Grosses Kino an der Ostsee

Das Weissenhaus Grand Village & Spa am Meer fasziniert besonders Schweizer Gäste.

Auf dem historischen Landgut Weissenhaus in der Kieler Bucht wohnten einst Adelige und eine Armada Bediensteter: Heute kümmert sich eine 150-köpfige Hotelcrew um die Gäste.

Auf dem historischen Landgut Weissenhaus in der Kieler Bucht wohnten einst Adelige und eine Armada Bediensteter: Heute kümmert sich eine 150-köpfige Hotelcrew um die Gäste.

(Bild: PD)

Christoph Ammann@sonntagszeitung

Auf der Terrasse vor dem Schloss serviert Nathalie Scharrer gerade Kaffee und Kuchen, als die Gäste verstummen und gebannt zur «Grand Koppel» schauen: Eine Gruppe Rehe schreitet gemächlich durchs Gras, unbeeindruckt von den Zuschauern und den Wellen, die am nahen Sandstrand ausrollen.

Das Hotel mit dem sperrigen Namen Weissenhaus Grand Village Resort & Spa am Meer vereint Luxus und Naturerlebnis: 40 Gebäude verteilen sich auf ein 75 Hektaren grosses Areal 50 Kilometer östlich von Kiel. Ein norddeutsches Landgut samt Schloss, auf dem einst Adelige und eine Armada Bediensteter mit Familien wohnten.

«Wir wollen den Gästen Geschichten erzählen», sagt Frank Nagel, der das Anwesen zusammen mit seiner Frau Natalie Fischer führt. Schon die Chronik des Resorts gibt eine gute Geschichte her: Weissenhaus gehört zur schmalen Eliteliga der deutschen Ferienhotellerie. Der Multimillionär Jan Henric Buettner erfüllte sich an der Hohwachter Bucht in Schleswig-Holstein einen Lebenstraum. Der Hamburger Internetpionier hatte der Gräflichen Familie von Platen Hallermund 2005 das ramponierte Landgut abgekauft und verwandelte das Anwesen in eine aufsehenerregende Ferienoase.

«Liebhaber kommen pro Jahr zehnmal nach Weissenhaus.»Natalie Fischer

Die Grafen hatten Weissenhaus während acht Generationen über Wasser gehalten, einen Teil des Geländes aber verwildern lassen. Buettner steckte 80 Millionen Euro, darunter auch Mittel aus Crowdfunding und EU-Fördergelder, ins noble Feriendorf. Neun Jahre dauerte die Bauzeit, strenge Auflagen des Denkmalschutzes mussten eingehalten werden.

Seit der Eröffnung 2014 wächst die Kundschaft stetig. «Liebhaber kommen pro Jahr zehnmal nach Weissenhaus», sagt Natalie Fischer. Die meisten Gäste rekrutieren sich aus dem nahen Grossraum Hamburg, 18 Prozent sind Ausländer, erstaunliche 8 Prozent Schweizer.

Ein Zimmer im Backhaus oder ein Cottage am Strand

Mit einer Schlüsselfigur der 150-köpfigen Hotelcrew können sie bedenkenlos Schweizerdeutsch parlieren: Christian Scharrer, Chef im Edelrestaurant Courtier im Parterre des nach einem Brand Ende des 19. Jahrhunderts rekonstruierten Barockschlosses, stammt aus Waldshut-Tiengen. Scharrer hat in Weissenhaus 18 «Gault Millau»-Punkte und zwei «Michelin»-Sterne erkocht. Er interpretiert die französische Küche spielerisch und ist ein Grossmeister der Saucenkunst.

Scharrer, der Thymian und Basilikum im eigenen Garten pflückt, meidet die krampfhafte Fokussierung auf regionale Produkte: «Qualität ist wichtiger», sagt er, «ich hätte etwa gerne mehr Fisch aus der Ostsee. Weil dieser nicht zu kriegen ist, kommt häufig isländischer Fisch auf den Teller.»

Die 55 Suiten und Zimmer verteilen sich auf zehn Gebäude, abgesehen vom Schloss alle in norddeutscher Backstein-Architektur. Schmuckstücke sind die gräfliche Suite im Schloss mit Cheminée und Privatsauna, das Zimmer im Backhaus, das um den früheren Backofen herum gebaut wurde, oder das verschwiegene Cottage am Strand. In Planung: drei zusätzliche Chalets für grössere Familien und eine vier Kilometer lange Joggingstrecke. Ein Outdoor-Solebad ist bereits eingeweiht.

Erst unter Linden schlendern, dann die Klippe erklimmen

Man neigt dazu, sich vom beflissenen Personal per Golfwagen über Kopfsteinpflaster und Natursträsschen des riesigen Areals kutschieren zu lassen, vorbei an Kunstwerken und Strandkörben unter alten Eichen. Inspirierender ist aber ein Spaziergang durch die malerische Lindenallee zum drei Kilometer langen Ostseestrand. Wer nach Westen abbiegt, landet auf den Klippen der Hohwachter Bucht und in einem geheimnisvollen Begräbniswald, in dem Urnen ruhen und Buchen für 99 Jahre neue Besitzer gefunden haben («Von Oma Inge an Björn zum Abi»).

Nach Osten führt der Weg entlang der Dünen zum Weissenhäuser Strand, einer populären Badedestination mit gesichtslosen Appartementhäusern. Kindergebrüll und der Duft von Currywurst treiben die Flaneure zurück ins Refugium. Das Weissenhaus Grand Village spielte übrigens Kulisse im Kino: Til Schweiger drehte am Strand und am grossen Schachbrett einige Szenen der amerikanischen Version von «Honig im Kopf». Dass der Film mit Nick Nolte floppte, lag bestimmt nicht am Schauplatz.

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