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Auf zur Vorbourg

Wir wandern mit Schweizer Literaten durch den Sommer. Heute mit Annette Hug, die es in den Jura zieht, nach Delsberg.

In der Weite des Jura: Annette Hug wandert oberhalb von Delsberg.
In der Weite des Jura: Annette Hug wandert oberhalb von Delsberg.
Keystone

Die in Zürich lebende Autorin Annette Hug verbringt die Sommermonate meist im Jura. Dorthin zieht sie sich nicht nur zum Schreiben zurück. In freien Stunden erkundet die 47-jährige Schriftstellerin Täler und Hügel in einer Region, in der sich die Sprachen mischen und neu zusammensetzen.

Ihr roter Rucksack ist nicht zu übersehen. Am Bahnhof von Delsberg wartet Annette Hug und faltet eine Wanderkarte auseinander. Die Schriftstellerin, die für ihren historischen Roman «Wilhelm Tell in Manila» den Schweizer Literaturpreis erhalten hat, ist mit dem Velo aus dem vier Kilometer entfernten Soyhières angeradelt.

Dort besitzt sie zusammen mit ihrem Lebenspartner, dem Autor Stefan Keller, ein einfaches Holzhäuschen, um das herum es oft ­etwas zu werkeln gibt. «Es tut mir gut, neben dem Schreiben draussen zu arbeiten.»

Auf ihren Streifzügen in die Umgebung faszinieren sie die vielen sprach­gemischten Flurnamen an der mäandernden Sprachgrenze hin zum Laufental.

Pierreberg, Vorbourg und das Spiel der Sprachen

Hug schlägt deshalb eine Wanderung auf die Vorbourg vor, einen nahe gelegenen Aussichtspunkt oberhalb des jurassischen Hauptortes.

Mit der deutschen Silbe «Vor» und dem französischen «Bourg» vermählen sich hier gleich beide Sprachen in einer einzigen Ortsbezeichnung – wie übrigens auch beim Pierreberg, einem anderen lohnenden Wanderziel.

Das Spiel mit Sprachen beschäftigt die Autorin nicht nur theoretisch. Für ihren preisgekrönten Roman versetzte sich Hug in die Haut des späteren philippinischen Volkshelden José Rizal, der 1886 im Exil Schillers Drama «Wilhelm Tell» in die Lokalsprache Tagalog übersetzte – in der Hoffnung auf einen Aufstand der Filipinos gegen die spanischen Kolonialherren.

Auch im Jura fühlte sich das Volk lange von der Obrigkeit unterdrückt. Annette Hug schlägt einen Abstecher in die Delsberger Altstadt zum Rathaus vor. Dort steigt sie die steile Treppe zum Eingang des Hôtel de Ville hoch und blickt hinunter auf die Place de la Liberté.

Von hier oben rezitierte der jurassische Poet Alexandre Voisard 1967 vor Tausenden von Menschen, die sich zum Fest des jurassischen Volks versammelt hatten, die berührende «Ode au pays qui ne veut pas mourir».

Wie ein Chor stimmte die Menge in die erhabenen Verse ein – eine Liebeserklärung an den ­Jura, für dessen Unabhängigkeit es zu kämpfen galt. Zwölf Jahre später wurde Voisard, der sich stets als «citoyen-poète» definierte, Kulturminister des 1978 geschaffenen Kantons.

Spuren des industriellen Aufbruchs

An diesem Sommertag sind vor dem Hôtel de Ville nur vielstimmiges Vogelgezwitscher und das Plätschern des Brunnens zu hören. Es geht weiter bergwärts Richtung La Vigne, wo an einem Felsen weit herum sichtbar das Jurawappen prangt.

Auf dem Höhenweg unterhalb der Krete öffnet sich ein Panoramablick auf das Tal, das bis Mitte des 19. Jahrhunderts von der Eisenindustrie geprägt war. Hug, die bis vor wenigen Jahren als Gewerkschaftssekretärin gearbeitet hat, deutet hinunter auf die alten Fabrikstandorte und die Arbeiterquartiere am Rande von Delsberg.

Bis heute erinnern Strassennamen wie die Rue du Progrès an die Zeiten des damaligen industriellen Aufbruchs. Den Preis dafür zahlten die Wälder, die wegen des Bedarfs an Brennmaterial weit herum abgeholzt worden waren. Inzwischen sind die Laubwälder wieder nachgewachsen.

Abrupt biegt der Weg in eine schattige Klus ein. Weiter unten zwängen sich der Fluss Birs und die Strasse ins Laufental zwischen die Felswände. Motorenlärm hallt von unten herauf. Nur wenig später öffnet sich die Schlucht wieder.

Auf einer besonnten Geländeterrasse thront der einladende Landgasthof Vorbourg. Ein schmaler Waldpfad führt weiter nach oben zur Ruine des Château supérieur du Vorbourg.

Gleich zwei Burgen dienten den Adeligen von Telsberg im 17. Jahrhundert zur Überwachung des engen Talzugangs. Heute bietet ein kleiner Picknickplatz Schatten, eine Feuerstelle und schöne Tief­blicke.

Ziegenkäse, Räucherwurst und Schnaps-Terrine

Aus dem roten Rucksack zaubert Annette Hug regionale Köstlichkeiten hervor: Ziegenkäse, Räucherwurst und eine mit dem ­jurassischen Pflaumenschnaps ­Damassine verfeinerte Terrine. Die getrockneten Mangoschnitze hingegen sind eine Reverenz an die Philippinen, wo die Historikerin und Autorin studiert und mehrere Jahre gelebt hat.

Zurück nach Delsberg führen mehrere Wege. Wer nicht direkt am Rande der Klus absteigen will, kann die Wanderung auf dem Bergrücken der La Vigne verlängern oder nach Norden weiterziehen Richtung Schweizer Landesgrenze.

Wanderfreudigen empfiehlt Annette Hug das Mitführen einer Karte. Die Topografie des Jura mit seinen vielen von den Gletschern geformten Taleinschnitten macht die Orientierung nicht immer einfach.

Wandern mit Autoren (I):In einer losen Serie wandern wir diesen Sommer mit Schweizer Autoren durch ihre Lieblingsgegend in der Schweiz. Die Texte werden von der Gottlieb-und-Hans-Vogt-Stiftung für Medienförderung ermöglicht.

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