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Kapitale der Nostalgie

Die Altstadt von Funchal auf Madeira bildet ein wahres Freilichtmuseum mit Prachtstücken aus dem authentischen Alltag.

Roger Anderegg
Zeuge seiner Zeit: Der Obst- und Gemüsemarkt in Funchal. Foto: Michael Amme/Laif
Zeuge seiner Zeit: Der Obst- und Gemüsemarkt in Funchal. Foto: Michael Amme/Laif

Hier spürt man ihn sozusagen auf Schritt und Tritt, den Wandel der Zeiten, das Werden und Vergehen. In der Rua da Carreira steht, nur ein Beispiel, das Apartmenthaus Colombo Residencial, städtebaulich nicht gerade ein Juwel und ­bestimmt in keinem Stadtführer erwähnt. Und doch ist dieses Gebäude eine für die lokale Kultur ­typische Sehenswürdigkeit: Der Neubau mit der stilisierten historischen Karavelle von Christoph Kolumbus an der Fassade wird auf zwei Seiten von zwei dreistöckigen, alten Häusern eingerahmt, beide verlottert und verkommen, beides ausgehöhlte und längst nicht mehr bewohnte Ruinen, die Besitzer, wie man uns sagt, seit Jahrzehnten unbekannten Aufenthalts. Was für ein Palácio hätte hier entstehen können, wären die Abbruchobjekte in die Neuüberbauung einbezogen worden!

In Funchal auf der portugiesischen Insel Madeira ist immer ­beides da, und zwar auf engstem Raum: Altes und Neues, Gegenwart und Vergangenheit, Tradition und Aufbruch. Das historische Zentrum der Inselhauptstadt gehört ganz der Geschichte – mit dem weiss-schwarzen Wellenmuster des Kopfsteinpflasters auf der Praça do Município, mit Rathaus, Kathedrale und dem Museum für kirchliche Kunst. Die Paläste sind reich mit Azulejos dekoriert, den bemalten und glasierten iberischen Keramikkacheln. Kopfsteinpflaster und Kacheln – du lieber Himmel, die gab es doch auch einmal bei uns, oder nicht? Lang, lang ists her.

Wie nennt man das, wenn man sich, wohin man schaut, dauernd um ein paar Jahrzehnte oder auch mehr zurückversetzt fühlt, in die eigene Kindheit sozusagen? Wenn die Häuser plötzlich wieder so ­aussehen, wie sie damals ausgesehen haben? Die Sachen in den Schaufenstern anmuten wie Antiquitäten? Und die Dinge so viel kosten, das heisst so wenig, wie sie damals gekostet haben? Richtig: Das nennt man Nostalgie. Wer ihr bewusst entgehen möchte, darf trotzdem nach Madeira reisen. Nur sollte er oder sie die Hauptstadt besser meiden.

Ein Quartier voller Trödel- und Antiquitätenläden

Gassen und Häuser spiegeln unverkennbar den sozialen Status ihrer einstigen Bewohner. Viele haben das Haus verkauft oder auch selbst renoviert, worauf es sich jetzt in poppigen Farben präsentiert und zudem zwei Stockwerke höher als früher. Daneben lottern die einfachen Wohnhäuser derer, die sich eine Renovation nicht leisten ­können, still vor sich hin, das Dach halb eingestürzt, mehrere Fensterscheiben zerbrochen. Aber schau an: Der zweite Stock wurde erst kürzlich aufwendig renoviert und zieht jetzt alle Blicke auf sich.

Als Nebenprodukt solcher Zeitsprünge steckt das Quartier Santa Ana voller Antiquitäten- und Trödelläden. Einer der schönsten liegt in der Rua da Mouraria. Die lebensgrosse, goldene Büste von ­Marilyn Monroe im Schaufenster lockt uns hinein.

Für José Pereira, 58 und ein sympathischer Wuschelkopf, ist die Vergangenheit Beruf. Trödler geworden ist er, wie er erzählt, aus Begeisterung für alte Möbel und Dekors. «Was für tolle Sachen gibt es doch!», sagt er und weist auf einen überdimensionierten Polstersessel mit Jeansstoff, auf einen Elefantenschädel aus Indien und auf besagte Marilyn. «Alle diese Dinge stehen für ihre Zeit, für ihre Epoche und deren Geist, und sie schenken ihren neuen Besitzern die lebendige Erinnerung samt dem entsprechenden Lebensgefühl.» José weiss sehr genau, womit er seit 25 Jahren handelt: mit Nostalgie.

