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Ganz auf dem Dämmchen

Der Genfer Guy Montavon leitet das Theater Erfurt. Er schwärmt von der thüringischen Landeshauptstadt.

In Erfurt heimisch geworden: «Wie im Bilderbuch», sagt Generalintendant Guy Montavon über die Krämerbrücke und die Fachwerkhäuser.
In Erfurt heimisch geworden: «Wie im Bilderbuch», sagt Generalintendant Guy Montavon über die Krämerbrücke und die Fachwerkhäuser.
Lutz Edelhof

Als eine Schulklasse im Schlendertempo die Schildgasse blockiert, mahnt Guy Montavon die lahmenden Kids zu einer rassigeren Gangart: «Allez hop!» Jetzt ist der Generalintendant des Theaters Erfurt ganz der temperamentvolle, gestikulierende Romand. Dabei hat der 57-Jährige über die Hälfte seines Lebens in Deutschland verbracht, seit 2002 lebt er in der Landeshauptstadt Thüringens. Die Jugend in Genf, der Bauernhof der Familie in Saignelégier im Jura, der Grossvater in der Apotheke in Delsberg – ferne Erinnerungen.

Wir sind unterwegs mit Montavon in der pittoresken Altstadt von Erfurt. «Viel hat sich getan», lobt der Theatermann, «man renovierte, entwickelte und erweiterte – Erfurt steht nie still.» Einer von Montavons Lieblingsplätzen ist der Wenigemarkt: Im Drogerie-Bistro, einer ehemaligen Apotheke, trifft er sich gern mit Familie, Freunden oder Geschäftspartnern. Auf dem Wenigemarkt wurde früher deutlich weniger angeboten als auf dem grossen Marktplatz vor dem Dom, daher der Name.

Mit langen Schritten passiert der gross gewachsene Schweizer die mittelalterliche Krämerbrücke, die mit den seitlichen Ladenlokalen an den Ponte Vecchio in Florenz erinnert. «Hier sieht man eher Touristen als Einheimische», sagt Montavon, der gern den Botschafter von Erfurt gibt. «Das Theater trägt den Namen der Stadt weit in die Welt hinaus.» Neuerdings bis nach China. Derzeit weilt Montavon mit dem ganzen Opernensemble samt Orchester und Chor in Shanghai, wo «Der fliegende Holländer» und eine Wagner-Gala aufgeführt werden. «So weit weg von Erfurt waren wir noch nie», sagt der Generalintendant. Er selbst sitzt in vielen internationalen Gremien und Jurys und führt regelmässig Regie auf fremden Bühnen – in Riga und Monte Carlo, in Parma und 2019 in Bonn, einer früheren Wirkungsstätte.

Doch mit Freude kehrt der Bruder des Eidgenössischen Oberpferdearztes Stéphane Montavon jeweils in die Wahlheimat Erfurt zurück, wo er mit seiner zweiten Frau Maret und dem kleinen Bo, der eben eingeschult wurde, in einem schönen Jugendstilhaus an der Gera wohnt.

Im Zweiten Weltkrieg blieb Erfurt weitgehend unversehrt

Der perfekt Deutsch sprechende Theatermann aus dem Welschland führt uns aufs Dämmchen, eine Brücke, die einen Nebenarm des Stadtflusses überspannt. Von hier aus bietet sich ein Blick auf die Krämerbrücke, herausgeputzte Fachwerkhäuser, Kirchtürme, Kastanien und Buchen in Frühherbstlaune. «Wie im Bilderbuch», findet Montavon. Erfurt blieb im Zweiten Weltkrieg weitgehend unversehrt. Bürgerhäuser der verschiedenen Epochen fügen sich zu einem fabelhaften Stadtbild zusammen; nur die kopfsteingepflasterten Gassen verderben Trägerinnen von Stöckelschuhen die Laune. «Wenn Erfurt früher das Geld ausging, liessen die Stadtväter das Pflaster aufreissen und verkauften die Steine», erzählt Montavon.

Von DDR-Tristesse ist wenig geblieben. Montavon hat Thüringen lieben gelernt: «Brummt mir der Kopf vor lauter Arbeit, schwinge ich mich für eine Stunde auf eines meiner Velos und pedale durch den Thüringer Wald.»

Der gebürtige Genfer, dessen Vater ein bekannter Anwalt mit den Spezialgebieten Flugzeugunfälle und Sport war, bestreitet die 17. Spielzeit in Erfurt. «2003 bekam ich ein nigelnagelneues Theater», sagt Guy Montavon, «das war eine unglaubliche Chance.»

«In ganz Deutschland geniessen wir Theaterleute grosse Freiheit. Dafür muss man dankbar sein.»

Der Generalintendant wacht heute über ein Jahresbudget von 23 Millionen Euro. Das Theater, das der Stadt und dem Land gehört, unterhält ein komplettes Opernensemble und stemmt jährlich mindestens sieben Eigenproduktionen, darunter regelmässig Uraufführungen. Sprechtheater von Gastformationen und 20 Symphoniekonzerte sind weitere Programmsäulen. Eben gingen die Domstufen-Festspiele zu Ende. Montavon hatte sehr erfolgreich Bizets «Carmen» inszeniert und die Handlung aus Andalusien auf einen Autoschrottplatz mit Balkan-Groove transportiert. «In Erfurt und eigentlich in ganz Deutschland geniessen wir Theaterleute grosse Freiheit. Man steht nicht unter politischem, höchstens unter wirtschaftlichem Druck», urteilt der Intendant. «Dafür muss man dankbar sein.»

Wir passieren die schmale, blumengeschmückte Kirchgasse am Augustinerkloster, wo der Mönch und Student Martin Luther in einer engen Zelle lebte. Immer wieder poppen eilige Nachrichten auf Montavons Smartphone auf. Trotz des digitalen Feuerwerks in der Jackentasche verliert der Theaterboss nie die Gelassenheit. Er geniesst den Rundgang durch Erfurt. In aller Seelenruhe bestellt der Schweizer Honorarkonsul für den Freistaat Thüringen zum Mittagessen ein Glas Weisswein. Eben doch ganz der Romand, auch wenn sein Lieblingstropfen Epesses im Angebot fehlt.

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Die Reise wurde unterstützt von Erfurt Tourismus und Marketing GmbHwww.hotel-am-kaisersaal.de; www.theater-erfurt.de; www.erfurt-tourismus.de

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