Zitternde Hände und vergessene Instrumente

Mehrmals berichtete Redaktor Christoph Buchs über das Brienzersee Rockfestival – nun hat er die Seiten gewechselt und stand mit seiner Band Crazy Mofos auf der Bühne.

Die Crazy Mofos mit Roger Imboden, Thomas Schlüchter, Christoph Buchs, Simon Trolliet und Florian Feuz (v.l.) nach ihrem Konzert am Rockfestival.

Die Crazy Mofos mit Roger Imboden, Thomas Schlüchter, Christoph Buchs, Simon Trolliet und Florian Feuz (v.l.) nach ihrem Konzert am Rockfestival.

(Bild: Bruno Petroni)

Irgendwie taten sie mir immer ein wenig leid, die Bands, die den Samstag des Brienzersee Rockfestival einläuteten. Um die Mittagszeit ist im Festzelt am See erfahrungsgemäss nicht allzu viel los. Was einerseits mit dem nicht allzu grossen Namen zu tun hat, der auf der Bühne steht, andererseits eben auch mit der Mittagszeit: Dann ist bei Herr und Frau Schweizer Verpflegung angesagt. So sind es denn meist nur die hartgesottensten Rockfestfans, die der samstäglichen Eröffnungsband ihre Aufmerksamkeit schenken, und natürlich noch ein paar Angehörige der Musiker. Vorausgesetzt, der Anreiseweg nach Brienz war nicht allzu lang.

Doch diesmal war es komplett anders. Ich freute mich mit der Band, die den Samstag einläutete. Aus dem ganz einfachen Grund, dass ich selber zu dieser Band gehöre. Wir, die Band vom Bödeli, die nur Covers im Repertoire hat und die ausschliesslich aus Amateuren besteht – wir auf der grossen Rockfestbühne in Brienz. ­Irgendwie konnte ich es nicht richtig glauben, als Mitte Februar per Mail die Anfrage von U. P. Fischer kam, dem Mann, der am Brienzersee Rockfestival seit der ersten Stunde für das Programm zuständig ist.

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Nach der ersten Vorfreude kam auch schon erstmals das mulmige Gefühl beim Gedanken an all die Künstler, die schon auf dieser Bühne gestanden haben. Da ist natürlich die Crème de la Crème der Schweizer Szene, von Polo Hofer über Hanery Amman, Trauffer und Züri West bis zu Patent Ochsner. Und all die inter­nationalen Top-Acts wie The Hooters, The Sweet, The Dark­ness und natürlich im Jahr 2011 Steve Lukather, einer meiner grössten Helden überhaupt. Nun reihte sich also eine Band namens Crazy Mofos ein. Eine Band bestehend aus einem Architekten, einem Strassenbauer, einem Elektroingenieur, einem Kaminfeger und einem Journalisten.

Samstagmorgen, 9 Uhr: Verladen der Instrumente bei unserem Bandraum in Goldswil. Die Auf­regung bei uns fünf ist natürlich sehr gross. Teilweise schwappt sie in Nervosität über. Einem von uns zittern buchstäblich die Hände, was beim Rest der Truppe schadenfrohes Gelächter zur Folge hat. Kurze Zeit später die Kon­trolle: Alles Nötige eingeladen? Es herrschte Einigkeit. «Bass- und Keyboardmaterial komplett», nehme ich selbstbewusst Stellung zu meinen Verantwortlichkeiten. Dann setzt sich unsere Karawane, bestehend aus drei PW, in Bewegung, und wir tuckern das linke Seeufer entlang in Richtung Brienz.

10 Uhr: Ankunft in Brienz. Eine Stunde früher als vereinbart. Am Brienzersee Rockfestival kein grosses Problem. Backstage-Mitarbeiter Bruno Schild öffnet uns die Zufahrt. Um diese Zeit läuft hinter der Bühne ungefähr gleich viel wie im Festzelt: praktisch nichts. In aller Ruhe laden wir unser Material aus den Autos, bauen das Schlagzeug auf und platzieren die Verstärker auf der Bühne. Moment – wo ist eigentlich der gelbe Koffer mit meiner Bassgitarre? Niemand hat ihn gesehen. Schnell wird klar: Das Ins­trument ging im Bandraum vergessen.

Nun, kein grosses Problem, ich habe ja einen Ersatzbass dabei. Und eine Whatsapp-Nachricht später ist bei meiner Freundin, die zu dem Zeitpunkt noch zu Hause weilt, ein Ersatz-Ersatzbass bestellt. Meine Tendenz, Instrumente zu sammeln, hat sich allen Sticheleien zum Trotz («Chasch ja glich nume eis uf ds Mal spile!») doch mal bewährt.

11 Uhr: Die ersten Techniker treffen ein, sind uns beim Einrichten auf der Bühne behilflich. Ich montiere meine Keyboards. Um den Ständer auf die richtige Höhe einzustellen, will ich Platz nehmen. Platz worauf? Auf meinem Klavierhocker. Hat ihn jemand gesehen? Nein. Das Ding befindet sich ebenfalls noch im Bandraum. So viel zum Thema «Bass- und Keyboardmaterial komplett». Aber auch dies ist kein grosses Problem; ein Bühnentechniker stellt mir einen Schlagzeughocker zur Verfügung. Ein kurzer Soundcheck mit unseren Kopf­hörern, dann renne ich kurz ins Publikum, um meinen Ersatz-Ersatzbass zu holen. Es reicht nicht mehr, ihn zu stimmen – Ansager Sandro Trauffer ist schon parat.

Tropfend, aber glücklich und zufrieden verbeugen wir uns.

Und dann, um die Mittagszeit, geht es los. «Uf di guete Zyte» von Polo Hofer ist unsere aktuelle Eröffnungsnummer. Erstaunlich gelöst und ruhig greife ich in die Tasten, aber schon nach zehn Minuten brennt mir der Schweiss in den Augen. Auf der Bühne am Rockfest herrscht, wie praktisch überall in der Schweiz, eine Glutofenhitze sondergleichen. Wir spielen uns – mehrheitlich souverän, wie ich meine – durch unsere Setliste, haben sogar noch Zeit für die Reservenummer «Küsse» von Hanery Amman. Immer mehr Leute bleiben vor der Bühne stehen. Unser grösster Trumpf sticht einmal mehr: bekannte Songs zum Mitsingen.

Die Zugabe, Polo Hofers «Memphis», der letzte Schlagzeugwirbel, und nach einer Stunde Spielzeit ist der Zauber schon vorbei. Tropfend, aber glücklich und zufrieden verbeugen wir uns. Hinter der Bühne öffnet sich der Vorhang. Die nächste Band Juraya hat bereits Schlagzeug und Gitarrenverstärker bereitgestellt. Zehn Minuten später sind unsere Instrumente in den Autos verstaut.

Für den Rest des Tages wähnen wir uns wie im Urlaub. Zuerst gibt es Mittagessen beim Forsthaus (Vorspeisen vom Buffet, Härdopfelstock und Fleischvögel), bevor wir unsere Angehörigen und Freunde begrüssen. Dann stürzen wir uns in die ­Badehosen und nehmen einen Schwumm im Brienzersee, später setzen wir uns am Ufer zu unseren Freunden und geniessen die Stunden an der Sonne.

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Und nachdem ich ungefähr zehnmal am Brienzersee Rockfestival als Berichterstatter gearbeitet habe, beginne ich nun aus der Besucherperspektive zu begreifen, was ­dieses Fest so einzigartig macht: diese Stimmung im Freien, direkt am Ufer des Brienzersees, der jederzeit eine Abkühlung ermöglicht; das währschafte Verpflegungsangebot; und nach Lust und Laune die Abstecher ins Festzelt, wo man neue Bands für sich entdecken kann. Dieser Samstagnachmittag hätte kaum schöner sein können. Natürlich trug auch das Wetter seinen Teil dazu bei. Und – in unserem Fall – der Zugang zur Bierzapfanlage im Backstage-Bereich.

Das Brienzersee Rockfestival ist trotz seiner beachtlichen Grösse bescheiden, überschaubar und sympathisch geblieben. Nicht an vielen Orten teilen sich regionale Coverbands, bestehend aus Amateurmusikern, die Bühne mit international tourenden Topgruppen. Das Fest sollte man erlebt haben. Sicher als Besucher – und, wenn sich die Chance bietet, auch als Musiker.

Berner Oberländer

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