Altes Brot für Ente und Schwan?

Mensch und Tier: Wasservögel füttern ist Volkssport und Kindervergnügen, vor allem in der kalten Jahreszeit. Der Brauch wird aber immer mehr eingeschränkt.

Beim Vogelfüttern zeigt sich die wahre Natur der Natur. Foto: Reuters

Beim Vogelfüttern zeigt sich die wahre Natur der Natur. Foto: Reuters

Thomas Widmer@ThomasWidmer1
Michèle Binswanger@mbinswanger

Ja

Vor einiger Zeit sah ich am Greifensee eine Tafel. Die humorige Zeichnung zeigte einen Schwan, der sich den Bauch hielt; ihm war übel. Darüber stand: «Roli Ranger informiert: Vögel sind auf unser Brot nicht angewiesen.»

Mag sein. In den letzten Tagen las man, dass bald ein Fütterverbot kommt, zumindest in den hiesigen Vogelreservaten; eine Verordnung auf nationaler Ebene wurde in diesem Sinn geändert. Und die Stadt Luzern will das Füttern von Schwänen unterbinden.

Gründe für das Fütterverbot gibt es einige. Und dazu viele Fachleute, die sie vortragen. Wir werden immer expertenhöriger. Die letzten Spassreservate des Alltags sterben. Wer weiss, wie lange man noch in der freien Zuckerszene einen Nussgipfel kaufen kann, ohne dass man zuvor einen Diabetes-Risiko-Kurs absolviert hat.

Man hat doch manchmal beim Schlendern am Wasser einfach ein halbes Weggli übrig. Und jetzt gleitet eine Entenfamilie daher. Man zerzupft das Weggli und wirft den Vögeln die Brocken zu. Eine schöne Nähe ist das. Ente glücklich. Mensch auch glücklich.

Oder doch nicht? Neuerdings fühlt man sich als Nichtzoologe eigenartig schuldig. Eine dritte Kreatur hat sich herangedrängt. Ein halbamtliches Gewissen, der eidg. dipl. Tieradvokat. Am Greifensee zum Beispiel patrouillieren Ranger. Sie verstehen sich als gutmeinende Erzieher. Aber irgendwie sind sie auch Schlechtelaunepolizisten.

Klar ist es dumm, Brot sackweise in den See zu kippen. Aber kann denn ein Weggli Sünde sein? Man verbietet doch auch nicht das Autofahren als Ganzes, weil es Raser gibt. Das pauschale Fütterverbot befördert die Entfremdung zwischen Mensch und Vogel. Und was ist mit dem Naturerlebnis des Kindes, dem die Quakente nahe­kommt – ganz ohne Pädagoge?

Überdidaktisiert mir die Schweiz nicht! Es lebe der ungesunde Menschenverstand!

Nein

Entlein füttern mag für Kinder ein Klassiker sein, eine erste intime Begegnung mit der Natur und ihren Bewohnern. Auch ich führte meine Dreikäsehochs einst voll Stolz zum Seeufer, jeder ein Stück Brot in der schweissfeuchten Hand, von dem sie dann zaghaft Stückchen abrissen und un­gelenk ins Wasser warfen.

Darauf kam meist innert Sekunden die gesamte Wasservogelpopulation des entsprechenden Uferabschnitts angeflattert, um fiepsend und keifend ihre unschöne Hackordnung zu demonstrieren: Schwäne attackieren Enten, Enten Blesshühner – und darüber kreisen kreischende Möwen.

Wenn das Brot alle ist, gehen die Schwäne dann auf die Kinder los, die verängstigt das Weite suchen. Immer wieder ein faszinierendes Schauspiel.

Natürlich wäre es schön, Kindern wäre auch künftig erlaubt, sich mittels ein paar Brotbrocken ein Bild über die wahre Natur der Natur zu machen. Wobei Fressneid und Verteilkampf ja keineswegs der Natur vorbehalten sind. Die Kinder sind auch gar nicht das Problem, vielmehr jene notorischen Vogelfütterer, die das Brot gleich kiloweise anschleppen und ihrem Helfersyndrom in einem einzigen Tornado aus Brotkrumen Ausdruck verleihen. Wenn sie nicht gleich ganze Zöpfe und Brote unzerkleinert in den See schmeissen.

Diese Leute möchten Gutes tun, bewirken aber das Gegenteil. Das viele Brot führt dazu, dass die Populationen sich ungehemmt vermehren und bald unter ähnlichen Zivilisationskrank­heiten leiden wie wir Menschen auch: Die Schwäne und Enten werden fett, vom Salz bekommen sie Gicht, und sie verkoten die Ufer. Am Ende stehen die armen Vögel unter demselben Dichtestress wie Pendler zu Stoss­zeiten in der S-Bahn. Kein Wunder, gehen sie aufeinander los.

Da macht man aus dem alten Brot doch lieber Vogelheu.

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