Drei Szenarien zur Martullo-Blocher-Wahl

Wie steht es um die Chancen von Magdalena Martullo-Blocher? Und punkto Zürcher Wohnsitz, wie gross ist dieses Handicap?

Vermutlich steigt bald das Interesse an der Nationalratskandidatin und nicht mehr nur an der Unternehmerin: Martullo-Blocher wird nach einer EMS-PK von Journalisten befragt. (Archiv)

Vermutlich steigt bald das Interesse an der Nationalratskandidatin und nicht mehr nur an der Unternehmerin: Martullo-Blocher wird nach einer EMS-PK von Journalisten befragt. (Archiv)

(Bild: Keystone)

David Schaffner@SchaffnerDavid

Wer Blocher heisst, sollte eine Wahl in den Nationalrat spielend schaffen. Im allerersten Moment jedenfalls drängt sich dieser Gedanke auf. Zumal die 46-jährige Magdalena unter den Kindern Blochers ihrem Vater am stärksten gleicht und nach dessen Wahl in den Bundesrat seine Ems-Chemie übernahm und erfolgreich führte. Doch derart einfach ist die Ausgangslage im Kanton Graubünden nicht.

Erstens hat die SVP nach der Abspaltung des Flügels um BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf im Kanton Graubünden massiv Federn gelassen. Im Jahr 2008 sah sie sich zur Kleinstpartei degradiert und erreichte im kantonalen Parlament nicht einmal mehr Fraktionsstärke. Erst vor rund einem Jahr gelang es ihr, sich den Status als parlamentarische Gruppe zurückzuerkämpfen. Im Mai 2014 konnte sie ihre Sitzzahl auf neun verdoppeln. Dennoch politisiert sie derzeit lediglich als fünftstärkste Partei hinter FDP, CVP, BDP und SP. In Bern stellt sie mit Heinz Brand – einem der starken Männer der SVP Schweiz – derzeit einen von fünf Nationalratssitzen. Es scheint ehrgeizig, im Herbst einen zweiten Sitz zu erobern.

Zweitens ist Martullo-Blocher trotz zehn Jahren an der Spitze der Ems-Chemie in der Bündner Gesellschaft schlecht verankert. «Martullo-Blocher hat ihren Wohnsitz am Zürichsee und nicht im Kanton Graubünden, das ist ein sehr grosses Handicap», meint der Bündner Alt-Nationalrat Andrea Hämmerle (SP). «Meines Wissens gab es noch nie eine Bündner Vertretung in Bern, die ihren Wohnsitz nicht im Kanton hatte.» Im Gegensatz zu ihrem Vater Christoph habe sich Tochter Magdalena, die in der Gemeinde Meilen wohnt, im Kanton keine gesellschaftliche Stellung erarbeitet. «Der Vater trat als Mäzen auf und besass einst das ‹Bündner Tagblatt›», erzählt Hämmerle. «Als Patron war er beliebter als die Tochter.» Magdalena hingegen markiere eher den modernen, kalten Manager-Typus, der im Volk keinen Bonus besitze. Im Herbst sind daher drei Szenarien denkbar:

1. Martullo-Blocher wird gewählt und verdrängt Heinz Brand

Obwohl mehrere Faktoren gegen Martullo-Blocher sprechen, ist das Rennen mit ihrer Kandidatur offen. So konnte der Grünliberale Josias Gasser dank einer Listenverbindung seiner Partei mit den Grünen und den Sozialdemokraten 2011 knapp einen Sitz für die Kleinpartei erringen. Dieser dürfte im Herbst wackeln und allenfalls an eine der grösseren Kräfte gehen. Gleichzeitig tritt mit Hansjörg Hassler einer der bekanntesten und beliebtesten Köpfe der BDP zurück. Beerben möchte ihn der BDP-Spitzenkandidat Duri Campell; ein gestandener Politiker zwar, aber alles andere als ein Charismatiker, der die Wahl schon heute auf sicher hat. «Generell fehlen den Mitteparteien im Herbst die starken Zugpferde», beobachtet Hämmerle.

Unter diesen Umständen scheint es entscheidend, unter welchen Voraussetzungen Martullo-Blocher antreten wird. Offenbar plant die SVP mit zwei verschiedenen Listen anzutreten. Die eine soll der bisherige Heinz Brand anführen, die andere die derzeitige Zürcherin Martullo-Blocher. Gelingt es ihr, mit ihrer Liste diejenige Brands zu überholen, dürfte sie die Wahl schaffen – allenfalls auf Kosten des ehemaligen Chefs der Bündner Migrationsbehörden.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Leitung der SVP Schweiz ihren Bündner Nationalrat im vergangenen Herbst in einer wichtigen Frage fallen liess: Auf Auftrag der Partei hatte dieser eine neue Asylinitiative entworfen, welche die Partei auch gross in den Medien ankündigte. Dennoch war das Projekt plötzlich wieder vom Tisch. Die SVP bevorzugte eine Initiative gegen das Völkerrecht, die mindestens auf den ersten Blick deutlich sperriger wirkt als Brands Asyl-Anliegen. Bereits ein Jahr zuvor musste Brand eine schmerzliche Niederlage erleiden. Knapp schaffte er die Wahl in den Bündner Regierungsrat nicht. Obwohl ein starker Name im Kanton und darüber hinaus; Brands Wiederwahl ist wahrscheinlich, aber nicht sicher.

2. Die SVP gewinnt einen Sitz, Martullo-Blocher und Brand schaffen die Wahl

Eine Sensation wäre es, wenn es der SVP dank zweiter Liste mit den prominenten Namen Brand und Blocher gelingt, ab Herbst zwei Bündner Sitze zu stellen. Spannend wird in diesem Zusammenhang sein, wie gut Brand und Martullo-Blocher im Wahlkampf miteinander harmonieren. Werden sie sich letztlich als Konkurrenten bekämpfen? Oder schaffen sie es, sich als unverzichtbares Frau/Mann-Gespann darzustellen?

Brand jedenfalls dürfte sich kaum über Martullo-Blochers Kandidatur freuen. Der «Blick» hatte ihn vergangenen Herbst bereits als möglichen künftigen Bundesrat genannt. Ohne Konkurrenz mit Namen Blocher wäre seine Wiederwahl im Herbst sicher gewesen. Und als ehemaliger Spitzenmann der Verwaltung hätten es ihm wohl tatsächlich viele zugetraut, als glaubwürdiger Kandidat für seine Partei dereinst einen zweiten Regierungssitz zu erstreiten. Mit Martullo-Blocher erhält er nun eine Gegenspielerin, welche die radikalen Kräfte der Partei ebenfalls als künftige Bundesrätin sehen. Für viele aus dem Zürcher Flügel wäre die Schmach der Abwahl des Vaters aus der Regierung wohl erst überwunden, wenn Blocher in Gestalt seiner Tochter dereinst zurück in den Bundesrat zurückkehren könnte. Wenig überrascht daher, dass sich Brand heute Montagmorgen nicht zur Kandidatur Martullo-Blochers äussern mochte.

3. Martullo-Blocher erleidet eine Niederlage

Die grösste Hürde im Kampf um einen zusätzlichen Sitz dürfte für die SVP die FDP sein. Die Partei stellt die grösste Fraktion im Bündner Parlament und hat vor vier Jahren knapp ihren Nationalratssitz verloren. «Dieser Verlust war eine Sensation», erklärt Hämmerle. «Bis zur Abwahl des Freisinnigen Tarzisius Caviezel war es selbstverständlich, dass die FDP einen Nationalrat nach Bern schickt.» In den Wahlen in Zürich, Luzern und Baselland erstritt sich der Freisinn jüngst beachtliche Siege und scheint gute Chancen zu haben, im Herbst national sein grosses Comeback zu geben. Denkbar ist, dass die FDP auch in Graubünden ihren alten Nationalratssitz zurückerobern kann.

Vor einem Jahr allerdings noch zeigte sich die FDP an den kantonalen Wahlen nicht in der besten Figur. Sie behielt zwar den Status als stärkste Kraft, verlor aber nicht weniger als sechs Sitze im Parlament. Entscheidend wird daher wohl sein, wie stark die Bündner FDP im Herbst mit der Mitte zusammenarbeitet. «Verbinden FDP, CVP und BDP ihre Listen, hat die FDP eine Chance», meint Hämmerle. Nicht von ungefähr hat FDP-Präsident Philipp Müller stets betont, dass seine Partei mit der SVP keine flächendeckenden Listenverbindungen eingehen werde und jeweils mit jenen Kräften kooperiere, die der Partei die besten Wahlchancen ermöglichen.

Was die Bünder zur Kandidatur sagen: Umfrage am Bahnhof Chur. (Lea Blum/Felix Schindler)

* Ab 13.15 Uhr erklärt sich Magdalena Martullo-Blocher an einer Pressekonferenz in Chur, berneroberlaender.ch/Newsnetz berichtet live.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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