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Zum Finale ein fulminanter Jahrhundert-Ball

Kandersteg ist an diesem Freitagabend mit einer dünnen Schicht Neuschnee bedeckt. Sanft schweben ein paar letzte Flöckchen zu Boden, als hätten sie den Anschluss an die anderen verpasst. Zwei Fussgänger gehen auf der verschneiten Dorfstrasse vorbei, der Schnee knirscht unter ihren Füssen. Sonst ist weit und breit kein Mensch sichtbar. Nur vor dem Hotel Viktoria Ritter steht einer. Ein Mann mittleren Alters in einem blauen, mit Goldverzierungen versehenem Sakko. Würde so einer an irgendeinem Abend durch Kanderstegs Strassen spaziert, hielte man ihn für einen Sonderling. Doch am Freitag fällt er mit seiner aussergewöhnlichen Bekleidung kaum auf, schliesslich haben sich rund 80 Paare in ähnlich nostalgische Schale geworfen; nicht etwa zur Fasnacht, sondern für den «Jahrhundert-Ball». Er ist der Höhepunkt der Belle-Epoque-Woche Kandersteg. Betritt man das Hotel Viktoria Ritter, so fühlt man sich denn auch tatsächlich hundert Jahre zurückversetzt. An der Rezeption lächelt eine Empfangsdame in Spitzenschürze und schickem Bediensteten-Häubchen. Auch das Servierpersonal verrichtet die Arbeit in themengemässer Kleidung; schick nostalgisch, aber ohne den Gästen die Show zu stehlen. Wie sich die Ballgesellschaft herausgeputzt hat, ist ein echter Augenschmaus. Die Damen in langen farbigen Abendroben, die Herren in Fracks mit Zylinder und Gehstock. Unter den riesigen Kronleuchtern im Ballsaal bietet sich so ein reizendes Bild. In etwa so müsste man sich wohl die Szenerie Erich Kästners «Drei Männer im Schnee» vorstellen. Nur bei den Fotokameras verzichtet man glücklicherweise auf historische Authentizität: Die Blitzlichter der Fotokameras einiger Gäste vermögen zwar nicht so recht ins Bild des frühen 20.Jahrhunderts zu passen, sind aber weit angenehmer als qualmende und stinkende Blitzlichter mit offenen Flammen, wie sie zu jener Zeit üblich waren. Höhepunkt des Abends ist zweifelsohne die Tanzeinlage von Rita und Brad Rathbone. Das Paar führt in Bern eine Tanzschule und zeigt in Kandersteg, wie der Hase – tanzt. Der gebürtige Australier erklärt vor jedem Tanzstil kurz dessen Herkunft und Einflüsse, bevor er seine Partnerin ganz gentlemanlike elegant durch den Saal führt. Mal hüpfend und überschwänglich wie beim Quickstep, mal sanft gleitend wie beim Wiener Walzer. Die Ballgäste lassen sich vom Massstab, den die beiden Profis gelegt haben, nicht abschrecken und übernehmen eifrig die Tanzfläche. Auch Jerun Vils, Tourismusdirektor von Kandersteg, lässt es sich nicht nehmen, mit seiner Partnerin Sarah Heiniger, die bei der Organisation des Balls massgeblich beteiligt war, das Tanzbein zu schwingen. Sehr zur Freude der Organisatoren wird der Jahrhundert-Ball zum Erfolg: Dem hohen Eintrittspreis zum Trotz, waren die limitierten Plätze rasch ausverkauft. Und fürs Geld wird auch was geboten: ein nobles Abendessen, Live-Musik und ein Ambiente, das man sich mit Geld eigentlich gar nicht kaufen kann. Oder wo sonst kann man sich einfach so hundert Jahre zurückversetzen lassen, ohne dabei alt auszusehen?Nik Sarbach>

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