Strampelnd durch das Tor des Südens

Wie eine fünfköpfige Familie den Etsch-Radweg übersteht – und das Südtirol mit allen Sinnen erlebt.

Die Landschaft zieht im kindergerechten Tempo vorbei. Schloss Sigmundskron. Foto: Ev Manz

Die Landschaft zieht im kindergerechten Tempo vorbei. Schloss Sigmundskron. Foto: Ev Manz

So belohnt zu werden, haben wir nicht erwartet. Doch für diesen Blick war es jeden Tobsuchtsanfall der Kinder wert, jeden Muskelkater, jeden Schweisstropfen der vergangenen Tage auf dem Velo durch das Etschtal. Auf der Passhöhe von Nago oberhalb Torbole geht der Blick ins weite Tal: Der mit farbigen Surfsegeln gesprenkelte Gardasee und die ins Wasser abfallenden Felswände werden sichtbar. Und das kleine Dorf, unser Ferienziel. «Ist dort unten endlich unser Meer zum Baden?», fragt die vierjährige Tochter. Magischer kann Ankommen kaum sein.

Ähnlich muss es Goethe 1786 auf seiner Italienreise ergangen sein. Er schrieb dazu jene bekannten Worte: «Wie sehr wünschte ich meine Freunde einen Augenblick neben mich, dass sie sich der Aussicht freuen könnten, die vor mir liegt!» Die Tochter steigt vom Rad und sagt: «So schön! Dafür sind wir also so weit gefahren.»

Den Anfang genommen hatte unsere Reise sechs Tage zuvor 180 Kilometer nördlicher. Wir wollten in diesen Ferien als Familie einen Teil der Strecke zum Ferienort langsamer zurücklegen als sonst. Auf dem Zweirad zieht die Landschaft in einem kindergerechten Tempo vorbei. Die Kids erleben sie, hören, riechen und spüren. Obwohl der Weg durch Südtirol der Etsch entlang mehrheitlich flach ist, verzichten wir auf Ballast. Das Gepäck lassen wir von Hotel zu Hotel transportieren. So können wir uns ganz aufs Radfahren einlassen – täglich 25 bis 50 Kilometer.

Extrabreite Velospur ins Zentrum

Im Starthotel Residence Flora in Meran werden wir am Nachmittag erwartet, bloss das Wichtigste fehlt: die Mietvelos. Es sei eben Hochsaison, sagt die Empfangs­dame, wir sollen uns nicht sorgen, die Zeit im Pool vertreiben, durch die Kurstadt flanieren. Spätabends bringt Johannes die Fortbewegungsmittel. Ein Unisex-Rad, eines für Herren, zwei Kindervelos für die Söhne und ein Schattenrad für die Tochter. Letzteres hat Johannes noch nie montiert. Zeit dafür bleibt nicht. «Hochsaison», sagt auch er, drückt uns Werkzeug und seine Telefonnummer in die Hand. Wir sind froh, erfahrene Radtouristen zu sein.

Wie beliebt der Etsch-Radweg ist, erfahren wir am nächsten Morgen. Die beiden sportbegeisterten Buben wären am liebsten schon bei Sonnenaufgang losgefahren, doch es wird Mitte Morgen, bis wir den Streckenbeschrieb Richtung Bozen studiert haben und unsere geliehenen Räder startklar sind.

Nach einigen Irrfahrten gewöhnen wir uns an die eigentlich gute italienische Beschilderung und treffen auf dem Radweg bald auf Gleichgesinnte. Uns überholen Gruppen mit E-Bikes, am Wegesrand rasten andere Familien, Rennvelofahrer kreuzen unsern Pulk. Der flache, geteerte Weg entlang des Flusses wird gesäumt von Obstplantagen und ist genügend breit. Dann und wann tauchen Brunnen mit Trinkwasser und Sitzbänke auf. Man fühlt sich als Radfahrende willkommen. Wohl deshalb sind alle hier gut gelaunt und warten geduldig, wenn ein Überholen nicht möglich ist, weil wir gerade die Obstbäume des grössten Apfelanbaugebietes des Landes studieren.

