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Zwei Freiwillige im Kampf gegen den Hagel

HagelabwehrWenn über dem oberen Emmental bedrohliche Wolken aufziehen, fahren Fritz Neuenschwander und Alfred Rüegsegger schweres Geschütz auf. Als freiwil-

Landwirt Fritz Neuenschwander und sein Berufskollege Alfred Rüegsegger blicken im Sommer oft zum Himmel. Und wenn dunkle Wolken über die Emmentaler Hügel ziehen, installieren die beiden schweres Geschütz. Sie sind freiwillige Hagelabwehrschützen in der Gemeinde Signau. Mittels Abschussrampe und Raketen schiessen sie auf aufkommende Hagelwolken. «Damit schützen wir nicht nur die landwirtschaftlichen Kulturen, sondern auch Gebäude, Strassen und Fahrzeuge», sagt Neuenschwander. Immer im Hochsommer, wenn die Hitze für Aufwinde sorgt und die feuchte Luft weit hinauf in frostige Höhen zieht, sind die beiden Landwirte in Alarmbereitschaft. Seit den Neunzigerjahren schiessen sie ihre Hagelraketen ab, um dem Hagel vorzubeugen. Lohn erhalten sie dafür keinen. «Mit der Wucht einer Handgranate explodiert die Rakete in der Wolke und setzt dabei über ei-ne Milliarde Silberjodidpartikel frei», erläutert Alfred Rüegsegger. Die Silberjodidmoleküle dienen dabei als Keime, an denen das unterkühlte Wasser gefrieren soll. Dadurch entstehen viele kleine Eispartikel statt wenige grosse. Die kleinen Eispartikel fallen nach unten und tauen in den wärmeren Luftschichten bis zum Boden zu Wasser auf. «Während eines Gewitters wird mit den Raketen also die Regenmenge künstlich erhöht und der Hagelschlag teilweise oder ganz vermindert», bringt es Alfred Rüegsegger auf den Punkt. Ein Hagelabwehrschütze benötigt eine Zulässigkeitsbescheinigung sowie einen Grundkurs mit Prüfung. Zudem werden die Schützen regelmässig zu Ergänzungskursen aufgeboten. Eigene Koordinationsstelle Nötig ist aber ebenso einiges an Erfahrung. «Es ist nicht immer einfach, zu beurteilen, wie gross die Hagelgefahr bei einem aufziehenden Gewitter ist», weiss Fritz Neuenschwander. Neuerdings erhalten die Schützen indes modernste Unterstützung durch ein neues Alarmierungskonzept. Seit diesem Sommer betreibt der Hagelabwehrverband Mittelland-Emmental eine eigene Koordinationsstelle. Gestützt auf aktuelle Radar- und Wetterbilder, beurteilt der Koordinator die aktuelle Wetterlage, holt die nötigen Bewilligungen bei der Flugsicherung am Flughafen in Kloten ein und informiert die Schützen via SMS-Alarm über herannahende Hagelfronten und mögliche Einsätze. «Bislang mussten wir, gemäss den Vorschriften, vor dem Abfeuern einer Rakete selber eine Abschussbewilligung einholen und der Einsatz des Sprengkörpers mit der Flugsicherung Skyguide absprechen», erklärt Fritz Neuenschwander. Und weiter: «Weil unsere Raketen bis zu 1500 Meter steigen, muss vor einem Abschuss der Luftraum aus Sicherheitsgründen frei sein.» So werden während der Abschusszeit die Flugzeuge umgeleitet oder über dem Abwehrgebiet in der Höhe gehalten. Organisiert sind die Schützen im Hagelabwehrverband Mittelland-Emmental. Viele Gemeinden hätten sich in den letzten Jahren zwar noch für die Hagelabwehr interessiert, diese aber nicht mehr aktiv betrieben. Waren es im Jahr 2000 noch deren 50, seien es, nicht zuletzt auch aufgrund der verschärften Vorschriften, gegenwärtig noch etwa 25 Gemeinden, die dem einzigen noch bestehenden bernischen Hagelabwehrverband angehören. Die Mitglieder bezahlen dem Verband einen Jahresbeitrag, abhängig von Einwohnerzahl und Gemeindefläche. Diese Gelder werden für die Ausbildung der Schützen und das nötige Material eingesetzt. Denn eine Hagelabwehrrakete schlägt mit rund 120 Franken zu Buche. Wirkt es denn auch? Wie wirkungsvoll solche Raketen tatsächlich sind, ist nicht so einfach nachzuweisen. «Es ist schwierig, zu beurteilen, ob ohne unseren Einsatz die Hagelschäden im Emmental zunehmen würden», sagt Alfred Rüegsegger. Auch wissenschaftlich ist die Wirkung nicht belegt. Eine im Napfgebiet 1983 durchgeführte fünfjährige Versuchsreihe der ETH Zürich zeigte, dass ein Drittel der Hagelschläge dank Silberjodid-Impfungen tatsächlich verhindert oder abgeschwächt werden konnte. Sicher sei indessen, dass die Hagelraketen und deren Wirkstoff keine Umweltbelastung darstellen. «Die im Regenwasser gemessene Belastung durch Silberjodid liegt mehr als 5500-mal unter dem Grenzwert», sagt Rüegsegger. Stefan KammermannIn diesen Wochen stellen wir Emmentalerinnen und Emmentaler vor, die Freiwilligenarbeit leisten. Bisher erschienen: «Das Gefühl, gebraucht zu werden» (12.7.); «Mit dem Blumengiessen alleine ist es nicht getan» (15.7.); «Sitzkomfort liegt ihnen am Herzen» (19.7.); «Hier haben Spiel und Spass die Oberhand» (22.7.); «Pudel Nicki zaubert ein Lächeln auf die Gesichter der betagten Bewohner» (26.7.); «Freiwilliger Dienst an den gelben Zeichen» (29.7.). >

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