Gadmen

Warum der tödliche Trift-Felssturz nichts mit dem Permafrost zu tun hat

GadmenDer tödliche Felssturz vor zwölf Tagen an der Trift wurde durch natürliche Spannungen und Gesteinsbewegungen ausgelöst. Der Geologe Ueli Gruner erklärt, wieso dies mit dem Prozess des auftauenden Permafrosts nichts zu tun hat.

Der Ort des Unglücks: Mitten in der Felswand (gelber Punkt) löste sich das Felspaket. Auf dem blau eingezeichneten Hüttenweg zur Trifthütte wurde die Wanderin von den Gesteinsmassen getroffen (violetter Punkt) und in die Tiefe gerissen. Links der Bildmitte ist die populäre Hängebrücke zu sehen (blau gepunktete Linie).

Der Ort des Unglücks: Mitten in der Felswand (gelber Punkt) löste sich das Felspaket. Auf dem blau eingezeichneten Hüttenweg zur Trifthütte wurde die Wanderin von den Gesteinsmassen getroffen (violetter Punkt) und in die Tiefe gerissen. Links der Bildmitte ist die populäre Hängebrücke zu sehen (blau gepunktete Linie). Bild: Bruno Petroni

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Sie kennen das Triftgebiet beide wie ihre Westentasche: Der Geologe Ueli Gruner (Kellerhals+Haefeli AG) beobachtet die Entwicklung da oben seit vielen Jahren. Und der Innertkirchler Gemeindepräsident Walter Brog als ehemaliger langjähriger Hüttenchef der SAC-Trifthütte hat vor zehn Jahren mit seiner Firma gar die populäre Hängebrücke gebaut.

Sie beide sind derselben Meinung: «Was der an sich gut ausgerüsteten Wanderin vor zehn Tagen passiert ist, ist schlicht und einfach Pech. Die Frau stand nun wirklich im falschen Moment am falschen Ort.»

Permafrost hier kein Thema

Der 50 Kubikmeter grosse Felssturz, der aus 40 Meter Höhe auf dem Trifthüttenweg die 45-jährige Solothurnerin am Morgen des 31. August in den Tod riss, hat entgegen der weit verbreiteten Meinung nichts mit dem Prozess des auftauenden Permafrostes zu tun: «Unterhalb von rund 2500 Meter Meereshöhe ist der Permafrost kein Thema – schon gar nicht an südlich exponierten Lagen», klärt Ueli Gruner auf.

Der erfahrene Geologe zitiert eine Statistik des Kantons Bern aus dem Jahr 2014, wonach von rund 15'000 aufgezeichneten Naturgefahren-Ereignissen im Kanton Bern weniger als hundert solche auf den auftauenden Permafrost zurückzuführen sind.

Ein Jahrmillionenprozess

Welche anderen Umstände können den verhängnisvollen Felssturz ausgelöst haben? Die auf 1800 Meter über Meer stehenden Felswände zwischen Triftbrücke und Drosibachsteg werden bei schönem Wetter den ganzen Tag von der Sonne beschienen. «Tektonische Einflüsse führen in einem Jahrmillionen langen Prozess zu einer Schwächung des Gesteins.

In jüngerer Zeit schwächen dann vor allem witterungsbedingte Einwirkungen wie Frost-Tau-Wechsel, gefrierendes Wasser, aber auch normale Temperaturschwankungen das Gestein. Letztere führen beispielsweise in der Hitze eines Sommertages zu einer Ausdehnung des Felses um wenige Hundertstelmillimeter, worauf sich dieser nachts wieder zusammenzieht. Irgendwann führt diese Destabilisierung dann zum Absturz.»

Auslöser dafür können im Fall Trift möglicherweise auch stärkere Regenfälle im vergangenen August gewesen sein oder vielleicht auch die schwachen Regenfälle zwei Tage vor dem Unfall. Wasser kann in die offene Kluft hinter der Felsplatte eingedrungen sein und dort einen Wasserdruck aufgebaut oder eine Gleitfunktion übernommen haben. «Plötzlich und ohne Ankündigung können sich die Felsmassen nicht mehr halten und stürzen ab», erklärt Gruner.

Ein ähnlicher Vorfall wie an der Trift ereignete sich am 20. August des vorletzten Jahres nur acht Kilometer weiter südlich über dem Gelmersee. Sechs Wanderer wurden auf dem Weg zur SAC-Gelmerhütte durch einen 150 Kubikmeter grossen Felssturz verletzt; nur mit sehr viel Glück waren keine Todesopfer zu beklagen.

Hier ist die Absturzursache bekannt: Die starken Regenfälle der Vortage und darauf folgende tiefe Temperaturen liessen das Wasser in der Ablösungskluft gefrieren, worauf der Eisdruck die Felsplatte auseinanderdrückte und destabilisierte, was dann zum Absturz der Felsmassen führte.

«Die Berge sind ständig in Bewegung. Durch Bewegung sind sie ja vor Dutzenden von Millionen Jahren überhaupt erst entstanden.»Ueli Gruner

Ueli Gruner weiss, «dass solche Felsstürze jederzeit überall passieren können, wo es steile Felswände hat. Die Berge sind ständig in Bewegung. Durch Bewegung sind sie ja vor Dutzenden von Millionen Jahren überhaupt erst entstanden.»

Die Verantwortlichkeitsfrage

Der kantonale Richtplan sieht vor, dass weiss-blau-weiss markierte Alpinwanderwege teilweise über Schneefelder, Gletscher, Geröllhalden und durch Fels mit kurzen Kletterstellen führen und teilweise weglos sind.

Bauliche Massnahmen können nicht vorausgesetzt werden, und ihr Benutzer muss trittsicher, schwindelfrei und in sehr guter körperlicher Verfassung sein sowie Gefahren im Gebirge sehr gut kennen. Eine entsprechende Ausrüstung ist zudem lebenswichtig.

«Die Problematik beim Trift-Hüttenweg ist, dass dieser im Richtplan nur zur Kenntnis gebracht und nicht festgesetzt worden ist», sagt Walter Brog. Die Gemeinde Innertkirchen habe mit den neun auf ihrem Hoheitsgebiet stehenden SAC-Hütten die mündliche Vereinbarung getroffen, dass Sanierungsprobleme gemeinsam angegangen werden, für den ordentlichen Unterhalt von Hütten und Zustieg aber die jeweilige Sektion als Hüttenbesitzerin zuständig ist.

«Auf einem weiss-blau-weiss markierten alpinen Wanderweg muss der Nutzer davon ausgehen, dass jederzeit ein Naturereignis passieren kann.»Walter Brog

«Dies hat aber nichts mit der Verantwortung zu tun. Auf einem weiss-blau-weiss markierten alpinen Wanderweg muss der Nutzer davon ausgehen, dass jederzeit ein Naturereignis passieren kann.» Brog sträuben sich zuweilen die Nackenhaare, wenn er sieht, «mit was für mangelhafter Ausrüstung die Leute heutzutage in die Berge gehen. Die sind sich gar nicht bewusst, in was für Gelände sie sich da aufhalten.»

Und das sagt das Gesetz

Der verantwortliche Kreisoberingenieur Markus Wyss geht noch näher auf den erwähnten Sachplan ein, der sogenannte Haupt- und Ergänzungsrouten festlegt: «Die Routen unterstehen den Bestimmungen des Strassengesetzes und der Fuss- und Wanderweggesetzgebung.

Laut diesen ist für eine im Sachplan festgesetzte Route diejenige Einwohnergemeinde für den Bau und Unterhalt zuständig, auf deren Hoheitsgebiet die Route liegt. Der Hüttenweg zur SAC Trifthütte ist aber nicht im Sachplan festgesetzt, weshalb nicht die Gemeinde zuständig ist, sondern die Erstellerin des Hüttenzustiegs.»

Leitfaden von Bund und Kanton führen aber auch aus, welche Anforderungen der Benutzer eines solchen alpinen Wanderwegs erfüllen muss. So muss der Begeher alpiner Wanderwege jederzeit mit Naturgefahren rechnen.

Hier ist der Erbauer des Wegs nicht zu Gefahrenplanungen verpflichtet, auch nicht zur vorsorglichen Überwachung oder zu periodischen Sicherungsmassnahmen.

Bei ausserordentlichen Ereignissen, bei der Beurteilung von Folgegefahren oder wenn gefährliche Entwicklungen erkannt werden konnten, müssen hingegen entsprechende Gefahrenhinweise oder gar Sperrungen angebracht werden. Markus Wyss: «Ein wesentlicher Punkt beim Begehen eines alpinen Wanderwegs ist die sehr hohe Selbstverantwortung des Benutzers.

Die Trägerschaft hat nur eine geringe Verantwortung, denn es liegt in der Natur solcher Wege, dass sie durch ein Gelände führen, in welchem jederzeit mit Ereignissen gerechnet werden muss. Es wäre gar nicht möglich, eine hohe Sicherheit zu garantieren.»

Erstellt: 11.09.2019, 10:45 Uhr

Ueli Gruner, Geologe. (Bild: zvg)

Walter Brog, Gemeindepräsident von Innertkirchen. (Bild: zvg)

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