Wie kommt er zu seinen Schätzen? «Ach», sagt er, «wir haben viele Freunde und Bekannte, hier und in aller Welt. Wenn deren Eltern sterben, muss die Wohnung geräumt werden. Wohin bloss mit dem Zeugs?» Es landet oft bei José, als eine Hinterlassenschaft, als eine Erinnerung ans Leben. Anderes wiederum bringen er und seine Frau Leontina von ihren Reisen mit – die Monroe zum Beispiel haben sie bei einem Händler in Holland entdeckt und konnten ihrer erotischen Eleganz nicht widerstehen. «Unsere Schätze füllen mehrere Lagerräume und Speicher», sagen sie. «Wir könnten problemlos tausend Quadratmeter belegen. Immer wieder ermahnen wir uns, nur das Schönste anzunehmen, nur das Originellste. Aber was wollt ihr?» Die beiden haben längst mit ihrer Schwäche leben gelernt. «Die Welt steckt eben voller Schönheit und Originalität . . .»

«Mit Saudade fühlen sich die Gäste wohl»

Im Gespräch mit José und Leontina fällt irgendwann der Begriff «Saudade», der laut Langenscheidt für Sehnsucht steht und für Wehmut oder auch für Nostalgie und Heimweh. Für José ist Saudade noch mehr als das: Sie ist sein Erfolgsgeheimnis. Nicht zufällig sind seine besten Kunden Restaurant- und Clubbesitzer, die in ihren Lokalen mittels Mobiliar und Dekoration eine gewisse Stimmung kreieren möchten. «Mit Saudade fühlen sich die Gäste wohl und auf­gehoben», sagt José. «Denn sie spiegelt den Lauf der Zeiten.»

Auch der Tourismus auf Madeira lebt von Saudade, vom Werden und Vergehen, wie es sich in ganzen Strassenzügen spiegelt, in denen die Neuzeit noch nicht angekommen ist. In diesem riesigen Freilichtmuseum gibt es dann erst noch mehrere Themen- und Personenmuseen. Vom Weinbau über die Wasserkraft bis zur Stickerei, von der Elektrizität über die ­sakrale Kunst bis zu Madeiras weltberühmtem Fussballstar Cristiano Ronaldo – ein Museum findet sich hier, auf diesem knappen Raum, für alles und jeden. Und so kann man halbwegs verschmerzen, dass mindestens drei oder vier von ­ihnen «wegen Renovation» geschlossen sind – zum Teil schon seit Jahren. Dafür haben einheimische ­Künstler in der Rua de Santa Maria, unten am Meer, kürzlich an die 200 Haustüren bemalt – das jüngste Museum zeitgenössischer Kunst mithin.

Der Mercado dos Lavradores, der architektonisch markante städtische Markt aus dem Jahre 1940, ist zwar kein Museum, aber ein hervorragender Zeuge seiner Zeit und sehr besuchenswert. Am besten geht man morgens um sieben oder acht hin, wenn er gerade öffnet und die Fischer die langen, schlangenähnlichen Schwarzen Degenfische, eine Spezialität Madeiras, aufs Eis legen und die Gemüsehändler Obst und Früchte zu waghalsigen Türmen stapeln. Zu dieser Zeit findet man auch noch die Musse, die grossen, farbigen Tafeln zu betrachten, auf denen sie alle abgebildet und beschrieben sind, die Peixes e ­Mariscos da Madeira: Pargo, Dobrada und Alfonsim, Gamba, Lapa und Lagosta. Auch hier erwarten uns, im Hintergrund der Auslage, herrliche blau-weisse Wandbilder aus Azulejos. Also doch auch ein Museum . . .

So findet man in Funchal Kunst und Kunsthandwerk, wohin man schaut, Museen und Museales auf Schritt und Tritt. Willkommen in der Hauptstadt der Nostalgie!

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