Sharjah öffnet sein Herz

Dubais Nachbarmetropole lockt mit einer sorgsam renovierten Altstadt. Die Sitten bleiben für Westler gewöhnungsbedürftig.

Gepflegtes Erbe: Innenhof im Luxushotel Al Bait. Foto: PD

Gepflegtes Erbe: Innenhof im Luxushotel Al Bait. Foto: PD

Die Nacht endet abrupt. «Gott ist gross», dröhnt es einen Steinwurf vom Hotel Al Bait entfernt: Al Fayeehd, der erste Gebetsruf, um 5.45 Uhr. Der Muezzin der Obaid-Bin-Eisa-Moschee würde im Contest für Gebetsrufer das Casting nicht überstehen, seine Bassstimme kommt heiser aus den Lautsprechern. Manchmal räuspert er sich, bricht den Singsang ab – um ihn dann energisch zu beenden. Vor ein paar Stunden sind wir mitten in der islamischen Welt gelandet, jetzt breitet sich über Sharjah ein kakofonischer Klangteppich aus, untermalt von den Blinklichtern der Minarette.

«Auf unserem Stadtgebiet gibt es weit über 300 Moscheen», sagt Fatima Salim Al Shuweihi. Sie ist die Chefin der Führercrew, die Gäste durchs «Herz von Sharjah» lotst – durch die rekonstruierte und restaurierte Altstadt. Souks, Kaufmannshäuser, Museen, Cafés und das Luxushotel Al Bait Sharjah bilden ein gut geplantes, vom Denkmalschutz behütetes Ensemble.

Wer genug Kaffee getrunken hat, schüttelt die Tasse

Fatima trägt Kopftuch und eine schwarze Abaya, ein verziertes Überkleid. Sie wohnt mit ihrer Mutter, 18 Katzen, einem Hund und einem Papagei in einem Anwesen am Stadtrand. Fatima setzt ihre wirksamste Waffe geschickt ein: das herzliche Lachen. Sie ist witzig und weiss alles über die Kultur der Vereinigten Arabischen Emirate. Im Heritage Museum zeigt sie den Westlern jenes Teil, das man hier Burka nennt: eine gitterähnliche Maske, grün oder gelb, mit der die Frau das Gesicht verbirgt. «Ich gehe aber unverhüllt zum Einkaufen», beteuert Fatima, «wir sind offen und gut gebildet. Viele Leute verbringen die Ferien im Ausland.» Fatima erzählt weiter, dass sich arabische Männer zur Begrüssung die Nase küssen, und lässt uns den dünnen Stoff einer Dishdasha greifen. «Natürlich braucht der Herr einen Unterrock», schmunzelt sie.

Blick über das historische Zentrum. Foto: Christophe Viseux/NYT/Laif

Und Fatima demonstriert die typisch arabische Kaffeezeremonie: Zur Begrüssung wird der dünne Saft aus Kaffee, Rosenwasser, Kardamom und Safran in kleine Tassen gegossen. Wer genug geschlürft hat, schüttelt das leere Gefäss. Die Einführung in lokale Gebräuche lohnt sich, denn Sharjah, nur 15 Kilometer von Dubai entfernt, ist eine komplett andere Welt als die Glitzer­metropole mit Pinguinparaden, rekordhohen Türmen und monströsen Shoppingmalls.

Ewiger Regen, doch niemand wird nass

Sharjah kultiviert das Erbe als Hort der Perlenfischerei und Handelszentrum. Mittlerweile gibt es ein Dutzend Museen in der zweitgrössten Stadt der Emirate (1,3 Millionen Einwohner). Das historische Zentrum soll bis 2025 als Gesamtkunstwerk erblühen, Touristen anziehen und Sharjah in die Liste der Unesco-Welt­kulturerbe­stätten bringen. Hauptattraktion ist der Rain Room, eine Installation, die ewigen Regen in der Wüste garantiert, den Besucher aber dank eines feinen Netzes von Sensoren vor dem Nass verschont. Der Andrang in den auf alt getrimmten Souks wirkt dagegen überschaubar. Die Verkäufer, zumeist aus Indien, dem Iran oder dem Oman, langweilen sich, das Interesse der Passanten für Türme von Kochtöpfen, Stoffballen oder lebendige Laufenten und Schildkröten scheint mässig. Auch der New Market hat mehr mit der Food-Abteilung im Coop City gemein als mit einem orientalischen Markt. Doch beim helvetischen Grossverteiler fehlen die Arbeiter aus Bangladesh, die für ein paar Dirham flink Crevetten schälen.

Hinter dem Projekt The Heart of Sharjah steckt Sultan bin Mohamed al-Qasimi. Der betagte Herrscher wird von Saudiarabien alimentiert. Er fördert in seinem Reich streng islamische Sitten: ­Alkohol bleibt verboten, unverheirateten Paaren ist es untersagt, Hotelzimmer oder Wohnung zu teilen, Shishapfeifen und Grillpartys in der Öffentlichkeit sind tabu. «Ich glaube nicht, dass unser Alkoholverzicht negative Auswirkungen auf den Tourismus hat, sagt Sarah Dubke, Managerin bei der Reiseagentur Orient Tours. «Sonst hätten wir hier nicht derart viele Russen.»

So lassen wir zur opulenten Mezze und zum butterzarten Lamm im arabischen Restaurant des Al Bait Sharjah alkoholfreien Wein kredenzen. Nicht verkehrt, sich mit klarem Kopf in der labyrinthischen Anlage zu bewegen. Das Luxushotel verteilt sich auf zehn Gebäude; die 53 Zimmer und Suiten sind in unaufdringlich orientalischem Stil eingerichtet. Schalen voller Nüsse, Datteln und Trockenfrüchte warten auf die Gäste. Die kleine, feine Hotelgruppe GHM aus Singapur, die das Chedi in Andermatt eröffnete, betreibt das Al Bait, dessen Markenzeichen ein historischer Windturm ist, der einzige runde der Emirate.

In einem kleinen Museum ehrt man den früheren Hausherrn: Ibrahim al-Midfa war Poet, Journalist und erster Posthalter in Sharjah. Eine originale Holztür mit zwei geschnitzten indischen Elefanten erinnert an die Weltläufigkeit Ibrahims. In der ­Hotelbibliothek stehen orientalische Kochbücher, Werke zur Pferdezucht, Falknerei und natürlich eine Kollektion von Biografien al-Qasimis. Der Autokrat ist über die staatliche Entwicklungsgesellschaft Shurooq letztlich der Besitzer des Al Bait. Und das lässt er die vielhundertköpfige Hotelcrew deutlich ­spüren: Eigentlich war die Eröffnung des Al Bait Sharjah auf den 20. November 2018 terminiert. His Highness konnte sich den Besuch der Party aber erst am 13. Dezember einrichten. Das Hotelmanagement musste verschämt die Gäste ausladen und wieder einladen.

Die Reise wurde unterstützt von Emirates und Let’s go Tours.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt