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Vier Religionen für ein Halleluja

Es gibt die Weihnachts-

Daniel Winnewisser macht grosse Augen. Auf dem Parkplatz beim reformierten Kirchgemeindehaus Geissberg in Langenthal sind soeben drei Autos vorgefahren. Winnewisser, seit einem Jahr Pfarrer in Langenthal, steht im Türrahmen und beobachtet die Besucher beim Aussteigen. Er weiss nur vage, was ihn erwartet. Aber er weiss nicht, dass er in ein paar Minuten den Gästen seine persönliche Weihnachtsgeschichte erzählen wird. Der Moslem feiert mit Eine halbe Stunde früher. Beim Sikh-Tempel am Südrand von Langenthal. Drei Männer beugen sich über eine Weihnachtskarte, die auf dem Heck eines Autos liegt. Drei Männer, die eigentlich, so könnte man meinen, mit Weihnachten wenig am Hut haben: ein Moslem, ein Hindu und ein Sikh. «Wir haben zwar einen unterschiedlichen Glauben, aber wir sind alle in Gottes Hand», sagt Mutalip Karaademi, Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft. Seit 30 Jahren lebt der gebürtige Mazedonier hier. Und das heisst für ihn: «Wir leben, feiern und beten zusammen.» Auch an Weihnachten. Der Hindu geht in die Kirche Netra Prasadgaire, der Hindu aus Langenthal, hat die Weihnachtskarte gerade unterschrieben. In der Hand hält er eine kleine Tanne mit roten Päckli an den Zweigen. «Meine Religion ist nicht besser oder schlechter als die anderen», sagt er. Natürlich feiere er auch Weihnachten, am 25.Dezember besuche er den Gottesdienst in einer Kirche. Karan Singh ist der dritte im Bunde. Ein bärtiger Mann mit Turban, ein Sikh. Als Initiant des Sikh-Tempels in Langenthal erlangte er nationale Berühmtheit. Denn das Gotteshaus im Oberaargau ist schweizweit das einzige der Sikh-Gemeinschaft. Der heilige Monat der Sikhs Vor diesem Tempel steht Karan Singh nun. Den Hindu und den Moslem drückt er zur Begrüssung fest an sich. Auch Karan Singh als Sikh feiert Weihnachten. «Der Dezember ist für uns sowieso ein heiliger Monat», erklärt er. Heiligabend zum Beispiel verbringt er mit dem sozial engagierten Pfarrer Ernst Sieber bei Zürich. Zurück zum Geissberg, zurück zum staunenden Pfarrer Winnewisser. Er bittet seine Gäste an einen grossen Tisch, serviert Kaffee und Süsses. Schon bald wird das Minarett zum Thema, das die Moslems auf ihrer Moschee bauen möchten. Das Projekt ist einer der Auslöser für die Anti-Minarett-Initiative, die das Stimmvolk Ende November angenommen hat. «Wir erleben eine politisch brisante Zeit», sagt der Pfarrer, eine «traurige Situation». Doch – und bei diesen Worten hellt sich seine Miene auf – «es bietet sich uns auch eine Chance auf ein Miteinander der Religionen». Man stehe zwar erst am Anfang, «und ich freue mich auf jede Begegnung». Der Stau auf der Strasse Das Minarett-Verbot beschäftigt auch Karan Singh. Es sei Ausdruck eines «Staus auf der Harmonie-Strasse», sagt der Sikh in seiner blumigen Sprache. Doch bald werden die Autos wieder fahren können, ist er überzeugt. Vor allem in Langenthal. «Die Stadt ist ein Symbol für Integration und Frieden.» Andernorts sei es unmöglich, den Pfarrer spontan zu treffen und ihm ein Weihnachtsgeschenk zu überbringen. Geschenke verteilen auch die Moslems gerne. Neben der Moschee in der Bützbergstrasse wohne eine ältere Frau, erzählt Mutalip Karaademi. 18 Jahre lang habe sie kein Geschenk mehr zu Weihnachten erhalten. Bis ihr eines Tages die Moslems ein Präsent überreichten. «Sie hatte Tränen in den Augen», sagt Mutalip Karaademi. Und so findet auch er: «Für mich ist Weihnachten ein Festtag.» «Matthäus oder Lukas?» Am Schluss des Treffens erzählt Pfarrer Winnewisser seine Weihnachtsgeschichte. «Das Kind Jesus, geboren im dreckigen Stall, ist ein Symbol für das Göttliche, das alles verbindet.» Es gebe keine Trennung der Welten. Weihnachten sei auch dazu da, um über das eigene Gärtli hinauszuschauen. Mutalip Karaademi, ein wenig verwirrt, fragt, wo diese Geschichte in der Bibel vorkomme. «Bei Matthäus oder Lukas?» Die Antwort von Pfarrer Winnewisser: «Nirgends. Das ist meine eigene Weihnachtsgeschichte.» Dominik Balmer>

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