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Mongibello hat alles im Griff

Eine Million Menschen wohnen am Fuss des Ätna. Ihr Leben ist geprägt von den Launen des feuerspeienden Bergs. Sie verehren und sie fürchten ihn.

Faszination Vulkan: Rund um den Ätna sind ständig Gruppen von Wanderern unterwegs. Foto: Sean Gallup (Getty Images)
Faszination Vulkan: Rund um den Ätna sind ständig Gruppen von Wanderern unterwegs. Foto: Sean Gallup (Getty Images)

Wie er wohl heute aussieht, fragt man sich jeden Morgen. Denn er, der Ätna, beherrscht ganz Sizilien. Seine Gipfel stossen an schönen Tagen weissen, gekringelten Rauch aus, ein friedliches Bild. Er kann aber auch anders. Dann spuckt der Vulkan wütende Feuerfetzen mit enormen Gesteinsbrocken aus. 200 Ausbrüche sind geschichtlich belegt. Einer der heftigsten ereignete sich 1669, als vulkanische Bomben und fliegendes Gestein ganze Stadtteile von Catania unter sich begruben und die Stadtmauer mit einer 15 Meter hohen Lavaschicht bedeckten.

Doch an Katastrophen wollen wir heute nicht denken, der milde Tag ist einfach zu schön. Deshalb steigen wir in die robusten Jeeps, die bereitstehen, und los gehts. Birken und Haselnussbäume beherrschen das Bild, Wanderer mit Körben voller Steinpilze kommen uns entgegen. «Lasst uns ein paar Höhlen ansehen», sagt Claudio Fazio, der Reiseleiter, und dann werden Helme verteilt. An die 200 Grotten, durch Lavaströme gebildet, soll es in der Gegend geben.

Früher wurde hier Eis gelagert für Granita, das beliebte Wassereis. Es ist dunkel, steinig und feucht hier unten. «Die Lava ist löchrig wie schlecht gekneteter Kuchenteig», sagt einer von Claudios Helfern. Viel zu sehen gibt es im Schein der Taschenlampen nicht. Aber Legenden kennen unsere Guides zuhauf, von hundertköpfigen Monstern und einäugigen Zyklopen. Wer hielte da nicht den Atem an.

Gipfellandschaft ändert sich

Vier aktive Kegel hat der mit 3332 Metern höchste Vulkan Europas im Lauf der Zeit herausgebildet. Sein Gipfelrelief ändert sich immer wieder, da es pro Jahr zu durchschnittlich zwei Eruptionen kommt. Wir gehen am Rande erloschener Nebenkrater entlang und bewundern die stets wechselnde Aussicht. Überall sind kleine Gruppen Wanderer auszumachen. Sie wirken wie Spielzeugpuppen. Was zu Beginn aussieht wie eine kompakte schwarzgraue Mondlandschaft, erweist sich bei näherem Hinsehen als löchriges Gestein in diversen Formen und Farben. «Angst müsst ihr nicht haben», meint Claudio, der sich ein enormes Vulkanwissen angeeignet hat und perfekt Deutsch, Englisch und Italienisch spricht. «120 Kontrollstationen und Satelliten überwachen die seismischen Aktivitäten des Vulkans.» Dennoch wollen wir wissen: «Claudio, stimmt es, dass der Vulkan ins Mittelmeer rutschen wird?» «Das wird er wohl», antwortet dieser gelassen. Schuld daran sei die Schwerkraft. Der Vulkan werde durch sein eigenes Gewicht immer weiter talwärts geschoben.

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Das mittelalterliche Städtchen Linguaglossa, 49 Kilometer nördlich von Catania, ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich das Leben unter dem Einfluss des Ätna entwickelt. Die fünf Kilometer lange Befestigungsmauer und ihre vier Tore existieren nur noch fragmentarisch. Wohl erhalten sind jedoch die Sakralbauten des Ortes, die Basilika der heiligen Maria und die Kirchen der heiligen Nikolas und San Martin, die immer gut besucht sind. In der Via del Teatro sehen wir grossformatige Wandmalereien von lokalen Künstlern. Sie zeigen, dass sich bis heute alles um Mongibello dreht, wie der Ätna im Volksmund liebevoll genannt wird.

Die kleine Galerie von Salvatore Incorpora auf der Piazza Annunziata ist zum Bersten voll mit Arbeiten lokaler Künstler. Gemma Incorpora, die Frau des 2010 verstorbenen Künstlers, führt durch die Galerie. Und flugs finden wir uns bei einem Essen bei ihr zu Hause wieder und erleben aufs Schönste, was Italianità heisst: Platten von Pasta mit Auberginen, köstlicher Braten, süffiger Hauswein und duftende Kaktusfeigen zum Dessert. Und natürlich zahlreiche Katzen im Garten und Gespräche mit vorher völlig Unbekannten.

Bunte Marzipanfrüchte

Dem Süssen und ausufernden Erzählungen hat sich ebenfalls die Familie Barone der Pasticceria L’Alhambra verschrieben. Seit 1939 hat hier Handwerk goldenen Boden. Und so gibt es die weltberühmten Pasten aus Mandeln, Haselnüssen und Pistazien sowie knallbunte Marzipanfrüchte zu kaufen. «All das verdanken wir nur dem Vulkan, der uns diese Qualität beschert», sagt der heutige Besitzer Nino Barone.

Nirgendwo anders auf dieser Welt liessen sie sich herstellen. Zum Beweis reicht er uns ein paar frische Mandeln. Sie schmecken voll und fettig. Die Ernte war gut. Nachdem sie drei Monate lang getrocknet wurden, lassen sie sich zu Marzipan weiterverarbeiten. «Haben Sie nie Angst, so nah am Berg zu leben, Signore?» «Wir haben allen Respekt vor dem Berg», sagt Barone pragmatisch, «aber hier ist unsere Heimat, wir müssen mit den Naturgewalten leben.»

Die Reise wurde unterstütztvon Private Selection Hotels.

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