Wilde Wirbeltänze und Vilde Beseeltheit

Gstaad

Heftig wirbelnde Tanzmusik und Vilde Frangs filigran-geheimnisvolle Romantikauslegung: Sie standen sich im vierten Zeltkonzert des Menuhin Festivals herrlich kontrastierend gegenüber.

Internationale Koproduktion: Die norwegische Geigerin Vilde Frang und der israelische Dirigent Lahav Shani.

Internationale Koproduktion: Die norwegische Geigerin Vilde Frang und der israelische Dirigent Lahav Shani.

(Bild: zvg/Karina Kücking)

Svend Peternell

Wild und wirblig kommt er daher, dieser aufgebläht-beschwingte und abgründig hinkende Wiener Walzer. Maurice Ravel hatte sich mehr als nur einen Jux daraus gemacht, die Vorlage in seiner «La Valse» fantastisch und virtuos zu verfremden. Und so öffnet sich neben und unter den Tanzschritten der Boden – für das Philharmonie Orchester Rotterdam die grosse Verlockung, sein Instrumentarium voll auszufahren: fanfarenartig, sturmerprobt. Mitten in diesem Taumel der Kapitän am Steuer – will sagen: Der Dirigent, dieser erst 30-jährige Lahav Shani. Er bleibt bei all dieser Wucht der ruhende Pol im Geschehen. Der israelische Shootingstar führt geschmeidig durch die Partitur, immer das Klangbild, nicht die eigene Wirkung im Visier.

Kapitän und Dompteur

Mindestens ebenso furios hat das von rund 1100 Zuschauern besuchte vierte Zeltkonzert des Gstaad Menuhin Festivals losgelegt. Igor Stravinskys «Petruschka» ist emotional hochgeschaukelte Ballettmusik, eine Burleske in vier Bildern mit teils heftigen Effekten. Es geht um die ausser Rand und Band geratene Gliederpuppe, die horriblen Wirrwarr stiftet. Das Orchester wird mächtig in Aufruhr versetzt und haut auf den Putz. Die Holländer setzen in den Instrumentalfarben ihre Leuchtpunkte – durchaus auch in weniger lauten, ja feinen Abstufungen. Und verraten Sicherheit und Gestaltungswille in allen Registern. Lahav Shani lässt sich auch hier nicht zur Selbstinszenierung verleiten. Er gibt den Dompteur, der wetterfest und stilsicher durch die Grelle der Kontraste führt.

Innerer Schwung, weiter Atem

Ein bisschen Wildheit ist durchaus auch bei der feingliedrigen Vilde Frang auszumachen. Diese haucht sie dem romantisch leuchtenden 1. Violinkonzert von Max Bruch ein – allerdings sehr dezent, geheimnisvoll und beseelt. Die 33-jährige Norwegerin weiss ihr Vibrato zu dehnen, formt die Töne butterweich. Ihr Strich ist fein und griffig zugleich. Ihre Auslegung durch den grossem inneren Schwung und weiten Atem höchst bewegend.

Kommt dazu: Ihr Spiel verzahnt sich dank den von Lahav Shani subtil gestalteten Übergängen bestens mit dem niederländischen Klangkörper, der viel Sensibilität an den Tag legt. Da werden feine Nuancen hörbar, die sich mit dramatischen Steigerungen verknoten – ein packendes Hörerlebnis. Der enthusiastische Applaus löst spendable Gesten aus: Vilde Frang hängt eine Kreisler-Zugabe an, Lahav Shani und das Rotterdamer Orchester doppeln mit Ravels «La belle Voie» nach.

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