Roman Polanski klagt an

Für «J'accuse» gabs am Filmfestival Venedig Applaus. Parallelen zur Biografie des Regisseurs sind unübersehbar.

Roman Polanski blieb der Premiere seines jüngsten Films in Venedig fern. Foto: Keystone/Ennio Leanza

Roman Polanski blieb der Premiere seines jüngsten Films in Venedig fern. Foto: Keystone/Ennio Leanza

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Bis zuletzt schien unklar, ob der jüngste Film von Roman Polanski in Venedig tatsächlich laufen würde. Zum einen, weil Festivaldirektor Alberto Barbera seit der Auswahl von «J’accuse» wiederholt kritisiert wurde. Zum andern, weil Venedigs Jurypräsidentin Lucrecia Martel zu Beginn des Festivals verlauten liess, dass sie den Film nicht in der Galavorstellung schauen werde, da sie dem Regisseur durch ihre Präsenz nicht noch gratulieren wolle. Sie begrüsse es zwar, dass der Film im Wettbewerb laufe, sagte die argentinische Regisseurin. «Aber ich unterscheide nicht zwischen dem Künstler und seinem Werk.» Die Produzenten drohten darauf, den Film zurückzuziehen.

«J’accuse» beginnt mit der Verurteilung des französisch-­jüdischen Artilleriehauptmanns Alfred Dreyfus (Louis Garrel) im Jahr 1894. Noch auf dem Exerzierplatz werden ihm alle Ehrenabzeichen von der Uniform gerissen, und er wird wegen Spionage zu lebenslanger Haft auf einer abgelegenen Insel verurteilt.

Georges Picquart (Jean Dujardin) und Alfred Dreyfus (Louis Garrel) im Film von Roman Polanski. Foto: Legende Films

Einer, der diese Demütigung aus nächster Nähe verfolgt hat, ist der angehende Geheimdienstchef Georges Picquart (Jean Dujardin). Dieser entdeckt bald zahlreiche Ungereimtheiten in der Affäre Dreyfus und entlarvt den wahren Schuldigen, worauf er jedoch nicht nur Probleme mit seinen Untergebenen bekommt (denen das Schicksal des Juden Dreyfus herzlich egal ist); Picquart wird auch von ­Generalsseite verboten, weiter in dem Fall zu recherchieren. Unterstützung bekommt der Geheimdienstchef nur von wenigen – zum Beispiel von seiner Geliebten (Emmanuelle Seigner) oder dem Schriftsteller Emile Zola, der in einem Zeitungsartikel mit dem Titel «J’accuse» alle Schuldigen dieses Justizskandals benennt.

Dass Roman Polanski (86) diese mit antisemitischen Zügen durchsetzte Affäre aufgegriffen hat und sie jetzt aus Sicht des weitgehend unbekannten Picquart erzählt, sorgte am Filmfestival Venedig für viel Applaus. Biografische Parallelen lassen sich unschwer erkennen: Auch Polanski fühlt sich zu Unrecht verfolgt. Der Regisseur selbst tauchte zwar in Venedig nicht auf, da er von Italien an die USA ausgeliefert werden könnte, wo er noch immer strafrechtlich gesucht wird. Und er meldete sich auch nicht via Skype, wie ursprünglich angekündigt worden war. An der Pressekonferenz klemmte zudem der italienische Produzent Luca Barbareschi unliebsame Fragen zu Polanski oder zur Äusserung von Jurypräsidentin Lucrecia Martel gleich zu Beginn ab.

Émile Zolas offener Brief an den Präsidenten der Republik sorgte 1898 für grosses Aufsehen. Foto: Legende Films

Allerdings gibt es ein aktuelles Interview mit dem Regisseur – Polanski hat es Pascal Bruckner gegeben, der die Romanvorlage für Polanskis «Bitter Moon» (1992) schrieb. Eine falsche Verurteilung wie bei Dreyfus könne auch heute wieder passieren, sagt Polanski in diesem Interview. «Alle Zutaten sind vorhanden: falsche Beschuldigungen, schlechte Arbeit bei Gericht, korrupte Richter und dazu Social Media, die ohne einen fairen Prozess verurteilen.» Bei der Arbeit zu «J’accuse» habe er durchaus Parallelen zu seinem Fall entdeckt. Er sehe die gleiche Entschlossenheit, Fakten zu leugnen und ihn für etwas zu verurteilen, was er nicht getan habe. Polanski wurde 1977 wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen angeklagt. Nachdem sich der Richter nicht an eine vereinbarte Absprache hielt, floh der Regisseur aus den USA und lebt seither in Frankreich.

Polanski: «Immer wieder absurde Geschichten von Frauen»

Nicht nur der Vergewaltigungsvorwurf habe ihn verfolgt. Nach dem Mord an seiner Frau Sharon Tate 1969 habe die Presse angedeutet, dass er für ihren Tod mitverantwortlich sei. «Für sie bewies mein Film ‹Rosemary’s Baby›, dass ich in einer Liga mit dem Teufel spielte.» Monate später wurden die wahren Mörder überführt.

«Die Vorgehensweise der Verfolgungsmaschinerie im Film kommt mir bekannt vor, und das hat mich zweifellos inspiriert», sagt Polanski. Immer wieder kämen «absurde Geschichten von Frauen» auf, die er noch nie gesehen habe und die ihn für Dinge beschuldigten, «die angeblich vor mehr als einem halben Jahrhundert passierten». Dagegen kämpfen will er jedoch nicht mehr. «Wofür? Das ist wie ein Kampf gegen Windmühlen.»

Trailer zum Film "«J'accuse»" von Roman Polanski. Quelle: La Biennale

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