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«Wir hatten es immer lustig»

Der Wald lag am Boden, hoch über dem Twärengraben war kein Durchkommen mehr – doch Thomas Gerber nahms locker, dass er plötzlich bis zum Schulhaus viel weiter hatte. «Lothar» weckt in ihm keine schlechten Erinnerungen.

Das Bild zeigt vier Schulbuben inmitten der verschneiten Emmentaler Winterlandschaft. Entstanden ist es Ende Januar 1999, ziemlich genau einen Monat, nachdem der Orkan «Lothar» seine Spur der Verwüstung durch die Lande gezogen hatte. Es dokumentiert, wie es war, als viele altvertraute Wege geschlossen waren und der Marsch eben zum Beispiel zur Schule und zurück von einem Tag auf den andern drei Mal so lang war als normal. Eine Foto für die Zeitung «Der Fotograf ermunterte uns, möglichst natürlich zu gehen», berichtet Thomas Gerber. Aus dem Fünftklässler von damals ist mittlerweile ein junger Berufsmann von 21 Jahren geworden, der seinen Lohn als Polymechaniker verdient. Nur zu gut erinnert er sich daran, wie es vor zehn Jahren im Twären-Schulhaus plötzlich hiess, ein Journalist mit Fotograf wolle ihn, seinen Bruder sowie zwei Gspänli aus der Nachbarschaft auf dem Heimweg begleiten. Offenbar hatte es sich herumgesprochen, dass gerade in den Seitengräben von Trub die Tannen überall kreuz und quer lagen. Und dass damit Kinder wie Thomas Gerber riesige Umwege zu gehen hatten, weil auf den normalen Routen durch die Wälder kein Durchkommen war. Nun eine Schlaufe «Statt wie vorher je nach Wetter eine halbe bis eine Stunde war ich fortan bis zu zwei Stunden unterwegs», erzählt der 21-Jährige. Wenn er zu Hause auf dem Bachgut hoch über dem Twärengraben loszog, gings nicht mehr oben auf dem Strässchen zuerst ein Stück taleinwärts durch den Wald und dann auf einem Wanderweg steil hinab zum Schulhaus. Neuerdings führte ihn die Reise in die genau andere Richtung – in die Tiefen des Längengrunds nämlich, wo er auf die Fahrstrasse in den Graben einbog und auf dieser zurück zum Schulhaus gelangte. Wobei: Dass er diese Schlaufe habe machen müssen, sei überhaupt nicht schlimm gewesen, betont Thomas Gerber. Zum einen hätten in seinem Schulhaus lange Wege dazugehört, «wir waren da überhaupt nicht die Einzigen». Zum andern sei ihnen auf dem neuen Weg immer mal wieder ein Auto begegnet. «Dann durften wir einsteigen, schliesslich kennt man sich bei uns.» Auf dem gefrorenen Bach Zudem waren Thomas Gerber und sein Bruder nicht mehr nur zu zweit unterwegs. Der Umweg brachte es mit sich, dass fortan auch die beiden Brüder aus der Nachbarschaft mit von der Partie waren. «Wir hatten es immer lustig, und wir waren deshalb je nachdem auch etwas länger unterwegs.» Nach wie vor gegenwärtig ist ihm das Bild des gefrorenen Baches, der nun auf dem Weg unten durch den Twärengraben ihr Begleiter war. «Wir haben uns einen Spass daraus gemacht, statt über die Fahrstrasse über das Eis zu gehen.» «Alle fünf Sekunden» Daneben haben sich weitere Bilder aus dieser Zeit fest in sein Gedächtnis geprägt. So weiss er noch heute, wie die ganze Familie rund eine Woche nach dem Orkan loszog, um die «Lothar»-Schäden genauer unter die Lupe zu nehmen. «Für ein Stück Weg, das man sonst in zehn Minuten zurücklegt, hatten wir gut und gerne eine Stunde.» Zu dicht war das Strässchen verbarrikadiert, «mal mussten wir in zwei, drei Metern Höhe über die Stämme klettern, mal konnten wir auch ganz einfach unter ihnen durchschlüpfen». Auch vom 26.Dezember, dem Tag des Orkans, sind Thomas Gerber Erinnerungen geblieben. Vor allem jene, wie er mit seiner Familie draussen auf einer freien Höhe stand, während «Lothar» tobte, und sah, wie «alle fünf Sekunden» ein Baum zu Boden krachte. «Der Sturm war so stark, dass man sich regelrecht gegen die Windrichtung legen konnte und nicht umfiel.» Grosse Forstmaschinen Der vertraute Schulweg durch den Wald ging übrigens erst im Frühling wieder auf, als die Arbeiter eine erste Schneise durch das liegende Holz sägten. Aber auch später noch gab es für ihn, den Bauernbuben, viel zu beobachten, immerhin wurde noch monatelang aufgeräumt. Besonderen Eindruck machten ihm die grossen Forstmaschinen, die im folgenden Sommer fünf Wochen lang zum Zug kamen. Sehr professionell sei es zu- und hergegangen, sagt er. «Dank ihnen kamen die Arbeiten gut voran.»Stephan KünziIn loser Folge lassen wir Zeugen des Orkans «Lothar» zu Wort kommen. Bisher erschienen: «Zum Glück kam ‹Lothar› schon am Morgen dahergebraust» (24.12.), «Es war dunkel. Und unheimlich» (31.12.), «Da war es ‹wirklich nicht mehr gut›» (9.1.), «In schwerer Stunde sah er ein Kreuz» (15. 1.), «Markus Hebeisen ist ‹etwas chlüpfiger› (22.1.)>

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