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Katja Riemann in den dunklen Zonen der Welt

Die erfolgreiche Filmschauspielerin besucht seit 20 Jahren Menschenrechtsprojekte von Unicef. Jetzt hat sie darüber ein Buch geschrieben und kommt nach Zürich.

Selfie mit Kind: Die Schauspielerin Katja Riemann besucht ein Gesundheitsprojekt in Rukogo (Burundi). Foto: Tom Schulze
Selfie mit Kind: Die Schauspielerin Katja Riemann besucht ein Gesundheitsprojekt in Rukogo (Burundi). Foto: Tom Schulze

«Jeder hat. Niemand darf»: Ein merkwürdiger Titel für ein Buch. Aber mit diesen Worten beginnen die meisten Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. «Jeder hat ein Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.» Oder: «Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden.» Oder: «Niemand darf benachteiligt werden wegen seines Geschlechts, seiner Hautfarbe etc.» Was für uns selbstverständlich ist, davon können Menschen in anderen Regionen der Welt nur träumen.

Zum Beispiel in Nepal, wo Familien so arm sind, dass sie ihre Kinder in die Sklaverei verkaufen. Oder in einem südafrikanischen Township, das zwar über eine gute Schule verfügt, zu der man aber nicht gefahrlos gelangt. Oder im Kongo, wo Frauen systematisch vergewaltigt oder sexuell verstümmelt und dann auch von ihren Familien verstossen werden.

Das Buch mit dem merkwürdigen und dann doch einleuchtenden Titel hat Katja Riemann geschrieben, eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen im deutschsprachigen Raum. Vom «Bewegten Mann» zur «Apothekerin», von «Rosenstrasse» zu «Bibi Blocksberg», also von herb bis saukomisch reicht ihr Rollenrepertoire. Schweizer haben sie spätestens als Emmentaler Bäuerin im «Verdingbub» kennen gelernt, und die jüngeren Kinogänger begeistert sie in gleich drei «Fack ju Göthe»-Filmen als dominant-verschusselte Gymi-Direktorin.

Immer wieder reflektiert sie ihre Position als privilegierte Westlerin, die dem Elend einfach davonfliegen kann.

Ein Star mit einem Millionenpublikum, der die dreh- oder bühnenfreie Zeit nicht auf Partys verbringt, sondern auf «Projektreisen». Seit 20 Jahren ist Katja Riemann Botschafterin für das Kinderhilfswerk Unicef. Zehn Menschenrechtsprojekte stellt sie in ihrem Buch vor. Es ist ein ganz und gar uneitles Buch, in dem es nicht um den Star und seine Befindlichkeit geht (deshalb klebt auch nicht ihr Konterfei auf dem Umschlag), sondern immer um die Sache – und die Menschen, die sie vorantreiben. Dennoch ist die Autorin in unaufdringlicher Weise präsent: durch ihre Sprache, die Berührtheit, auch Schockiertheit durchscheinen lässt, was sie manchmal fast schnoddrig ausbalancieren muss.

Immer wieder reflektiert sie ihre Position als privilegierte Westlerin, die dem Elend einfach davonfliegen kann. Und dort, im Gegensatz zu den «humanitarians», nichts wirklich tun kann – ausser eben berichten vom Elend und den grossartigen Menschen, die etwas bewirken. Man muss irgendwo anfangen, begreift Katja Riemann auf ihren Reisen, und man kann etwas erreichen, so erdrückend schwierig sich die Lage auch ausnimmt.

Zum Beispiel im Senegal, da, wo alles anfing für sie. 1999 erhielt sie einen Anruf einer Unicef-Vertreterin, ob sie in einer TV-Show ein Projekt gegen die Beschneidung von Mädchen vorstellen wolle. Katja Riemann sagte zu, lernte die Initiatorin Molly Melching kennen und bald auch das Projekt selbst. «Tostan» geht im Senegal und in anderen afrikanischen Ländern gegen die barbarische Praxis an, Mädchen an Klitoris und Schamlippen zu verstümmeln. Mit schrecklichen psychischen, aber auch physischen Folgen, von Inkontinenz bis zu Hochrisikogeburten. Manche Frauen verbluten nach der «Operation».

Katja Riemann mit Kindern, die in Nepal von der Organisation Plan aus der Leibeigenschaft befreit wurden. Foto: Sandra Gätke/picture alliance
Katja Riemann mit Kindern, die in Nepal von der Organisation Plan aus der Leibeigenschaft befreit wurden. Foto: Sandra Gätke/picture alliance

Barbarisch: So empfinden wir das, zu Recht, aber um dieser Praxis ein Ende zu machen, reicht Empörung nicht, ist ein überheblich-moralischer Zugang gar kontraproduktiv. Das begreift Katja Riemann, und das begreifen wir nach der Lektüre. «Afrikanische Mütter lieben ihre Kinder, und aus dem Grund beschneiden sie sie. Um sie gesellschaftlich nicht auszugrenzen»: So ein Satz lässt einem den Atem stocken, gerade, weil er zutrifft. Wenn unbeschnittene Frauen als «unrein» gelten und für die traditionellen Ehen zwischen Mädchen und Jungen benachbarter Dörfer nicht mehr infrage kommen, sind sie zum sozialen Tod verurteilt.

Man muss geschickt vorgehen. Das tat «Tostan»: Der Erste, den sie überzeugten, war ein Imam. Ihn forderte Molly Melching auf, doch die Frauen seiner Familie zu fragen, wie sie die Beschneidung erlebt hatten. Auf die Einsicht dieser Autoritätsperson folgte die erste «Declaration»: die Erklärung eines ganzen Dorfes, nicht mehr zu beschneiden. Andere Dörfer zogen nach, schliesslich 8000 Dörfer in sechs Ländern. Es sind geradezu herkulische Aufgaben, auf die sich die «humanitarians» einlassen, aber sie können in kleine Schritte zerlegt werden. Kleine Fortschritte mit Folgen.

Auch von einem Projekt in Moldawien. Dort ging es darum, junge Mädchen, Abgängerinnen staatlicher Internate, mit «life skills» auszustatten, sie alltagsklug zu machen, damit sie nicht, verführt von falschen Verlockungen, in Bordellen irgendwo in Osteuropa landen. Es sind wahrhaft herzzerreissende Schicksale, die man hier zu lesen bekommt, und das sind noch die mit einem glimpflichen Ausgang.

Der zu Tode zitierte Vers von Erich Kästner, «Es gibt nichts Gutes/ ausser man tut es»: Hier passt er.

Szenenwechsel. Burundi: Dort päppeln «humanitarians» mangelernährte Kleinkinder auf und statten Hütten mit einfachen Solarlampen aus. Dort lernen wir die unglaubliche Marguerite Barankitse kennen. Sie überlebte ein Massaker, bei dem vor ihren Augen 72 Menschen von Tutsi-Mördern zerstückelt wurden, und gründete danach ein Haus für Waisenkinder, Tutsis wie Hutus, das «Maison Shalom». Mehr als 20'000 Kindern hat sie über die Jahre ein Zuhause gegeben.

Kinder und Frauen, die Schwächsten der Gesellschaft, werden die ersten Opfer in schwachen, zerfallenen oder Bürgerkriegs-Staaten. Etwa im Kongo, wo Kinder entführt und zum Töten gedrillt werden und Vergewaltigung systematisch als Kriegswaffe eingesetzt wird. Hier besucht Katja Riemann zwei Krankenhäuser, in denen Ärzte wie der Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege die zerfetzten Körper wieder zusammenflicken. Fassungslos steht sie, stehen wir Leser dem Hass gegenüber, der sich an Frauen gerade dort austobt, woher alles Leben kommt, in einer Grausamkeit, deren letzte Details uns die Autorin erspart.

Einige der Reisen sind etliche Jahre her, aber die in den Libanon führt ganz nah an die Aktualität. Und an Katja Riemanns Familiengeschichte. Denn ihr Vater hatte dort fünf Jahre als Lehrer gearbeitet, in den «goldenen Zeiten», ehe das Land zerbrach. Sie besucht ein Zeltlager mit syrischen Flüchtlingen (der Libanon und Jordanien tragen, gemessen an der eigenen Bevölkerung, die höchste Last des syrischen Bürgerkriegs). Wieder erleben wir, wie sie, zusammen mit den Helfern vor Ort, Kontakt zu Frauen und Kindern aufbaut, sich deprimierendste Lebensgeschichten erzählen lässt und weder pathetisch noch sentimental, sondern ganz pragmatisch von kleinen Schritten berichtet, die die Lebensbedingungen verbessern. Immer geht es um Bildung, um «empowerment», die Erziehung zur Selbstständigkeit, nach Möglichkeit: ein eigenes Einkommen zu generieren.

Das Erstaunlichste an diesem Buch ist die positive Energie, die von ihm ausgeht. Es führt uns in einige der dunkelsten Zonen der Welt und zeigt, um im Bild zu bleiben, was ein paar Solarlampen bewirken können. Und Schutzräume, Gespräche, Fürsorge, Überzeugungsarbeit. Der zu Tode zitierte Vers von Erich Kästner, «Es gibt nichts Gutes/ ausser man tut es»: Hier passt er.

Katja Riemann: Jeder hat. Niemand darf. Projektreisen. S. Fischer, Frankfurt 2020. 396 S., ca. 38 Fr.

Am Sonntag, 15. März, 20 Uhr stellt Katja Riemann ihr Buch im Kaufleuten Zürich vor.

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