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Unten passiert viel, oben zu wenig

Das Berner Stadttheater zeigt Hansjörg Schneiders «Sennentuntschi» in der Vidmarhalle als turbulentes Unterleibsdrama.

Nein, kein Skandal, gar nichts – obwohl die Männer oft füdleblutt sind und eifrig, aber ergebnislos an ihren Gliedern fingern. Das «Sennentuntschi» in der Vidmarhalle des Berner Stadttheaters wird nicht als Pornoereignis in die Geschichte eingehen. Leider auch nicht als Theaterereignis. Hansjörg Schneiders Stück kam 1972 heraus und war dann zehn Jahre lang ein Schocker. Zurzeit ist das «Sennentuntschi» als Kinoprojekt im Gerede, allerdings nicht wegen sexueller Freizügigkeiten, sondern durch die finanziellen Blössen von Filmregisseur Michael Steiner. Trieb-Werk auf der Alp In den 70er- und 80er-Jahren provozierte Schneiders Stück gleich doppelt: erstens mit Sex der unangenehmen Art; und zweitens indem er sein Trieb-Werk auf einer Alp ansiedelte. Statt dass hier heimatverbundene Naturburschen nach beschaulichem Tagwerk zeitig mit den Hühnern schlafen gehen, erliegen sie allerlei anderen Vögeleien. Die Sennen Benedikt, Fridolin und Mani hüten, melken und käsen auf einer abgelegenen Alp. Abends beten sie zur heiligen Mutter Gottes, haben aber ganz andere Frauen im Sinn. Im Suff basteln sie aus Lumpen eine Puppe. Im Angedenken an die Gebenedeite nennen sie das Tuntschi Maria. Das Sexspielzeug erwacht zu realem Leben. Und wird zur Gefahr. Maria, die eigentlich nur die Beine breitmachen sollte, fordert: Sie will Sex, und zwar so viel, dass die Männer kapitulieren. Und als der Sommer endet, beginnt ein fast unlösbares Problem: Wohin mit dem unheimlichen Wesen? Gastregisseur Elias Perrig, Schauspielchef am Theater Basel, hat das Alpendrama in einer kleinen Sennhütte angesiedelt, die gegen den Zuschauerraum geschlossen ist. Das Publikum erlebt das Geschehen nur durch die Fenster. Dieses Konzept veranschaulicht die enge Welt der drei Männer. Ticketrabatt Die schöne Theorie hat allerdings praktische Mängel. Man sieht zu wenig. Auch von den besten Plätzen aus ist mindestens ein Darsteller stets unsichtbar. An die Mischung von Hör- und Schauspiel gewöhnt man sich im Laufe des Stücks zwar. Doch fragt man sich dennoch, ob die konsumentenfeindliche Einschränkung nicht einen Ticketrabatt wert wäre. Sebastian Edtbauer ist Mani. Sehr verletzlich spielt er den Jungsenn, der unter der dumpfbackigen Männerbarbarei leidet. Ernst C. Sigrist gibt eindrücklich den Oberwüstling Fridolin. Überzeugend, wenn auch etwas abrupt, entwickelt sich Stefano Wenk vom frommen Benedikt zum Sexmaniac. Milva Stark beeindruckt als Männer fressendes Tuntschi Maria in Grossmutters Strapsen (Kostüme Beate Fassnacht). Da war doch noch was Doch trotz schöner Schauspielerei will der Funke nicht recht überspringen. Weder unten in der Hose noch oben im Kopf. Erotisch läuft nichts, soll wohl nichts laufen, weil die Inszenierung unappetitlichen Sex auf der Stufe Gammelfleisch serviert. Und oben im Kopf passiert nichts, weil man zu wenig spürt, was die Männer ausser Rammeleien denn wirklich antreibt: Nähe, Wärme etwa. Elias Perrigs Stück ist eindimensional. Austausch von Körperflüssigkeiten, gut. Aber da war doch noch was. Peter Steiger Nächste Vorstellung am 3.Januar 2010, 18 Uhr. Telefon 031 3295252. •www.stadttheaterbern.ch>

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