Vielfältiges Leben am Ende des Tals

Lauterbrunnen

Im Naturschutzgebiet Hinteres Lauterbrunnental gibt der Ranger Christian Rösti interessierten Besuchern Einblick in das Leben von Pflanzen und Tieren. Und er entdeckt auch selber laufend Neues.

Einblicke im Lauterbrunnental mit dem gut getarnten Schwarz gefleckten Bläuling.

Einblicke im Lauterbrunnental mit dem gut getarnten Schwarz gefleckten Bläuling.

(Bild: Sibylle Hunziker)

Am südlichen Ende des Lauterbrunnentals, wo am Fuss der Jungfrau das Naturschutzgebiet von Pro Natura liegt, tost und rauscht das Gletscherwasser über hohe Felswände, durch dunkle Wälder und bunte Blumenwiesen der Lütschine zu. Kaum ein Wanderer schafft es, die zahlreichen Stege und Brücklein zu überqueren, ohne anzuhalten und das Naturschauspiel zu bewundern.

Verborgener Reichtum

Besonders lange braucht Christian Rösti, um über die Bäche zu kommen. Der Biologe, der seit sechs Jahren im Auftrag von Pro Natura als Ranger Besucher informiert und die natürliche Vielfalt im Naturschutzgebiet do­kumentiert, bestaunt allerdings weniger die imposanten Wasserfälle. Ihm haben es vor allem die Holzpfosten und Latten der Brücken angetan.

Christian Rösti sucht Stein­fliegen. «Wenn sie sich zum letzten Mal häuten, klettern sie aus dem Wasser. An den Brücken entdeckt man sie dann leichter als in der Ufervegetation.» Am häufigsten sieht man die Verwandten der Libellen und Heuschrecken, die ihre langen Flügel in Ruhestellung flach über den Rücken legen, allerdings Anfang und Ende Sommer. Doch auch dann ist es Glückssache.

Zwar können Steinfliegen fünf bis sechs Jahre alt werden. Doch fast ihr ganzes Leben verbringen sie als Larven an und unter Steinen im Wasser. Bis zu 25-mal häuten sie sich, bis sie aus dem Wasser steigen, ihr letztes Larvenkleid sprengen und davonfliegen, um sich in wenigen Tagen fortzupflanzen und dann zu sterben. Einige Arten fressen nicht einmal in dieser Zeit, so kurz ist diese Lebensphase.

Gütesiegel der Bäche

Plötzlich hält Christian Rösti inne. An einem alten Holzpfosten, der nach der letzten Reparatur neben der Brücke liegen geblieben ist, hängen gleich zwei feine, fast geisterhaft transparente Wesen – die Häutchen von zwei geschlüpften Steinfliegen. Mit der Pinzette spediert sie der Biologe in kleine Kapseln, um sie zu Hause zu bestimmen. «Die Häute ­zeigen noch jedes Detail, von den zwei typischen Steinfliegen-‹Schwänzchen› bis hin zu den Kauwerkzeugen und den Tracheen, mit denen die Larven geatmet haben.»

In der Schweiz sind bisher 115 Steinfliegenarten nachgewiesen, und mehr als die Hälfte davon steht auf der Roten Liste der bedrohten Tiere. Denn die meisten Arten bevorzugen sauberes, sauerstoffreiches Wasser. Und jede Art ist an ganz spezielle Nischen angepasst. «In den sauberen, naturbelassenen Bächen des Hinteren Lauterbrunnentals gibt es noch viele Arten», weiss der Ranger.

Was da kreucht und fleucht im Lauterbrunnental: Hier die Larve Dictyogensu alpinus. Bild: zvg

Weil für die wichtigen «Zeigerarten» für die Gewässerqualität bisher Bestimmungswerke fehlen, mit denen auch Laien leicht arbeiten können, bereitet er ein Buch über die Steinfliegen der Schweiz vor – mit Zeichnungen und Beschreibungen der wichtigsten Merkmale, Angaben über Verbreitung und Lebensweise und schönen Fotos.

Bunte Vielfalt

Wie man das Interesse von Laien für Insekten weckt, sodass sie genau hinschauen und schnell einmal die kleinen Details zu unterscheiden lernen, weiss der Bio­loge, seit er ein Buch und eine App zu den Schweizer Heuschrecken gemacht hat. Im Hochsommer fällt es allerdings auch dem ­Heuschrecken- und Steinfliegenspezialisten schwer, sich nicht dauernd von der bunten Pracht der Blumen und Schmetterlinge ablenken zu lassen.

Achtzig Tagfalterarten hat der Ranger an Info Fauna, das Schweizer Zentrum für die Kartografie der Fauna, aus seinem Gebiet bisher gemeldet – vom Alpenapollo, dessen Raupen auf die Blätter des Weissen Mauerpfeffers spezialisiert sind, bis zum Schwarz gefleckten Bläuling, einem Vertreter jener Gruppe von «Kuckucksschmetterlingen», die ihre Raupen von Ameisen aufziehen lassen. Und neulich hat er, eher per Zufall, einen Bestand von Simplon-Weisslingen entdeckt, deren gelb-grün-blau gestreifte Raupen hier an den Früchten der Brillenschötchen knabbern.

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