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Charlot und das grosse Fest

Zur Fête des Vignerons in Vevey werden eine Million Besucher erwartet. Vom Riesenspektakel profitieren möchte auch das Charlie-Chaplin-Museum.

Daniel J. Schüz
Für die Ewigkeit gemacht: Die Bronzestatue des Tramp am Ufer des Genfersees. Foto: Alamy
Für die Ewigkeit gemacht: Die Bronzestatue des Tramp am Ufer des Genfersees. Foto: Alamy

Da thront er, im Park unten am See, auf halbem Weg zwischen der grossen Arena und dem Grand ­Hôtel du Lac. Er steht auf seinen O-Beinen, eine Hand stützt sich auf dem Spazierstock ab, die ­andere presst eine Blume auf die Brust. Die Melone auf dem Kopf ist viel zu klein.

Hinter ihm wirft das grosse Ereignis seine Schatten voraus: Ganz Vevey ist auf den Beinen, trifft letzte Vorbereitungen für die Fête des Vignerons. Auf der Terrasse der Nobelherberge und rund um den Pool installieren Hotelangestellte die Kulinariktempel des hochdekorierten Küchenchefs. Thomas Neeser lässt im Maison Ticino Südschweizer Spezialitäten auftragen; rund um den Pool, wo an der ­Buddha-Bar Beach orientalische Köstlichkeiten zelebriert werden, setzt er einen fernöstlichen Kontrast.

Das Grand Hôtel du Lac, die beste Adresse im Ort, ist offizieller Gastropartner des Winzerspektakels. Das verpflichtet. Seit die gigantische Arena aufgebaut worden ist – sie kann mit 20'000 Zuschauerplätzen die gesamte Bevölkerung von Vevey aufnehmen –, wird auf dem Marktplatz emsig geprobt. Der 500-köpfige gemischte Chor intoniert die Winzerhymne, Laiendarsteller deklamieren Texte, Tänzer springen, Sänger singen und im Hintergrund lauert die Putzkolonne auf den Moment, in dem die Künstler die Bühne freigeben. Denn die Hightech-Weltpremiere will poliert werden – es ist ein LED-Screen, der mit 870 Quadratmetern den Superlativ «grösster Bildschirm der Welt» für sich beansprucht: Horizontal auf dem Boden liegend, soll er mit dynamischen Lichteffekten verblüffen.

Eine Riesenkiste: Blick auf Vevey und das 20'000 Zuschauer fassende Stadion. Foto: PD
Eine Riesenkiste: Blick auf Vevey und das 20'000 Zuschauer fassende Stadion. Foto: PD

Das alles lässt den kleinen Mann im Park am See unbeeindruckt. Charlie Chaplin, der Weltstar auf der vertikalen Schwarzweiss-Leinwand, hätte zweifellos mit kindlichem Vergnügen diesen bunt schillernden Floor betanzt. Doch Charlot, wie Freunde und Fremde ihn liebevoll nannten, schaut nicht zurück. Er ist, lebensgross in Bronze gegossen, für die Ewigkeit gemacht, sein Blick stoisch übers Wasser aufs französische Ufer gerichtet.

Chaplin hatte Glück und erlebte das Fest zweimal

Charles Spencer Chaplin – so der amtlich bestätigte Taufname – war der prominenteste Bürger von Vevey während eines Vierteljahrhunderts. Zweimal hat er in dieser Zeit das grosse Fest erlebt, das die Brüderschaft der Lavaux-Winzer zelebriert, um «die heilige Verbindung des Menschen mit dem Wein» zu würdigen und die Arbeit der Menschen in den Rebbergen zu ehren – allerdings, so wollen es die Statuten, nur «einmal pro Generation beziehungsweise nicht öfter als viermal in hundert Jahren». Chaplin hatte Glück: Er war schon 1955 dabei, drei Jahre nachdem er das Landgut Le Manoir in Corsier-sur-Vevey erworben hatte, und 1977 noch einmal, vier Monate bevor er am 25. Dezember 88-jährig starb. «Er hasste Weihnachten», soll seine älteste Tochter Geral­dine zu Protokoll gegeben haben. «Sein Tod am Weihnachtstag war eine perfekte Rache.»

