Zum Hauptinhalt springen

«Wie durch eine gefrorene Scheibe»

SehbehinderungHeute Samstag findet der internationale Tag des weissen Stockes statt. Was es bedeutet, mit einer Sehbehinderung zu leben, berichtet Oswald Bachmann aus Aeschau.

Zehntausende von Menschen in der Schweiz leben zwischen Sehen und Nichtsehen: Das bedeutet, dass ihr Sehvermögen zwar stark eingeschränkt ist, sie aber nicht blind sind. Sie sind beispielsweise mit einem Blindenführhund unterwegs, müssen bei Regen oder Schnee eine Sonnenbrille tragen, damit sie nicht geblendet werden, oder benützen einen weissen Stock. Dieses traditionelle Erkennungs- und Schutzzeichen wurde vor 80 Jahren erfunden und unterstützt die Blinden wie auch die Sehbehinderten in ihrer Mobilität und Selbstständigkeit. Die kurze Ausführung wird als Signalstock benutzt, um die Sehbehinderung anzuzeigen. Die längere Version gibt mehr Sicherheit, weil damit dem Boden entlanggefahren werden kann. Diesem schenken die Sehenden auch mehr Beachtung, und sie gehen aus dem Weg. Ein vollständig Blinder benutzt einen noch längeren Taststock, damit er Hindernisse frühzeitig aufspüren kann. Am Tag des weissen Stockes, der heute stattfindet, machen blinde und sehbehinderte Menschen auf die verschiedenen Facetten der Sehbehinderung aufmerksam, um mehr Verständnis zu schaffen und zu verhindern, dass Betroffene gar als Simulanten abgestempelt werden. Flecken im Gesichtsfeld Oswald Bachmann, der seit Jahren an einer zunehmenden Sehbehinderung leidet, wohnt mit seiner Familie in Aeschau in der Gemeinde Eggiwil. Der an einer diabetischen Retinopathie Erkrankte erklärt seine Sehbehinderung so: «Überall, wohin ich meinen Blick richte, sehe ich mehrere graue Flecken, vor allem in der Mitte des Gesichtsfeldes. Es ist also nicht alles trüb, und deshalb kann ich mich räumlich auch noch recht gut orientieren. Man kann es mit einer schlecht gereinigten, gefrorenen Autoscheibe vergleichen.» Gesichter zu erkennen, sei für ihn sehr schwierig, auch wenn die Person nahe stehe, berichtet Bachmann weiter. Um diese zu identifizieren, muss der 57-Jährige die Position der Augen mehrmals verschieben. Lesen kann er nur mit einer stark vergrössernden Lupe oder am Computer, wo ihm spezielle Programme zur Verfügung stehen. Obwohl er beim Einkaufen problemlos durch die Gänge schlendern könne, sei es für ihn sehr schwierig, die gesuchten Produkte zu erkennen, vor allem, wenn deren Standorte verändert werden. Bis 2001 unterrichtete der Sehbehinderte an einer Gesamtschule die Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse. Aufgrund seiner Augenkrankheit wurde das Korrigieren von Heften jedoch zunehmend schwierig. Dazu kam, dass er die Schüler nicht mehr erkennen konnte, vor allem, wenn sie nicht an ihrem angestammten Platz sassen. Heute erteilt Oswald Bachmann in den Eggiwiler Schulen wöchentlich zwei bis vier Informatiklektionen. Er führt aus: «Im Informatikraum arbeite ich mit einer Lupe, die mir die Schüler sofort bringen, wenn ich sie einmal verlegt habe. Die Kinder sind diszipliniert und nützen die Situation nicht aus.» In diversen Kommissionen Daneben ist der Familienvater Co-Präsident des Schweizerischen Blindenbundes, wodurch er Einsitz in verschiedenen schweizerischen Kommissionen hat. Für dieses Amt wendet er pro Woche bis zu zwei Arbeitstage auf. «Ziel aller Organisationen, die sich für Blinde und Sehbehinderte einsetzen, ist, dass wir trotz unserer Behinderung ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben führen können», erklärt er. Damit dies auch möglich ist, sei es wichtig, die Sehenden für die Probleme zu sensibilisieren. Oswald Bachmann ist sehr oft unterwegs, um die Sitzungen des Schweizerischen Blindenbundes zu besuchen, doch das Reisen stellt für ihn kein grosses Problem dar: «Beim Gleiswechsel kann ich mit der Lupe auf der Anzeigetafel lesen, wo der nächste Zug abfährt. Auf dem Perron angekommen, benütze ich dann ein Monokular, mit dem ich auf der Hinweistafel den Zielort erkennen kann.» Es kostet Überwindung Im Allgemeinen zeigten sich die Mitmenschen, wenn er mit dem weissen Stock unterwegs sei, aufmerksam und hilfsbereit. Bachmann verschweigt aber nicht, dass es schon Überwindung koste, den Stock zu benützen. In der gewohnten Umgebung, wo er sich einigermassen zurechtfindet, benützt er diesen nämlich nicht. Er ist sich aber bewusst, dass beim Spaziergang mit seinen beiden Hunden das Überqueren der Kantonsstrasse bereits ein Problem darstellt. Seit Jahren singt Oswald Bachmann im Männerchor Eggiwil mit und ist begeisterter Theaterspieler. Dort ist er trotz seiner Sehbehinderung voll integriert. «Es bleibt mir halt nichts anderes übrig, als die Lieder und die Theatertexte möglichst rasch auswendig zu lernen, denn mit der Lupe Noten und Texte zu lesen, ist schon recht mühsam», sagt er. Hier hakt der heutige Aktionstag ein: Er ruft Sehende dazu auf, nicht blind zu sein und auf die Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Menschen zu achten. Christine MaderInformationen zu den Trägerorganisationen der Aktion «Tag des weissen Stockes»: www.szb.ch www.sbv-fsa.ch www.blind.ch >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch