Zum Hauptinhalt springen

Eine Insel wie ein Feuerwerk

Jenseits der touristischen Highlights bietet Malta das pralle Leben. Eine Erkundungstour vom Tomatengewächshaus zur Madonna-Prozession.

Christoph Ammann
Mehr als Sonne, Strand und Geschichte: Maltas neues Parlamentsgebäude von Renzo Piano in der Hauptstadt Valletta- Foto: Keystone
Mehr als Sonne, Strand und Geschichte: Maltas neues Parlamentsgebäude von Renzo Piano in der Hauptstadt Valletta- Foto: Keystone

In den Gassen von Mdina überkommt den Besucher ein ähnlich beklemmendes Gefühl wie im kroatischen Dubrovnik oder in der Blauen Stadt Sidi Bou Said bei Tunis. Die Affiche ist zu perfekt, beinahe klinisch. Ausser Pferdekutschern und Touristenführern weit und breit keine Einheimischen, nichts zu spüren von Freuden und Mühsalen des mediterranen Alltags. Immerhin lässt sich Malta vom Tea Garden auf der Ringmauer der Bastion prima überblicken. Links im Dunst des Meeres erahnen wir überdies die Konturen Siziliens, das zu Malta gehörende Eiland Gozo ist gut zu sehen, rechts das Nationalstadion, gefolgt von der Vorstadt Sliema, der Kapitalen Valletta und dem Flughafen.

Malta ist gerade mal 246 Quadratkilometer gross. Die Wege sind kurz. In vier Tagen lässt sich die Insel, deren Vermarkter die 7000-jährige Geschichte preisen, bestens erkunden. Aber diesmal wollen wir nicht das Karibikfeeling auf der Bootstour durch die berühmte Blaue Grotte aufsaugen. Vorsintflutliche Tempelüberreste sind so wenig ein Thema wie die Katakomben von Rabat oder die bunten Fischerbote mit den phönizischen Augen am Bug im Hafen von Marsaxlokk.

Olivenbäume feiern auf der Insel ein Comeback

Malta hat mehr zu bieten, zum Beispiel Joseph Muscat – nicht zu verwechseln mit dem Premierminister gleichen Namens, der nach dem Attentat an der Journalistin Daphne Caruana Galizia in die Kritik geraten war. Unser Joseph ist Bauer, 40 Jahre alt, führt einen Familienbetrieb in Bingemma. Den Job als Banker hat er an den Nagel gehängt, um Reben zu pflegen und Gemüse zu züchten. Joseph schiebt die Gäste in ein lang gestrecktes Gewächshaus. An Fäden ranken sich Tomatenpflanzen bis zu vier Meter hoch unters Kunststoffdach. Joseph produziert jährlich 250 Tonnen Tomaten. «Für jeden Malteser ein halbes Kilo», rechnet der schlaue Landwirt vor. Er lässt unverzichtbare Helfer aus Holland einfliegen: Bienen bestäuben die Tomatenblüten in den Gewächshäusern. Ein Volk kostet 90 Euro, alle zwei Monate wechselt Joseph die Insekten. Seine Firma Sunripe stellt 27 Produkte her – von getrockneten Tomaten über Erdbeerkonfitüre, Rot- und Weissweine bis zu Auberginen in Öl.

Olivenbäume feiern auf der Insel gerade ein Comeback. Die Briten, die Malta bis 1964 kolonialisierten, setzten auf Baumwolle und holzten Malta ab. Die Insulaner mussten erst wieder Olivenhaine anpflanzen – und ironischerweise rühmt heute Britanniens Kochikone Jamie Oliver das maltesische Olivenöl als das beste im Mittelmeerraum. «Es hat nur 0,3 Prozent Säure», bekräftigt Anthony Busutil. Er betreibt eine der fünf Olivenpressen auf der Insel. An diesem Samstagmorgen läuft der Laden auf Hochtouren. Bauern hieven Wannen und Kübel mit grünen Früchten von den Ladeflächen ihrer Pick-ups. Die Presse verwandelt acht Kilo Oliven in einen Liter kalt gepresstes Öl. Das Gros der Farmer bebaut Grund und Boden im Nebenerwerb. Durch das maltesische Erbrecht wurde die landwirtschaftlich nutzbare Fläche in winzige, unökonomische Felder zerlegt. Auf einen vernünftigen Lohn kommen nur innovative Unternehmertypen wie Joseph Muscat, der ein Besucherzentrum mit Degustationskeller, Vortragsraum und Restaurant gebaut hat.

