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Verdächtigter untergetaucht

BernGestern hätte ein Prozess gegen einen 28-Jährigen

Der Saal Nummer 220 des Berner Amtshauses war gestern Morgen gut besetzt. Ein Gerichtspräsident, vier Richter, ein Staatsanwalt, drei Anwälte, ein Angeklagter und ein Kläger erschienen pünktlich um 8.15 Uhr im Gerichtssaal. Abends um 17 Uhr hätte dann auch noch ein Gerichtsmediziner erscheinen sollen, doch das war nicht mehr nötig. Die wichtigste Person blieb dem Prozess vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland nämlich fern. Der Messerstecherprozess war zu Ende, ehe er begonnen hatte. Um 9.45 Uhr erklärte Gerichtspräsident Urs Herren die Verhandlung für beendet. Der Mediziner musste kurzfristig wieder ausgeladen werden. Dem Gericht und den Parteien war allerdings bekannt, dass der Angeklagte kaum vor Gericht erscheinen würde. Denn von dem 28-jährigen Türken fehlt derzeit jede Spur. «Gemäss unserer Kenntnis ist er untergetaucht», sagt Richter Herren. «Wir wissen nicht, wo er sich befindet.» Messerstecherei in Bümpliz Der Fall ereignete sich am 18.Januar 2010 beim Kleefeld-Zentrum in Bümpliz. Der Angeschuldigte verletzte einen 20-jährigen Mann mit einem Messer. Er traf das Opfer in die Beine und den Oberkörper – und stach ihm das Messer mehrere Zentimeter in den Bauch. Er ist der versuchten vorsätzlichen Tötung, eventuell der Körperverletzung, angeklagt. Das Opfer wurde nur leicht verletzt und tritt als Zivilkläger auf. Ein zweiter Angeschuldigter erschien aber gestern. Der 23-jährige Türke war bei dem Vorfall in Bümpliz mit dabei, stach aber nicht selber zu. Er muss sich wegen Angriffs verantworten. Das Gericht hiess aber den gestrigen Antrag der Staatsanwaltschaft gut und trennte die beiden Verfahren voneinander. Der 23-Jährige wird später in einem Strafbefehl- oder Einzelrichterverfahren beurteilt. Auch das Verfahren gegen den Hauptangeklagten wird sich nun um einige Zeit verzögern. Niemand weiss, wo sich der 28-Jährige derzeit aufhält – auch nicht sein Anwalt. «Seit Mitte Juli hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihm», sagt Ismet Bardakci. Er nimmt an, dass sich sein Mandant mit «Wichtigerem» befasst und deshalb nicht an den Prozess gedacht habe. Denn der Türke darf sich nicht mehr in der Schweiz aufhalten. Im Jahr 2006 hatte er ein Asylgesuch gestellt. Als Kurde wollte er dem Militärdienst entgehen. Das Bundesamt für Migration lehnte das Gesuch ab. Auch mit einer Beschwerde gegen diesen Bescheid hatte er keinen Erfolg. Mitte Juni dieses Jahres entschied das Bundesverwaltungsgericht, die Wegweisung sei «zulässig, zumutbar und möglich». Polizeilich gesucht In der Schweiz erwartet ihn aber noch ein Urteil. Entweder taucht er wieder auf, dann wird er womöglich mit einer befristeten Aufenthaltsbewilligung zum Prozess erscheinen müssen. Er kann aber auch in seiner Abwesenheit verurteilt werden. Laut Richter Herren ist er zur Verhaftung ausgeschrieben. Anwalt Bardakci rechnet jedoch nicht damit, dass sein Mandant nach dem Urteil noch eine Haftstrafe absitzen muss. Denn vergangenes Jahr hat der 28-Jährige bereits vier Monate in Untersuchungshaft verbracht. Danach kam auch die Anklagebehörde zum Schluss, er sei «mangels Haftgrund in Freiheit zu belassen». Sie meinte wohl kaum die Freiheit eines Untergetauchten. Johannes Reichen>

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