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Bundesarchiv findet verschollenes Crypto-Dossier wieder

Vermisste Untersuchungsakten zur Crypto-Affäre sind überraschend wieder aufgetaucht. Doch das Bundesarchiv sucht noch immer nach gut 80 anderen Dossiers.

Nach monatelangen Abklärungen hat das Bundesarchiv die Akte am Dienstagnachmittag geortet. Foto: Bundesarchiv
Nach monatelangen Abklärungen hat das Bundesarchiv die Akte am Dienstagnachmittag geortet. Foto: Bundesarchiv

Eine der vielen Ungereimtheiten in der Crypto-Affäre ist geklärt: Das Bundesarchiv hat ein verschwundenes Dossier der Bundespolizei wieder gefunden. Es enthält Untersuchungsakten der Bundespolizei aus den 1990er-Jahren, als diese wegen Verdachts auf manipulierte Chiffriergeräte der Zuger Firma Crypto AG ermittelte.

Abhanden kamen die Papiere 2014, als die «Rundschau» von SRF Einblick verlangte. Das Bundesamt für Polizei liess sich aus dem Archiv das Dossier liefern und lehnte das Gesuch ab. Doch als die «Rundschau» sich für die aktuelle Berichterstattung wieder nach den Akten erkundigte, waren diese nicht mehr auffindbar.

Nach monatelangen Abklärungen hat das Bundesarchiv die Akten am Dienstagnachmittag geortet, wie ein Sprecher bestätigt. Das Archiv hat die Suche ausgedehnt auf alle Anlieferungen aus dem entsprechenden Zeitraum. Dabei sei das Dossier in einer anderen Schachtel zum Vorschein gekommen. Wahrscheinlich sei das dünne Bündel beim Archivieren versehentlich in andere Unterlagen gerutscht. Die Unterlagen sind bislang für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, ihr Inhalt bleibt damit vorerst unbekannt.

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Das Bundesarchiv hat das Crypto-Dossier als seltenen Fall bezeichnet. Ein Einzelfall ist es aber keineswegs. Im vergangenen Jahr haben die Archivare des Bundes 87 Dossiers nachgespürt, die verschollen waren. Zehn konnten sie wieder ausfindig machen. Bei den anderen verlieren sich die Spuren, meist im Dickicht der föderalen Bürokratie. Das Bundesarchiv hat auf Anfrage der «Rundschau» die Liste der fehlenden Akten freigegeben. Sie liegt dieser Redaktion vor.

2010 etwa bestellte ein Angestellter des Aussendepartements drei Dossiers zu China in den 1990er-Jahren. Seither fehlt von den Unterlagen jede Spur. Dasselbe gilt für zwei Bündel über das Schweizer Verbindungsbüro in Jericho von 1994 bis 1996.

Verschollen ist auch eine ganze Reihe von Akten der Bundespolizei über Linksextremismus von den 1970er- bis zu den 1990er-Jahren. Ein Platzhalter liegt zwar noch in den Schachteln des Bundesarchivs. Die acht Dossiers, ausgeliehen im Jahr 2011 und gemäss Register noch im selben Jahr zurückgegeben, sind spurlos verschwunden. Mitarbeiter des Bundesarchivs überprüften benachbarte Behältnisse, ähnliche Retouren, befragten den letzten Ausleiher, durchsuchten den alten Lagerstandort und zwei weitere Depots – vergeblich.

Das Bundesarchiv hat reagiert

Eigentlich sollte das System des Bundesarchivs wasserdicht sein: Wird ein Dossier ausgeliehen, legt der Magaziner einen Platzhalter an dessen Stelle. Kommt das Dossier zurück, wird es mit dem Platzhalter verglichen und dieser wieder im System eingecheckt. Ganz fehlerfrei funktioniert das aber nicht. Denkbar ist zum Beispiel, dass ein Dossier an die falsche Stelle zurückgelegt wird. Das fällt erst auf, wenn das andere Dossier, das dort archiviert sein sollte, zurückkommt.

Nun aber hat das Bundesarchiv reagiert. Bisher wurden eingehende Dossiers erst bei der Archivierung kontrolliert, in Zukunft bereits direkt bei Erhalt. Das verhindert das Verschwinden zwar nicht, erleichtert aber die Nachforschung.

Die Liste der vermissten Unterlagen lässt kein Muster erkennen. Einige Asyldossiers sind im Staatssekretariat für Migration verschollen, zehn Bündel betreffen verschiedene ältere Flugzeugimmatrikulationen, einige dokumentieren Kulturinstitutionen wie das Théâtre du Jorat oder die Theatergruppe Mummenschanz oder ein Tonband mit einer Sendung von Radio Eulach von 1985, andere betreffen trockeneren Stoff wie Materialien von 2015 über Verhandlungen mit Deutschland oder ein Notenaustausch von 1993 über die Grenzabfertigung im Flughafen Basel-Mülhausen. Schliesslich fehlen auch vier Pakete von Unterlagen zum Gotthard-Strassentunnel, zwei Akten über die russische Nachrichtenagentur Nowosti, ein Dossier über einen Blindgängerunfall von 1983 und drei Mikrofilme mit Unterlagen der Abteilung für Heeresmotorisierung.

Hinweise, wonach die Behörden das System ausnutzten, um gezielt Akten aus dem Bundesarchiv verschwinden zu lassen, gibt es aber nicht. Das haben die Bundesbehörden auch nicht nötig. Sie sind zwar gemäss Archivierungsgesetz verpflichtet, Unterlagen «von juristischer oder administrativer Bedeutung» oder mit grossem Informationswert dem Bundesarchiv zu übergeben. Vor allem der Nachrichtendienst hat sich in der Vergangenheit aber immer wieder quergestellt. Und auf eine Lieferung pochen kann das Bundesarchiv nur dann, wenn es davon weiss.

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