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«Ich würde auch gehen, wenn ich Hunger hätte»

Eine Jus-Studentin und ein Heilpädagoge diskutieren über die Personenfreizügigkeit. Dann wird es emotional.

Was haben ihnen die Gespräche gebracht? Teilnehmer der Aktion «Die Schweiz spricht» erzählen. Video: Tamedia

Vor einem Café wartet Joane Gautschi, um Punkt zwölf radelt ihr Gesprächspartner Oliver Hengartner ums Eck. Vor dem Gedankenaustausch noch schnell eine Zigarette, dann geht es los.

Die beiden tasten sich nicht lange ab, steigen gleich mit dem Thema ein, das sie beide bewegt: EU und Migration. Der europäische Grundgedanke sei ja gut, findet die 19-jährige Jura-Studentin aus Dietlikon, bei den Jungfreisinnigen aktiv. Aber die EU selbst agiere immer mehr wie ein eigener Staat. Das arrogante Auftreten gegenüber der Schweiz ärgert sie, die Bilateralen will sie aber nicht infrage stellen. Es brauche internationale Kooperation mit dem nötigen Respekt voreinander.

Hengartner sieht das Verhältnis zu Europa pragmatisch. Die EU sei nun mal der grössere Partner, die Schweiz keine Insel. Der 30-jährige Heilpädagoge mit prächtigem Schnauz ist gerade noch mit dem Töff durch Südtirol und Österreich gefahren, 22 Alpenpässe. Er schätzt es, sich in Europa frei bewegen zu können.

Das Gespräch verläuft respektvoll. Beide hören einander zu, schauen sich an, lassen sich ausreden. Hengartner wird lauter, wenn ihm etwas wichtig ist. Einmal haut er mit der Hand auf den Tisch. Ab und zu dreht er an den Enden seines Schnauzes. Gautschi dagegen, dezent geschminkt und mit kleinem Tattoo am Handgelenk, spricht ruhig. Nur einmal schlägt sie die Hände über dem Kopf zusammen. Dass man nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative einen SP-Mann nach Brüssel geschickt habe, versteht sie nicht. «Wie kann einer mit der EU verhandeln, wenn er nicht hinter der Position steht, die er vertreten muss?»

Als es um die Migration geht, wird Hengartner emotional. Er spricht von Solidarität und hat Verständnis für Flüchtlinge. «Ich würde auch gehen, wenn ich Hunger hätte», sagt er. Man müsse in den Krisenländern selbst etwas tun – es sei deshalb falsch, bei der Entwicklungshilfe zu sparen. Flüchtlinge an den Grenzen abzuweisen, die Schweiz den Schweizern, das sei für ihn aufkommender Faschismus. Das aufblitzende Extreme passt dazu, wie sich Hengartner als Jugendlichen beschreibt. Sehr links sei er gewesen. Die SVP-Plakate mit den schwarzen Schafen hätten ihn politisiert.

Für Gautschi ist klar: Wer aus Not kommt, soll aufgenommen werden. Die Personenfreizügigkeit sieht sie kritisch. Vor allem, wenn Leute im Land geduldet werden sollen, obwohl sie nicht arbeiten. Bei ihr wird deutlich: Sie hält selbstbewusst Schweizer Werte hoch. Und überrascht im nächsten Moment.

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Der Bub, der...

Homosexuelle Paare sollten Kinder adoptieren können, findet Gautschi. Hengartner hadert in dieser Frage. Da war ein Bub, erzählt er, der werde von zwei lesbischen Frauen aufgezogen. In der Schule sei der Junge dann nicht mit einer männlichen Lehrperson klargekommen. Das habe ihm zu denken gegeben. «Natürlich sollen Homosexuelle Kinder betreuen können. Ich bin für Gleichberechtigung!», sagt er. Doch es müsse Bezugspersonen beider Geschlechter geben, Männer, zu denen der Junge aufschauen könne. Das gelte selbstverständlich auch für andere Konstellationen, fügt Hengartner an.

Gautschi ist Einzelkind. «Ich hatte keinen Vater. Meine Mutter hat mich so erzogen, dass ich keinen Mann in meinem Leben brauche.» Sie habe profitiert von dieser «einseitigen» Erziehung. Doch auch hier finden sich die zwei wieder: Adoptieren Homosexuelle ein Kind, wäre ein Göttisystem denkbar, in dem beide Geschlechter vorkommen.

Die dritte Säule

Zum Schluss kommen die beiden auf die Altersvorsorge zu sprechen. Gautschi ist besorgt – nicht unbedingt das, was man von einer Neunzehnjährigen erwarten würde. Sie wolle so bald wie möglich beginnen, in die dritte Säule einzuzahlen. Die Parlamentarier in Bern schöben das Problem unnötig auf die lange Bank. Vermutlich gehe es ihnen einfach zu gut mit ihren Gehältern. An der zweiten Säule stört sie, dass der Arbeitgeber die Wahl der Pensionskasse übernehme. Für sie ist, da ist sie wieder sehr liberal, die private Verpflichtung zur Vorsorge zentral. Ihr Gegenüber sieht drei Möglichkeiten: Entweder man überlasse jeden sich selbst und habe dann Zustände wie in den USA, erhöhe die AHV-Beiträge drastisch oder führe das bedingungslose Grundeinkommen ein. Amerikanische Verhältnisse will Gautschi auch nicht. Die letzte Idee findet sie sympathisch, wägt aber ab: «Ich weiss nicht, ob wir schon so weit sind.»

Am Ende des Gesprächs befindet Oliver Hengartner: So klassisch liberal sei Joane Gautschi ja gar nicht. Deshalb fühle sie sich beim Jungfreisinn wohl, entgegnet sie, in der FDP habe sie viele Möglichkeiten. In Migrationsfragen positioniere sie sich eher rechts, beim Umweltschutz eher links. Mit solchen Ansichten hätte sie beispielsweise in der SVP keine Chancen. «So wenig Staat wie möglich, aber so viel wie es braucht», fasst sie zusammen. Eine politische Karriere kann sich die Frau durchaus vorstellen. Nationalrätin werden wäre ein Traum.

Gautschi und Hengarter haben gefunden, was sie gesucht haben: eine andere Meinung. Es sei wichtig, die Bedürfnisse des anderen zu verstehen. Nur so könne man Kompromisse finden, sagt sie. Das Konstruktive habe ihm gefallen, sagt er. Und dass man sich nicht angeschrien habe wie im Fernsehen.

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