Die Kulturhauptstadt Europas

Die Insel an der südlichen Peripherie Europas zählt zu den Trendzielen im Mittelmeer. Pro Jahr reisen zwei Millionen Besucher an. 2018 kündigt sich ein neuer Rekord an, obwohl die Ermordung der investigativen Journalistin im Oktober letzten Jahres die Insel als Mafianest und Tummelplatz korrupter Politiker in Verruf brachte. Doch Valletta ist seit dem 20. Januar Kulturhauptstadt Europas zusammen mit der niederländischen Provinzstadt Leeuwarden. «Endlich können wir zeigen, dass Malta mehr ist als Strand, Sonne und Geschichte», sagt Sean Borg, Marketingchef von «Valletta 2018». Unabhängig vom Programm, das einen dicken Wälzer füllt, fordert Borg die Besucher auf, «die Energie in der Stadt zu spüren».

Auf jeden Fall hat sich Valletta, einst vom Kreuzritterorden in 15 Jahren erbaut, sehr zum Vorteil verändert – zu einer der attraktivsten Städtedestinationen Europas. Dank aufgefrischten Barockfassaden, engen Gassen, üppigen Palästen und einer attraktiven Einkaufsmeile. Hinter historischen Mauern entstanden 30 Boutiquehotels mit spannenden Layouts und gutem Komfort. Etwa das Saint-John in der Stadtmitte oder das Cugó Gran Macina in der ­Befestigungsanlage von Senglea. Während der Sommersaison liegen im Grand Harbour von Valletta oft mehrere mächtige Dampfer nebeneinander. Nach den Kreuzrittern in schweren Rüstungen beherrschen Kreuzfahrer in Shorts und bunten Hemden die nur 6500 Einwohner zählende Altstadt. Die Tagesbesucher mögen das Flair der lebendigen Kulturhauptstadt mitkriegen, aber von den traditionellen Feiern und Festen auf dem Land ahnen sie nichts.

Filmreife Szenen aus dem Leben der Malteser

Am Sonntagabend verschlägt es uns nach Gudja, einem Kaff im Inselinnern, das den Höhepunkt des Jahres geradezu orgiastisch zelebriert. Nachdem der Kirchenchor, ein Weihrauch spendender Priester und Messdiener inbrünstig die Gunst der Heiligen beschworen haben, formiert sich eine Prozession. Stolz tragen kräftige Männer die Muttergottes, die unnahbar auf einem goldenen Sockel thront, aus der von Lichtgirlanden illuminierten Kirche. Die Geistlichkeit und die weiss gewandeten Adlaten, die Dorfhonorationen und der harte Kern der Gläubigen bilden den Zug, der von Selfie-Jägern immer wieder gestoppt wird.

Ein infernalischer Dreiklang begleitet die Prozession: Nervös bimmeln zwei von Hand gezogene Kirchenglocken. Auf einer kleinen Tribüne dirigiert ein Maestro in schwarzem Anzug die Blaskapelle, deren Töne an die Fertigpizza-Werbung im Fernsehen erinnern. Auf den Feldern krachen Böller, und ein Feuerwerk taucht den mediterranen Nachthimmel in gespenstisches Licht. Ganz Gudja ist auf den Beinen: Teenies im Schlabberlook, Provinzschönheiten, die durch die Gassen stöckeln, und Mütter, die Kleinkinder beschützend an die Brust drücken. Das sind filmreife Szenen aus dem prallen Leben der Malteser. Dabei ist das sterile, von Touristen überflutete Mdina, wie alles auf der Insel, nur ein paar Kilometer entfernt.

Die Reise wurde unterstützt von Rolf Meier Reisen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch