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Warum wir uns erst unter Leidensdruck verändern

Seit 12 Jahren befragt der Berner Journalist Mathias Morgenthaler jede Woche Menschen über ihre Arbeit. Er hört oft, wie viel inneren Druck eine nach aussen glänzende Karriere bedeuten kann.

Herr Morgenthaler, haben Sie Freude an Ihrer Arbeit? Mathias Morgenthaler: Ja – und doch schiebe ich sie oft hinaus, bis der Redaktionsschluss naherückt. Ich erhalte sehr viel mehr Reaktionen auf diese Interviews als auf andere Artikel, die ich schreibe. Das macht Freude und zeigt mir, wie zentral das Thema Arbeit für viele von uns ist. Sie haben mit über 600 Menschen gesprochen. Hat es Gesprächspartner gegeben, deren Leidenschaft für ihren Job Sie so begeisterte, dass Sie mit ihnen hätten tauschen wollen? Das Leben tauschen? Als TV-Experiment mag das reizvoll sein, in der Realität möchte ich nie so weit gehen. Aber klar: Mich haben viele meiner Gesprächspartner beeindruckt, vor allem jene, die über Eigenschaften verfügen, die mir eher abgehen. An was denken Sie? Etwa den Mut, aus innerer Überzeugung einen eigenen Weg einzuschlagen, obschon diesem sogar das engste persönliche Umfeld skeptisch gegenübersteht. Oder die besondere Ausdauer, die es braucht, wenn man sich selbstständig gemacht hat und ein persönliches Ziel verfolgt, der Erfolg dann aber sehr lange auf sich warten lässt. Wer hat Sie besonders beeindruckt? Etwa die Schriftstellerin Judith Kuckart, die mir gesagt hat, sie denke oft, dass sie acht Stunden lebe, wenn sie vier Stunden schreibe. So schaffe sie es, Gott ein wenig zu betrügen, weil sie ihm etwas mehr Lebenszeit abringe. Ich denke auch an Jolly Kunjappu, heute einer der gefragtesten Unternehmensberater in Deutschland, der in Indien mit Hilfsjobs angefangen hat. Er sagte mir, er könne morgen alles aufgeben, weil nicht seine Arbeit ihn definiere, sondern er entscheide, was ein guter Job für ihn sei. Nehmen wir den Job zu wichtig? Bei Leuten, die mir sagen, sie brauchten gar keine Freizeit, frage ich mich das auch. Aber es ist eine Tatsache: Wer entlassen wird, verliert oft nicht nur die Existenzgrundlage, sondern auch die Tagesstruktur, das soziale Netz, den Lebenssinn. Man kann es als Luxusproblem der westlichen Zivilisation sehen, dass wir Arbeit nicht nur als Gelderwerb verstehen, sondern auch als Ort der Sinnsuche und Selbstverwirklichung. Ich persönlich empfinde dieses Privileg eher als Aufforderung. Wofür? Wir verbringen sehr viel Zeit mit Arbeit. Deshalb finde ich es lohnenswert, nicht bloss einem Anforderungsprofil zu genügen, der Stelle gewachsen zu sein, den Job zu erledigen. Sondern umgekehrt dafür zu sorgen, dass die Arbeit den eigenen Talenten und Träumen gewachsen ist. Aber die Chance, dass man damit kläglich scheitert, ist gross. Wer versucht, seiner Berufung zu folgen, muss bereit sein, sich zu exponieren und Verantwortung zu übernehmen. Das wird oft nicht sofort mit Applaus und materiellem Erfolg honoriert. Nur: Man kann nicht in der Komfortzone bleiben und doch vom Job mehr persönliche Befriedigung verlangen. Komfortzone? Wenn wir über Arbeit reden, beklagen wir uns doch meistens über unfähige Chefs, Leistungsdruck, Stress. Wir lästern gern über den Job, und als Ventil im Alltag ist das ganz nützlich. Aber wir machen damit auch andere Leute oder die Umstände für das eigene Missbehagen im Beruf verantwortlich. Aus meinen Gesprächen erhalte ich nicht den Eindruck, unsere Arbeitswelt sei unerbittlicher geworden. Eher im Gegenteil. Echt? Natürlich gibt es Stress, die meisten Jobs bestehen heute aus Kopf- und Computerarbeit, und diese Einseitigkeit kann zur Belastung werden. Aber ich kenne mehrere Leute, bestens aus- und weitergebildet, die in Grossunternehmungen aufgestiegen sind, viel mehr verdienen und sogar eine relativ ruhige Kugel schieben. Trotzdem wollen sie die Stelle kündigen, weil sie Stunden an Sitzungen verbringen müssen, kaum mehr selber etwas bewegen, kein Resultat ihrer Arbeit sehen, unterfordert und unzufrieden sind – obschon sie nach aussen eine erfolgreiche Karriere hinlegen. Braucht es eine persönliche Krise, damit man merkt, was man wirklich tun möchte? Die meisten Menschen sind Gewohnheitstiere und ziemlich schlecht darin, Bauchgefühle ernst zu nehmen. Sie finden immer gute Gründe, die gegen eine Veränderung sprechen. Es ist zynisch, Leuten, die entlassen werden, zu sagen, eine Krise sei auch eine Chance. Aber vermutlich ist es schon so, dass wir uns am ehesten verändern, wenn der Leidensdruck gross ist. Viele Leute schaffen es erst auf der Intensivstation, nach dem Stellenverlust oder einem privaten Desaster, aus ihrem Unwohlsein Konsequenzen zu ziehen. Und das bedeutet, Erfolg und Geld zu tauschen gegen Glück? Eine Neurologin hat mir kürzlich erklärt, dass permanente Glücksgefühle einen krankhaften Zustand bedeuten, die einen Arztbesuch erfordern. Zudem hat die Glücksökonomie die naive Annahme, Menschen mit wenig Geld seien glücklicher, klar widerlegt. Gegen materiellen Erfolg spricht nichts. Ausser der oft zu hohe Preis. Die Frage ist: Beziehen wir Lohn oder eher Schmerzensgeld? Ich glaube, es lohnt sich, persönliche Glücksmomente zu suchen – auch bei der Arbeit. Lässt unsere von Krise zu Krise taumelnde Wirtschaft das zu? Warum nicht? Die aktuelle Krise fusst ja auch darauf, dass viele Menschen abseits ihrer Berufung gearbeitet und Geldanhäufung zum Selbstzweck betrieben haben. Die Sinnfrage stellt sich gesellschaftlich und individuell – gute Voraussetzungen für alle, die ihren eigenen Weg gehen. Sie sind ein Mutmacher. Ich führe Interviews mit Mutmachern. Und die oft totgesagte gedruckte Zeitung ist dafür ein fantastisches Medium. Leute, die sich verändern möchten, wissen oft nicht genau, in welche Richtung es gehen soll. Wer im Internet sucht, muss genau wissen, was er will, sonst findet er nichts. Die Zeitung hingegen liefert oft überraschende Inspirationen und Kontakte. Wenn meine Interviews gelegentlich Menschen ermutigen oder dafür sorgen, dass sich Gleichgesinnte vernetzen, sind das für mich besondere Glücksmomente. Interview: Jürg Steinerjuerg.steiner@bernerzeitung.ch Das Buch: Mathias Morgenthaler: Beruf und Berufung. 76 Interviews. Zytglogge Verlag, 352 Seiten, Fr. 36.-. Buchvernissage: Mittwoch, 22.September, 20 Uhr, Buchhandlung Thalia Bern. http://blog.bernerzeitung.ch/berufung >

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