Boxenstopps à discrétion

Ideal sind auch die vielen Imbissbuden, sogenannte Pitstops oder Radlerjausen. Der immer hungrige Neunjährige, der bei jeder anhalten will, flucht und wirft das Velo auf den Asphalt. Natürlich geben die Eltern nicht nach.

Zur Abkühlung bietet sich das Naturbad am Hang in Nals an. Mit dem Rückenwind, der nachmittags meist aufzieht, lässt sich danach die Strecke bis in die Landeshauptstadt von Südtirol, vorbei an Schloss Sigmundskron, leicht überwinden.

Dass Zürich in Sachen Radwege innerstädtisch von den Südtirolern lernen könnte, zeigt sich in Bozen. Eine separate Einfallsachse für Velos führt direkt ins Zentrum, das Pendant wieder aus der Stadt. Die in beide Richtungen geführte Spur ist leicht breiter als unsere Velo­streifen.

Das ersehnte Ziel: Nach 180 Kilometern wartet der Gardasee. Foto: Getty Images

«Schon wieder Velo fahren?», fragt die Tochter am zweiten Morgen. Sie bettelt um ein eigenes Rad. Der Weg wäre dafür zwar meist sicher genug, aber wir müssten für die Fahrt mehr Zeit aufwenden. Für das Schattenrad ist die Vierjährige etwas zu klein, treten fällt ihr schwer. Motivieren lässt sie sich erst, als eine Familie, die wir schon tags zuvor gekreuzt haben, die Räder rüstet. Und wir versprechen, dass wir auf dem Weg im wärmsten See der Alpen baden werden.

Die Strecke führt abwechslungsreich hinauf nach Eppan und hinunter an den Kalterer See, von den Obstbäumen in die Reben. ­Irgendwann kommen wir vom Weg ab, weil wir den Seezugang suchen und einen Ort für ein Glas Kalterer – und beides nicht finden. Wir kehren erst um, als der Elfjährige das Rad tobend an den Strassenrand knallt und die Tochter zu weinen beginnt. Erschöpft droht sie auf dem Schattenrad einzuschlafen. Zum Glück mag der Neunjährige noch Witze erzählen. Später kommt die Tochter doch noch zu ihrem Bad: Der ­Naturpool des Bio-Hotels Kaufmann erweist sich als wahre Wohltat für Körper und Seele.

Überwältigende Ankunft

Am nächsten Morgen spüren wir die Steigungen in den Muskeln. Wir sind froh, dass die 50 Kilometer bis Trient «in der Gänze flach» sind, wie es im Strecken­beschrieb heisst. Bald werden die beiden Felsabhänge sichtbar, die das Tal verengen: die Salurner Klause, Tor zum Süden, Grenze zwischen der Provinz Südtirol und dem eigentlichen Italien. Ab hier wird italienisch gesprochen und gekocht. Glücklicherweise mag der ältere Sohn bald darauf nicht mehr radeln. Das Ristorante da Silvio bietet bestes italienisches Essen und eine bemerkenswerte Inneneinrichtung des Künstlers Riccardo Schweizer. Der Zwischenhalt stärkt uns für 20 weitere Kilometer unter der sengenden Sonne.

Der Weg von der hübschen Unistadt Trient nach Rovereto verläuft eher trist die Autobahn entlang. Wir machen uns einen Spass daraus, den Autofahrern zu winken. Es bleibt in dieser historisch geprägten Gegend Zeit für einen Besuch des Kriegsmuseums. Beim Einschlafen schreckt der Elfjährige plötzlich auf. «Hör, nun klingelt die Glocke, von der uns der Kellner erzählt hat.» Maria Dolens, die Glocke, gegossen aus den Kanonen der am Ersten Weltkrieg beteiligten Länder. Seit 1965 mahnt sie vom nahen Hügel täglich bei Sonnenuntergang zum Frieden.

Frieden begleitet uns auf der letzten Etappe. Die Kinder sind derart motiviert, dass sie die offerierten Gelati auslassen und leichtfüssig den Anstieg überwinden. Dann stehen wir auf der Anhöhe von Nago – und sind überwältigt. Nie haben die Kinder so stolz von der Anreise erzählt wie in diesen Ferien.

Die Reise wurde unterstützt von Eurotrek.



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