«In meinem ganzen Leben habe ich nichts Schöneres gesehen.»

Zitat von Charlie Chaplin im Amtsblatt vom 2. August 1955

So konsequent Chaplin religiöse Rituale ablehnte, so leidenschaftlich liebte er das kreative Spektakel – und davon hatte Vevey, die Wahlheimat des Weltbürgers, einiges zu bieten: Chaplin hat kein Gastspiel des Circus Knie verpasst, im örtlichen Kino waren die besten Plätze stets für den Clan ­reserviert. Das Winzerfest aber ­faszinierte den Weltstar mehr als jeder andere Event: «In meinem ganzen Leben», zitiert ihn das Amtsblatt vom 2.August 1955, «habe ich nichts Schöneres gesehen.»

Ob er allerdings je als Künstler mitgewirkt hat, ist «unklar und auch sehr unwahrscheinlich», weiss Béatrice de Reyniès, die Direktorin des Museums Chaplin’s World. «Es gibt keine Dokumente, die darauf hinweisen. Wir wissen lediglich, dass er als Zuschauer dabei war, als Annie und Christopher, seine beiden Jüngsten, 1977 bei einer Gruppe mitwirkten, die den Herbst darstellte.» Verbürgt sei darüber hinaus die enge Verbundenheit der Chaplin-Familie mit dem Traditionsanlass: Filmszenen aus privaten Archiven dokumentieren, wie die Chaplin-Kinder mit Laiendarstellern der Fête in bunten Kostümen im Park tanzten und ausgelassen im Swimmingpool planschten. «Das Manoir entsprach der Weltoffenheit des Hausherrn», fährt die Direktorin fort. «Es war ein sehr gastfreundliches Haus.»

Weltstar und Familienvater: Die Mischung machts

Das ist es geblieben: Heute allerdings müssen die Besucher Eintritt bezahlen. Und sie tun es gern: So umfassend und eindrücklich Chaplin’s World im modern gestalteten Studiobereich das künstlerische Werk dokumentiert, so herzlich fühlt sich der Gast in der Chaplin-Villa willkommen. Diese raffiniert inszenierte, kontrastreiche Verbindung zwischen Weltstar und Familienvater macht den Charme des Museums aus – und erklärt seinen überraschenden Erfolg.

Seit der Eröffnung im Frühling 2016 sind die Charlot-Fans so zahlreich nach Vevey gepilgert, dass Chaplin’s World nach drei Jahren als erfolgreichste Neulancierung eines Museums gilt. Im ersten Jahr seien rund 316'000 Besucher gekommen, freut sich Direktorin Béatrice de Reyniès, «deutlich mehr, als wir erwartet haben. Nach drei Jahren waren wir bei über 900'000 Eintritten.»

Chaplin hat es verstanden, eine Arbeitswut, die an Obsession grenzte, mit der Rolle des fürsorglichen Familienvaters in Einklang zu bringen. «Er war Schauspieler und Tänzer zugleich – eine Kunst, die nur wenige beherrschen», sagt Béatrice de Reyniès. «Ausserdem Regisseur, Komponist, Musiker, Autor, Cutter und Philosoph. ­Dabei hat er immer auch Zeit für seine achtköpfige Kinderschar gefunden.»

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Doch das allein vermag den ­Erfolg des Unternehmens nicht zu erklären. «Wir haben versucht, Charlots Botschaft weiterzugeben – eine Botschaft, die ähnlich wie der Stummfilm keiner Worte bedarf», so die Museumschefin. Was die Herzen der Menschen wirklich berühre, sei der Nimbus des Kindes. Nicht ohne Grund ist «The Kid» Charlots bester Film – auch er ist nie erwachsen geworden. Selbst die Skulptur unweit des Du Lac lässt ungeachtet des typischen Schnäuzchens auf der Oberlippe deutlich kindliche Züge erkennen.

Zweifellos wird der eine oder andere Besucher der Fête des ­Vignerons nach dem Spektakel die Arena verlassen, über die Uferpromenade flanieren, vor dem kleinen Mann aus Bronze innehalten – und sich zu einem Ausflug in die Weinberge inspirieren lassen. Durchaus möglich, dass sie oder er in Chaplin’s World einkehrt – als einmillionster Besucher.

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