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Digitale Start-ups profitierenWohnungsbesichtigung per Roboter

Hausverkäufe und Begehungen sind wegen der geltenden Distanz- und Hygieneregeln sowie der wirtschaftlichen Lage schwierig. Für Immobilien-Start-ups, die ihre Dienste digital anbieten, ist das eine Chance.

Grosse Nachfrage während Corona: Mit Roboter Sam die Wohnung besichtigen, ohne sie selbst betreten zu müssen.
Grosse Nachfrage während Corona: Mit Roboter Sam die Wohnung besichtigen, ohne sie selbst betreten zu müssen.
Foto: realbot engineering

Lange Menschenschlangen, die sich um Hausecken winden, sieht man seit einigen Wochen keine mehr in Schweizer Städten. Wohnungsbesichtigungen finden während der Corona-Pandemie entweder im kleinen Kreis oder virtuell statt. Zu Hause den Laptop aufklappen und per 360-Grad-Webvideo Einblicke in das vermeintliche Traumhaus oder die Wohnung bekommen. Oder zusammen mit Roboter Sam vom Start-up Realbot Engineering aus Zürich Raum für Raum abfahren – ohne die eigenen vier Wände verlassen zu müssen.

Social Distancing und der vom Bundesrat angeordnete Lockdown haben den Immobilienmarkt für Miet- und Kaufliegenschaften verändert. Massenbesichtigungen sind so einfach nicht mehr möglich, denn Hygiene- und Distanzregeln sind nur schwer einzuhalten. Für die digitalen Start-ups der Immobilienbranchen bietet diese Krise eine Chance – einige profitieren gar.

Mehr digitale Rundgänge

Roboter Sam – den es bereits in 20-facher Ausführung in der Schweiz gibt – verzeichne wöchentlich steigende Besichtigungsraten, sagt Alexandros Tyropolis, Co-Gründer von Realbot Engineering. So nutzen Immobilienverwaltungen wie Livit und Privera sowie Anlagegesellschaften wie Espace Real Estate bereits den Besichtigungsroboter. «Klar, hat Sam während der aktuellen Situation mehr Aufmerksamkeit als vorher – erfunden wurde er aber lange vor Corona», sagt Tyropolis. Die Idee sei es, Ressourcen und Zeit bei der Vermietung und dem Verkauf von Immobilien effizient zu nutzen. Den Menschen ersetzen wolle man aber nicht.

Laut dem Portal Immoscout24 werden zurzeit weniger Wohnung auf Immobilienportalen inseriert als im Jahr zuvor. Vor allem im März seien in den Städten Bern, Zürich und Basel deutlich weniger neue Inserate aufgeschaltet worden, heisst es. In der aktuellen Krise würden einige Kunden darauf verzichten, ihre Objekte zu inserieren. Die Einschränkungen des Bundesrats in Bezug auf das Coronavirus machten es den Vermietern praktisch unmöglich, die Besichtigungen durchzuführen, sagt ein Sprecher.

Auch Immoscout macht jetzt Besichtigung per Livestream möglicht. So können mehrere Interessenten gleichzeitig an einer Besichtigung teilnehmen und per Chat-Funktion fragen stellen, die live vom Makler oder Bewirtschafter beantwortet werden.

«Wir sehen den Weg des digitalen Makler als richtig an, denn gerade die aktuelle Zeit zeigt, wie wichtig digitale Lösungen sind.»

Peter Jauch, stv. CEO Simplehouse

Von Besichtigungen via Webcam oder Videostream profitieren auch die sogenannte Proptechs – zusammengesetzt aus dem englischen Wort für Eigentum (property) und Technologie – die im Immobilienverkauf tätig sind. Sie heissen Simplehouse, Brixel, Neho oder Kiiz. Simplehouse verzeichne derzeit vermehrt Anfragen zu den offenen Objekten im Bestand, sagt Peter Jauch, stellvertretender CEO. «Wir sehen den Weg des digitalen Maklers als richtig an, denn gerade die aktuelle Zeit zeigt, wie wichtig digitale Lösungen sind», sagt er.

Obwohl das junge Maklerunternehmen Neho aus der Westschweiz momentan einen Rückgang bei Immobilienverkäufen spürt, stehe es gut da, sagt Heiko Packeiser, Geschäftsführer Deutschschweiz. Denn die Anzahl Kunden sei weiterhin stabil, täglich kämen zwei neue hinzu. Seit 2017 bietet Neho die Abwicklung eines Haus- oder Wohnungsverkaufs soweit möglich digital an: digitale Dokumentation, virtuelle Rundgänge oder digitale Verträge. Anders als der klassische Makler verlangt das Start-up dafür keine Provision in Prozent vom Verkaufspreis, sondern bietet seine Dienste per Fixpreis von 9500 Franken an.

Besichtigung zwischen 12 und 16 Uhr

Zum Abbruch eines Verkaufs sei es aber noch in keinem nennenswerten Aussmass gekommen, sagt Packeiser. Vielmehr seien Termine für Beurkundungen beim Notar vom Käufer oder Verkäufer verschoben worden. Auf den Sommer hin erwarte er wieder mehr Verkäufe. Einigen Interessenten reiche der virtuelle Rundgang durch die Immobilie gar, sie hätten darauf hin Angebote gemacht – ohne das Haus vorher in der Realität angeschaut zu haben. Die Hemmschwelle digitalen Dienstleistungen gegenüber nehme jetzt während Corona sicher ab, meint Packeiser. «Aber der Mensch wird es sicherlich immer vorziehen, einer echten Person gegenüberzustehen», sagt er.

Sam von Realbot Engineering hingegen ist ein Roboter, der sich zurzeit grosser Beliebtheit erfreut. Eine Wohnung erkunden Interessenten übrigens am liebsten unter der Woche zwischen 12 und 16 Uhr. Das war auch bereits vor der Corona-bedingten Arbeit im Homeoffice der Fall.