Die Comtesse sorgt für Überraschungen

Auf der Seine lässt es sich mit dem Schiff trefflich von Paris in die Normandie und zurück gondeln. Zum Schluss gibt es eine unschöne Begegnung mit einer Brücke.

Die MS Seine Comtesse legt auf ihrer achttägigen Reise im beschaulichen Les Andelys einen Zwischenstopp ein. Fotos: PD

Die MS Seine Comtesse legt auf ihrer achttägigen Reise im beschaulichen Les Andelys einen Zwischenstopp ein. Fotos: PD

Sanft schaukelt das Kreuzfahrtschiff auf dem berühmten Fluss. Mit jeder Bewegung des Wassers zieht die Comtesse an der Verankerung. Die Taue, mit denen sie am Quai festgebunden ist, geben mit Geseufze nach. Dämmerung senkt sich herab. Draussen gehen die Lichter an. In den nahen Beachclubs wummern die Bässe. Der Eiffelturm blinkt. 20 000Lämpchen lassen ihn zu jeder vollen Stunde kurzfristig erstrahlen und wieder ins Dunkel sinken. Fünf Minuten dauert das Pariser Lichtspektakel. Fotos zu schiessen, ist erlaubt, nicht aber, sie zu veröffentlichen.

Auf der Seine wird es jetzt eng. Viele Boote sind unterwegs, denn vom Wasser aus hat Paris bei Nacht einen besonderen Charme. Es ist ein Sommerabend wie aus dem Bilderbuch. Die Passagiere der MS Seine Comtesse geniessen die Ambiance an Deck. Später können sie sich von den leichten Bewegungen des Schiffs in den Schlaf wiegen lassen. Denn die erste Nacht der achttägigen Kreuzfahrt in die Normandie verbringt die Comtesse festgezurrt an einem Pariser Quai.

Kaum eine ruhige Minute für die Crew

Für Ilana und Roman geht ein langer Tag zu Ende. Bedächtig räumen sie die letzten Gläser von den Tischen und machen das Deck «nachtfein». Seitdem am Nachmittag die ersten Gäste an Bord begrüsst wurden, gab es für sie kaum eine ruhige Minute. Da hiess es einchecken, Koffer verteilen, Essen servieren, den Barbetrieb aktivieren, Fragen beantworten, den neuen Passagieren das Gefühl geben, willkommen und zu Hause zu sein in der schwimmenden Herberge auf Zeit. Jetzt schmerzen die Füsse ein wenig, und eine Zigarette auf dem Deck im Personalbereich hilft beim Entspannen. Die Bulgarin Ilana schaut den Rauchkringeln hinterher und schmunzelt. Vorhin hat sie ein Gast ganz interessiert gefragt: «Schlafen Sie und Ihre Kollegen auch an Bord?» Die Antwort: «Wo denn sonst?», hat sie lieber verschluckt, gelacht und «ja, klar», gesagt. Offensichtlich ein Greenhorn, das die Flusskreuzfahrt zum ersten Mal mitmacht.

Vor den grossen Kabinenfenstern gleitet das Flussufer vorbei.

Ilana und ihr polnischer Kollege Roman sind ständig auf dem Wasser, wie der Rest der 40-köpfigen Besatzung. Für alle ist die MS Seine Comtesse ein schwimmender Arbeitsplatz, den sie während der Saison nur für seltene Stippvisiten in die Heimat verlassen. Wie die 14 500 Beschäftigten in der Flusskreuzfahrtbranche, die jedes Jahr auf europäischen Wasserstrassen unterwegs sind. Viele kommen aus Osteuropa – Bulgarien, Rumänien, Polen, Ukraine. Wenige stammen aus Deutschland, Österreich oder Asien. Die meisten sprechen leidlich Deutsch. «Die Gäste mögen es, wenn sie von Menschen aus dem Osten betreut werden. Wir haben noch Respekt vor alten Leuten», erklärt Ilana und charakterisiert ganz nebenbei das für eine Flusskreuzfahrt typische Publikum: Dem Genre bleiben vor allem ältere Reisende treu.

Touristenmassen am Seerosenteich

Auf der Strecke, die das Schiff von Paris bis zur Normandie und zurück in die französische Metropole zurücklegt, kommt man schnell zur Ruhe. Die Seine windet sich in Schleifen, die Landschaft an den Ufern wird grün. Die Comtesse zieht gemächlich vorbei an geschecktem Milchvieh, an Klosterruinen, kleinen Fachwerkhäusern, herrschaftlichen Villen, Feldern und Wäldern. Immer wieder gibt es Stopps, zum Beispiel, um die Burg von Richard Löwenherz, die Kathedrale von Rouen oder das Hafenstädtchen Honfleur zu besichtigen.

Auch ein Ausflug ans Meer und zu den steil aufragenden Kreidefelsen bei Etretat ist möglich und natürlich ein Nachmittag im Garten Monets, am Seerosenteich. Doch hier geht es quirlig zu, gefühlt ist man von tausend anderen Besuchern umgeben. Alle wollen den Teich sehen, ­dessen Seerosen Monet so oft ­gemalt hat.

Manchmal nützen auch die besten Steuerkünste nichts

Auch nachts treiben die Motoren das Kreuzfahrtschiff an, damit die Strecke in acht Tagen bewältigt werden kann. Irene Mayr, eine rüstige Seniorin, gibt beim Frühstück im Salon ein nächtliches Erlebnis zum Besten. «Ich bin aufgewacht», sagt sie, «nicht weil ich wie zu Hause unruhig schlafe, nein, etwas war auf einmal anders. Ich machte das Licht an, und eine wassertriefende Schleusenmauer tauchte keine 20 Zentimeter neben meinem Kabinenfenster auf. Gott, hab ich mich erschreckt!» Die Comtesse hatte abgebremst und war zielgenau in ein schmales Schleusenbecken hineingeglitten. Eine passgenaue Arbeit der nautischen Crew, die dafür sorgt, dass das 114 Meter lange Schiff und die 150 Passagiere die Reise unbeschadet überstehen.

Das gelingt wunderbar, bis in der letzten Nacht die Comtesse Paris erreicht. Ein Knall, ein lautes Metallknirschen durchbrechen die Stille, und am nächsten Morgen liegt ein Stück der Backbordreling zerbeult auf dem Deck. Jemand hat vergessen, sie vor dem Passieren der Brücken flachzulegen.

Die Flusskreuzfahrt auf der MS Seine Comtesse von Paris in die Normandie und zurück wurde unterstützt von Nicko Cruises. Sie kostet ab 1390 Franken inkl. Anreise. www.nicko-cruises.de, www.thurgautravel.ch

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