseits misslang ihm ein Standardvolley, anderseits traf Tsonga aus jeder Lage die Linien. Dem in der Schweiz wohnenden Franzosen, der die Rückhand zweihändig spielt, gelang sogar einhändig ein Passierball. Und beim Breakpunkt touchierte die Filzkugel die Linie, wie per Videobeweis gezeigt wurde. Der Schweizer sprach später von einem «ungewöhnlichen Break, das er nicht unbedingt verdiente». Der 3:6, 6:7, 6:4, 6:4, 6:4-Sieg Tsongas war indes nicht unverdient. Der Aussenseiter riss das Geschehen im dritten Satz an sich und liess nach seinem ersten Servicegame bis zum Schluss keine einzige Breakchance mehr zu. «Unglaublich» habe er serviert, erzählte er, rund eine Stunde nachdem er auf dem Centre-Court seinen typischen Siegestanz aufgeführt hatte. Er sei unsicher gewesen, ob er den Tanz zeigen solle, «schliesslich ist Roger für mich der Grösste. Aber dieser Sieg wird immer eine der wichtigsten Erinnerungen in meiner Karriere bleiben, und so habe ich ihn doch gemacht.» Federer hatte verloren, obwohl er statistisch fast in allen Belangen der Bessere war. Das war besonders bitter, weil er geglaubt hatte, seine Form sei für den siebten Wimbledon-Titel gut genug. Rafael Nadal hatte mit seinem Kumpel Mitleid, «weil er in Paris und auch hier hervorragend gespielt hat. Ich sah die ersten beiden Sätze, und sein Tennis war meiner Meinung nach sehr gut.» Dennoch wird im Halbfinal Jo-Wilfried Tsonga gegen Novak Djokovic antreten. Als Tsonga gefragt wurde, ob er nun den Titel gewinnen könne, antwortete er: «Warum nicht?» Ja, warum eigentlich nicht? Adrian Ruch, Wimbledon>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch