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Warum ein Atom-GAU unbewältigt bleibt

TSCHERNOBYLDie Autorin Swetlana Alexijewitsch hat ein einzigartiges Buch über den Schock der Tschernobyl-Überlebenden verfasst. Nach Fukushima liest es sich wie neu. Als Bericht über eine

Die Menschen rund um die Sperrzone von Tschernobyl seien «wie Flugschreiber, die man nach einem Absturz findet und auf denen Daten des Flugs verzeichnet sind. Sie haben aufgezeichnet, was mit den Menschen geschehen wird, wenn es zur atomaren Katastrophe kommt.» So kühl und technisch, aber zugleich bestürzend umschreibt die weissrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch, 62, in ihrem Buch «Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft» die anhaltenden Folgen der Reaktorkatastrophe vom 26.April 1986. Prophetisches Buch Das 1997 erschienene Buch war lange vergriffen. Nun hat ihm die Havarie in Fukushima rechtzeitig auf das 25-Jahr-Jubiläum des Tschernobyl-GAUs zu einer Neuauflage verholfen. Es scheint, als ob da ein Buchverlag mit cleverem Marketing versucht, ein in die Jahre gekommenes Buch in der aktuellen Anti-Atomkraft-Empörung noch einmal in Umlauf zu bringen. Aber «Tschernobyl – eine Chronik der Zukunft» ist ein besonderes, prophetisches Buch. Es liest sich unter dem Eindruck von Fukushima, als wäre es eben fertiggestellt worden. Im aktualisierten Vorwort der Neuausgabe sagt Alexijewitsch: «Ich habe über die Vergangenheit geschrieben, aber sie hat sich als Zukunft erwiesen.» In ihrem Buch steht schon, was die Vertriebenen aus der Sperrzone um Fukushima erst erfahren werden. Neue Art von Katastrophe Alexijewitsch hat kein routiniertes Tschernobyl-Buch über den Unfallhergang vor 25 Jahren oder die Debatte um die Zahl der Opfer geschrieben. Ihre «Chronik der Zukunft» ist ein Chor aneinandergereihter Monologe. Während mehrerer Jahre hat sie dafür Leute aus der Umgebung von Tschernobyl befragt. Alle versuchen auf ihre Weise in Worte zu fassen, dass sie eine völlig neue Kategorie von Katastrophe erlebt haben, auf die die Menschen nicht vorbereitet sind und es wohl nie sein werden. Alexijewitsch spricht auch von einem neuen Menschentypus: dem Tschernobyl-Menschen. Er hat einen unsichtbaren Feind, den man nicht sehen, riechen oder anfassen kann. Er muss sich fürchten vor Erde, Wasser, Wind und Essen. Seine bis jetzt vertraute Welt kann lebensgefährlich sein. Was den Tschernobyl-Menschen ausmacht, ist eine Ratlosigkeit und ein Leiden, das sich nicht richtig verstehen und nicht lindern lässt. Das dürfte auch in Fukushima so sein. Gemieden wie Aussätzige Die Frau eines Feuerwehrmanns, der am Abend der Katastrophe auf dem Reaktordach radioaktiv strahlende Trümmer entsorgte, berichtet vom elendem Sterben ihre Mannes. Davon, dass sie trotz Verbot und wider besseres Wissen an der Seite ihres verstrahlten Gatten im Spital sitzt. Dass dabei das Kind, mit dem sie schwanger ist, geschädigt wird und gleich nach der Geburt stirbt. Und dass sie das Grab ihres Mannes nicht besuchen darf, weil der Friedhof der Verstrahlten gesperrt ist. Seit dem 26. April 1986 fühlt sich die Frau wie eine Aussätzige. Ein Kameramann erzählt, dass er keine Aufnahmen von den gefährlichen Aufräumarbeiten oder von geplünderten Häusern in der Sperrzone machen durfte. Und wie er doch schreckliche Bilder schoss: von den vom Staat nicht gestoppten 1.-Mai-Umzügen, deren leicht gekleidete Teilnehmer fünf Tage nach dem Unglück verstrahlt wurden. Kollabiertes Wertesystem Ein Lehrerpaar realisiert, dass die von Kriegs- und Noterfahrungen gespeisten Lebensweisheiten der grossen russischen Dichter vor dem schleichenden Leiden nach dem Tschernobyl-GAU versagen. Eine Naturschutzinspektorin rapportiert, wie schockiert die Bauern rund von Tschernobyl realisierten, dass sie für ihr Vertrauensverhältnis zur Natur bestraft wurden. Und dass sie lernen mussten, den Regen, das Gemüse ihres Gartens, die Milch ihrer Kühe und die wunderschöne Natur zu fürchten. Der Leiter eines Tschernobyl-Museums spricht von einer «verwirrten Generation», die mit Absurditäten klarkommen muss wie der, dass ihr der vertraute Boden unter den Füssen weggerissen wird. Im wörtlichen Sinne: Hektarweise wird verstrahlte Erde abgetragen – und auch wieder nur in Erde vergraben. Tschernobyl, sagt er, sei ein hypnotisierender, energetischer Ort, der die Leute philosophisch stimme. Bei allen Befragten macht Alexijewitsch hörbar, dass ihr herkömmliches Wertesystem kollabiert ist. So beschäftigt sie die Frage, ob die Aufräumarbeiter wirklich Helden waren, wie das die Sowjetpropaganda damals darstellte, oder eher Dummköpfe, die sich wie Vieh in den sicheren Tod schicken liessen. Fukushima ist nicht klüger Auf Lesereisen nach Japan oder Frankreich sei sie auch in Atomkraftwerke eingeladen worden, schreibt Alexijewitsch in ihrem Vorwort. Atomtechniker in blütenweissen Mänteln hätten ihr lächelnd versichert, so etwas wie Tschernobyl könne bei ihnen nicht passieren. Man habe den Unfall zurückgeführt auf den technischen Rückstand des Kommunismus, auf dessen Desinformationspolitik, auf die Naivität der ungebildeten russischen Bauern, die die Strahlung nicht wahrhaben und auf ihren Höfen ausharren wollten. Jeder Fernsehzuschauer aber weiss heute: Im hoch technisierten Japan wiederholen sich die Fehler von Tschernobyl. Weil Menschen im Umgang mit einer Atomkatastrophe nicht anders können, als Fehler zu machen. Auch in Japan eilen die entwurzelten Leute zurück zu ihren verstrahlten Häusern, sodass die Regierung letzte Woche bei Strafe verbot, die 20-Kilometer-Sperrzone um Fukushima noch zu betreten. In Fukushima zeigt sich wie damals in Tschernobyl, dass eine Massenevakuierung immer zu spät kommt. Und auch im demokratischen Japan wurde ein verlogenes Verwirrspiel mit Strahlungswerten getrieben. Nicht zuletzt deshalb, weil die ungeschminkte Wahrheit schwer zumutbar ist und eine Massenpanik auslösen könnte. 25 Jahre ohne Lehre Leute, die in ihr verstrahltes Haus zurückkehren, seien nicht dumm, sondern ratlos, schreibt Swetlana Alexijewitsch. Sie wüssten, dass solche Ausflüge gefährlich seien. Und dass sich selber belügen müsse, wer sie unternehme. So präzis, so menschlich ist Alexijewitschs Befund über die Hilflosigkeit in einer Atomkatastrophe. Ausdruck davon ist für die Autorin, dass in Tschernobyl wie auch in Fukushima bewaffnete Soldaten aufgeboten wurden, so als ob man gegen die Radioaktivität Krieg führen könnte. Das zeigt: Man ist im Umgang mit einer Atomkatastrophe in 25 Jahren nicht vorangekommen. Stefan von Bergenstefan.vonbergen@ bernerzeitung.ch;Swetlana Alexijewitsch: Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft, Berliner Taschenbuch-Verlag, Fr. 16.90.>

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