Veronika Gut gibt nie auf – und verliert alles

Ballenberg

Das Landschaftstheater taucht mit «Veronika Gut» in ein finsteres Kapitel Geschichte «ennet dem Brünig» ein. Karin Wirthner spielt eine Untergrundkämpferin. Eine Narrenfigur und griffige Regieeinfälle sorgen für Farbe und Witz.

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Svend Peternell

Am Ende hat die mutige Frau mit ihrer geballten Kraft an Auflehnung gegen die neuen Ströme der Zeit alles verloren: Ihren Mann, der von einem Baum stürzte, ihren ältesten Sohn, der gegen die französischen Truppen fiel, ihre vier Töchter, die auf der Flucht in einem Unwetter ertranken.

Veronika Gut kehrt geknickt an ihren Ausgangspunkt zurück, wo sie sich als Untergrundkämpferin gegen jegliche Doktrin der neuen Ordnung zur Wehr gesetzt hatte.

Jetzt aber werden die grellen Spots langsam zurückgefahren und die Menschen, welche vor Veronika Gut den Hut als Mittrauernde ziehen, der Dunkelheit überlassen (Licht: Martin Brun).

Das Landschaftstheater Ballenberg nimmt sein Publikum heuer mit auf eine Doppelreise: zuerst mal gehts «ennet den Brünig» nach Nidwalden.

Und dann zurück in jene Zeit, als die Anhänger des Ancien Regime sich gegen jeglichen Einfluss der von Napoleon unterstützten Helvetischen Republik auflehnten. Hier also die Vaterländischen, die um 1800 die alte Ordnung und Eigenständigkeit verfechten und erbittert dafür kämpfen.

Dort die Patrioten, die für die französischen Revolutionsideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit» einstehen, diese aber durch Gewalt, Willkür und Schikanen immer wieder verraten. Zwei Welten und Haltungen, die aufeinanderprallen – genährt durch Provokationen, Schlichtungs-versuche und Belehrungen.

Närrin hält den Spiegel vor

Das Gespann, das sich diesem bewegten, aber nicht leichten Stoff angenommen hat, überzeugt mehrfach. Autor Andreas Berger breitet den Aufruhr in Nidwalden in gut entwickelten und stimmigen Szenenbildern aus.

Mit dem Chalen-Dorli bringt er zudem eine mausarme, tragikomische Närrin à la Shakespeare ins Spiel, die immer wieder beiden Seiten den Spiegel vorhält, Unangenehmes ausspricht und von ihren eigenen Traumwelten durchgeschüttelt wird. Silvia Jost zieht als Pennerin in Lumpengewand und mit Strohbündel beladen behende und schlagfertig durch die Szenerie – in ihrer Existenznot findet sie auch Trost am Tropf.

Regisseurin Marlise Fischer – selber eine quirlige, auf Details bedachte Schauspielerin – breitet schöne Szenentableaux aus, gibt den vielen historisch gewandeten Figuren ihre eigenen Konturen, welche die 34 Laien von jung bis alt beherzt mit Leben füllen.

Fischer schickt sie gemäss dem Landschaftstheater-Anspruch auch auf lange Wege entlang der Tribüne und hinter die Häusergruppen – und da leidet als einer der wenigen Abstriche manchmal die Verständlichkeit darunter.

Die Berner Regisseurin wandelt aber lustvoll zwischen Realismus, Überhöhung und (Alp)-Traum-Sequenzen. Sie handhabt die verschiedenen Stilemente vital und baut Farbtupfer in die von Düsternis geprägte Inszenierung ein.

Nicht nur Rebellin in schwarz

Wie wenig ins Korsett gepresst die Aufführung daherkommt, zeigt sich an der Hauptfigur: Karin Wirthner verkehrt als Veronika Gut ihren Namen nicht einfach ins Gegenteil. Sie wirkt als Kriegstraumatisierte wohl verhärtet-unerbittlich, ist fordernd, aufsässig, unangenehm – aber auch schlau und einsichtig, wo Durchstieren nichts bringt. Sie wird als rebellische Witwe und Waffenschmugglerin nicht auf eine schwarze Seele reduziert.

Karin Wirthner zeigt auch Verletzungen und Anhänglichkeit der strammen Katholikin, wenn sie sich einmal gar an Chalen-Dorli festhält und sich auf der Hausbank von Melchior (Ali Achermann) küssen lässt. Da lösen sich ihre sonst fest gebundenen Haare auf – Verbissenheit weicht kurzerhand sinnlicher Wildheit.

Wo sie am Ende alles verliert, hat das Publikum sehr viele Facetten einer auf den ersten Blick wenig sympathischen Figur gewonnen. An der Premiere wurde dies mit lebhaftem Applaus quittiert.

Berner Oberländer

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